, 10. Januar 2018
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Roman eines Schlüssellosen

Aus dem Januarheft: Nach Prosatexten von Tim Krohn, Friedrich Dürrenmatt und Thomas Hürlimann bringt das Theater St.Gallen erneut einen Roman auf die Bühne, «Matto regiert» von Friedrich Glauser. von Eva Bachmann

Der Spruch ist nicht ganz neu, zugegeben: «Was ist der Unterschied zwischen einem Wärter und einem Insassen einer Psychi? 
– Der eine hat einen Schlüssel, der andere nicht.»

Als Friedrich Glauser 1935 seinen dritten Roman Matto regiert schrieb, war er knapp 40 Jahre alt und hatte schon einige Erfahrung im Status ohne Schlüssel: Landerziehungsheim Glarisegg, Irrenanstalt Steigerhubel Bern, Psychiatrische Klinik Burghölzli Zürich, Fremdenlegion («die Gewähr der allersichersten Verwahrung»), Irrenanstalt Tournai (Belgien), Haft- und Arbeitsanstalt Witzwil, Psychiatrische Klinik Waldau und wiederkehrend: Psychiatriezentrum Münsingen, wo Glauser insgesamt sechs Jahre seines Lebens verbrachte und sich einer Psychoanalyse bei Max Müller unterzog. Münsingen war auch der Ort, wo er die Pflegerin Berthe Bendel kennenlernte, die ihn 1938 heiraten wollte.

Der Grund seiner Internierungen? Liederlicher Lebenswandel, Diebstähle, Rezeptfälschungen, Suizidversuche, Morphium vor allem.

Der Geist des Irrsinns

Sie kommen zum Unbewussten zu Besuch, zum nackten Unbewussten, oder wie es mein Freund Schül poetischer ausdrückt: Sie werden eingeführt ins dunkle Reich, in welchem Matto regiert. Matto!… So hat Schül den Geist des Irrsinns getauft.

Mattos Reich ist die Heil- und Pflegeanstalt Randlingen, ein roter Ziegelbau in U-Form mit vielen Türmchen, genau wie in Münsingen. Eingeführt in dieses Reich wird Wachtmeister Studer, er soll das Verschwinden des Direktors Borstli und den Ausbruch des Patienten Pieterlen aufklären. Schon auf der Fahrt kommt Studer ins Grübeln, hat er seit seinem Karriereknick doch selber den Ruf, er spinne ein wenig. Dr. Laduner, II. Arzt und stellvertretender Direktor, meint nur:

Die Diskrepanz, die zwischen der realen Welt und unserem Reiche besteht, wird Sie vielleicht am Anfang unsicher machen. Sie werden sich unbehaglich fühlen, wie jeder, der zuerst eine Irrenanstalt besucht. Aber dann wird sich das legen, und Sie werden keinen grossen Unterschied mehr sehen zwischen einem schrulligen Schreiber Ihres Amts- hauses und einem wollezupfenden Katatonen auf B
[der Beobachtungsabteilung].

Matto regiert: 12. Januar, 19.30 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen bis 23. März, Theater St.Gallen

theatersg.ch

Beruhigend ist das nicht wirklich. Vor allem nicht für einen wie Studer, der zwar wie ein gewöhnlicher «Schroter» Indizien sammelt und gelegentlich auch mikroskopiert, vor allem aber mit gesundem Menschenverstand ermittelt – ausgerechnet! Studer beobachtet. Was Glauser die Gelegenheit gibt, eine ganze Reihe von Charakteren zu zeichnen, eigensinnig allesamt, stolz und verletzlich, menschlich halt. Und Studer hört zu. Glauser hält es in kernigen Dialogen fest, in Mischungen von Berndeutsch bis Fachchinesisch. Dabei erfährt Studer Wahres von Verrückten und Krankes von Gesunden. Irgendwann ist nicht einmal mehr klar, wer hier alles einen Schlüssel hat.

Mattos Marionetten

Matto! Er ist mächtig. Alle Formen nimmt er an, bald ist er klein und dick, bald schlank und gross, und die Welt ist ein Puppentheater. Sie wissen nicht, die Menschen, dass er mit ihnen spielt wie ein Puppenspieler mit seinen Marionetten… Und dabei sind seine Fingernägel lang wie die eines chinesischen Gelehrten, gläsern und grün…

Die unscharfe Grenze von krank und gesund, von Realität und Wahn hat Glauser am eigenen Leib erfahren. Als Entmündigter war er der Herrschaft der sogenannt Gesunden – dem Vater, den Ärzten, dem Vormund, den Behörden – ausgeliefert. Dass «so einer» hinter die Fassaden und Visagen der Psychiatrie blickt, war in den 1930er-Jahren unerhört. Und auch wenn Patienten längst nicht mehr mit Bädern kuriert werden, hat der Roman bis heute nichts von seiner Kraft eingebüsst. Denn Glausers Sprache und Figuren haben Saft. Das ist dankbar für eine Umsetzung auf der Bühne. Schwieriger werden dürfte, dass Studer ein grosser Schweiger ist, der sich seine Sache denkt.

Übrigens gelingt es dem Wachtmeister, den Kriminalfall aufzuklären, aber: «Er schämte sich. Er hatte gar nichts verstanden.» Auch Sieg und Niederlage verwischen sich in diesem Roman. Die Welt ist nicht in Ordnung zu bringen.

«Wo hört Mattos Reich auf, Studer?» fragte der Arzt leise. «Am Staketenzaun der Anstalt Randlingen? Sie haben einmal von der Spinne gesprochen, die inmitten ihres Netzes hockt. Die Fäden reichen weiter. Sie reichen über die ganze Erde… Matto wirft seine Bälle und Papiergirlanden […] Wir sind allesamt Mörder und Diebe und Ehebrecher… Matto lauert im Dunkeln… Der Teufel ist schon lange tot, aber Matto lebt, da hat Schül ganz recht…».

 

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