, 24. August 2017
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Rotieren bis zum passenden Refrain

Wäre Fussball Musik, wären die ersten Klänge des neuen FCSG-Albums noch etwas unsauber. Aber mit Potenzial. SENF analysiert den Saisonstart und die Musiker.

Bild: co

Jedes Fussballspiel hat einen gewissen Sound. Die spannenden Begegnungen sind laut. Latenter Olma-Geräuschpegel, Szenenapplaus, überraschter Aufschrei, nervöses Knistern in Strafraumnähe, lautes Zurückweichen der Sitzschalen bei plötzlichem Aufstehen, kollektives Schreien. Auch am Fernseher singt das Spiel ein Lied. Durch die Lautsprecher hallt das hoffnungsvolle Anfeuern bei vielversprechendem Ballgewinn, der Kommentator hebt die Stimme und beschleunigt die Wortkadenz, die Gespräche vor dem Bildschirm weichen dem ungeduldigen Fingernägelkauen.

Die rockigen Spiele – vorbei?

Viele Partien jedoch klingen mittlerweile ähnlich. Ähnlich leise. Die Mutation vom Fussballverein zum globalen Unternehmen hat vor allem im internationalen Kräftemessen einen äusserst vorhersehbaren Klangteppich erzeugt. Das Ergebnis: Mit einigen wenigen Ausnahmen – blaue Füchse und zweikampfbrünstige spanische Hauptstädter – geben die Immergleichen den Ton an. Aber es gibt sie noch, diese rockigen Spiele. Auch in St.Gallen. Als man Sitten am zweiten Spieltag überzeugend 2:0 bezwang, war es laut. Der Konter kurz vor Schluss zur Entscheidung hörte sich wunderbar an. Die Instrumente harmonierten. Barnetta sah den freien Raum, in welchen Aratore stiess, der wiederum Ajeti im Fünfmeterraum bediente.

Doch seit diesem Sieg über die Walliser sind die Spiele des FCSG nicht mehr laut. Besonders die Schlussphasen gegen Luzern und GC waren enttäuschend, wobei natürlich nicht der einmal mehr lächerlich leere und entsprechend stimmungslose Letzigrund gemeint ist, sondern die Abstinenz dieser überraschten Aufschreie. Es gab schlicht keinen Anlass dazu. Dafür waren die letzten Auftritte des St.Galler Ensembles zu uninspiriert, zu mutlos, zu leise. Dabei hätte mans gern so:

Klar sind fünf gespielte Runden nur überschaubar aussagekräftig. Das fachmännische Auge versucht, Tendenzen zu erkennen, mindestens aber am Stammtisch bereits Erwähntes auf Papier zu bringen. Und wenn ein Spiel Musik macht, dann wäre eine Saison ein Album. Den Opener hätten wir uns entsprechend schon angehört. Klar, da warten noch viele andere Songs, doch lässt uns das Anfangsstück erahnen, wie der Rest aussehen könnte.

Ouvertüre: die Identifikationsfigur

Dem FC St.Gallen ist der Opener – trotz einiger Durchhänger – insgesamt nicht allzu schlecht geglückt. Kein glorioses Politik von Coldplays damaligem Meisterwerk A Rush of Blood to the Head, aber immerhin. Betrachten wir uns den Start etwas genauer.

Daniel Lopar im Tor ist eine Identifikationsfigur, und die sucht man vielerorts händeringend. Am Rheinknie stattete man einen verspielten Argentinier mit jenem Emblem aus, da es wohl auf dem Platz an Optionen mangelte. Die Identifikationsfigur Lopar ist gut auf der Linie, nach wie vor aber etwas unbeholfen mit dem Ball am Fuss. Umsichtige Verantwortliche dürften sich allmählich nach einem technisch versierteren Nachfolger umsehen. Die wahre Identifikationsfigur Lopar verabschieden wir dann dereinst im letzten Heimspiel der Saison gegen den FC Basel mittels Platzsturm. Dangge, Dani!

Mit Ersatzkeeper Stojanovic steht bereits ein durchaus fähiger Mann mit langfristigem Vertrag bereit. Ein Modell, wie man es in Luzern oder Bern praktiziert, scheint nicht allzu abwegig.

Verteidigung: Dissonanzen ums System

Lopars Defizite im Umgang mit dem Plastik werden mitunter durch eine der augenscheinlichsten spielerischen Änderungen seit dem Amtsantritt Giorgio Continis offenbart: dem Spielaufbau. Selbst bei hochstehenden gegnerischen Angriffs- und Mittelfeldreihen verlangt Contini, den weiten, oftmals ziellosen Ball zu unterlassen und stattdessen über die Verteidiger flach aufzubauen.

Der Match im Letzigrund förderte auch die Erkenntnis zutage, dass Alain Wiss für jenen spielerisch ambitionierten Aufbau wesentlich ist. Der Widersacher hat einzig den Passweg zum derzeitigen Sechser Peter Tschernegg zu blockieren, um die Spieleröffnung in den Aufgabenbereich der St.Galler Verteidigungsreihe zu befördern. Doch dort tun sich die meisten grün-weissen Defensivprotagonisten schwer, einen sinnvollen ersten Ball zu spielen. Ausser eben der unter Joe Zinnbauer kaum mehr berücksichtigte Wiss.

Will man die Defensive beurteilen, muss man immer auch die Frage nach dem System beantworten. Die Dreierkette wartet mit anderen Aufgaben auf als die Viererkette. Contini startete die Spielzeit mit Viererkette, wo der solide Neuzugang Philippe Koch rechts begann. Für die Dreierkette, auf die Contini mittlerweile umgestellt hat, ist Koch nicht prädestiniert, da es ihm an Offensivdrang fehlt. Über jenen verfügt der fleissige und ungleich flexiblere Andreas Wittwer, der in beiden Systemen Platz findet.

Karim Haggui mimt wie gewohnt den erfahrenen Leitwolf mit Stärken im Zweikampf hoch wie tief, mit Schwächen aber im Stellungsspiel und bezüglich Geschwindigkeit. Bei Silvan Hefti erhofft man sich den nächsten Schritt, wenn auch damit zu rechnen ist, dass der 19-Jährige bei Erfüllung dieser Hoffnung kaum zu halten ist. Der jüngste Neuzugang Yrondu Musavu-King ist erst einmal für Grün-Weiss aufgelaufen. Eine kräftige Erscheinung, dessen fehlende Spielpraxis beim 0 : 2 erbarmungslos aufgedeckt wurde. Mal sehen, ob sich der Gabuner steigern kann.

Gedämpfter Optimismus im Talentschuppen

Im Mittelfeld zählt Tschernegg zu den Gewinnern der Startwochen. Der Österreicher ist ein umsichtiger Ballverteiler, der glücklicherweise nicht unter der im Fussball weitverbreiteten Krankheit der Selbstüberschätzung leidet. Tschernegg macht das, was er kann: einfache Bälle spielen. Der unsägliche Berlin-Mitte-Pferdeschwanz ist sein einziges Zugeständnis an den Übermut. Ansonsten meist angenehm unaufgeregt, wenn er den Ball hat. Spannend zu beobachten dürfte sein, was Contini macht, wenn Captain Nzuzi Toko zurückkehrt. Toko ist ein anderer Spielertyp. Eher Abräumer als ruhiger Ballverteiler. Man kann dies auch als Chance begreifen.

Tscherneggs Mittelfeldgenosse Stjepan Kukuruzovic ist ebenfalls neu beim FC St.Gallen, zeigt sich aber unauffälliger. Obwohl der Neuzugang aus Vaduz immer beginnen durfte, ist er noch kein federführender Akteur im St.Galler Mittelfeld. Es scheint, als suche der 28-Jährige noch nach einer sinnvollen Balance zwischen defensiver Kontrolle und offensivem Kreieren.

Bei Yannis Tafer oder Danijel Aleksic bemühen wir uns nun schon länger, Optimismus walten zu lassen. Kein naives Vorhaben, sind die beiden doch überdurchschnittlich talentierte Fussballer.

Das bekannte Dogma, dass Talent alleine eben nicht alles sei, greift zu kurz und gehört zurück in den Sprüche-Baukasten von Trainern. Eine solche Aussage steht externen Beobachtern nicht zu, da sie zwischen den Zeilen fehlenden Fleiss unterstellt. Gleichwohl gehört es zu den Aufgaben eines hoch veranlagten Spielers, diese Fertigkeiten auch in Wettkampfmomenten abrufen zu können. Sowohl bei Tafer als auch bei Aleksic sind solche Augenblicke äusserst rar. Ob Contini den beiden zur ersehnten Konstanz verhelfen kann? Bei Aleksic zumindest sind Fortschritte sichtbar.

Fortissimo – manchmal – im Sturm

Bei Nassim Ben Khalifa scheint man ähnliche Symptome auszumachen. Zweifelsfrei ist der weitgereiste Romand ein Spieler, der Intelligenz, technische Raffinesse und einen guten Abschluss mitbringt. Dass er trotz U17-Weltmeistertitel und Bundesliga-Verträgen mit 25 beim FC St.Gallen spielt, spricht allerdings nicht für die erfolgreiche Umsetzung der genannten Attribute. Auch hier ist Contini gefordert. Ben Khalifa wirkte in seinen bisherigen Einsätzen teilweise etwas isoliert.
Roman Buess ist ebenfalls eine Alternative im Sturm. Er ist ein anderer Stürmertyp als Ben Khalifa. Nicht so kombinationssicher, dafür aber physisch robuster. Einer, der sich aufreiben kann im Zweikampf mit gegnerischen Verteidigern, um Räume zu schaffen. Dass man auf der Stürmerposition verschiedene Spielertypen hat, spricht auch für den ehemaligen Sportchef Christian Stübi, der den Kader nachvollziehbar verstärkt hat.

Anders als Tafer und Aleksic präsentieren sich da die nicht minder talentierten Marco Aratore und Albian Ajeti. Den beiden gelingt Bemerkenswertes: Selbst an schwachen Tagen gibt es diese einzelnen Augenblicke, in denen sie offensiv Vielversprechendes kreieren. Insbesondere Ajeti schafft es stets, sich in ein Spiel zu kämpfen. Notfalls lässt er sich fallen und sichert sich im Mittelfeld Berührungen mit dem Spielgerät, um initiierend auf das Spiel einwirken zu können. Es ist wohl die seltene Melange zwischen kraftvoller Kampfeslust und beachtlichen technischen Fähigkeiten, die den Stürmer so begehrt machen. Beide sind derzeit Fixstarter. Aratore stand sogar trotz vorhandener Alternativen auf den Flügelpositionen in sämtlichen fünf Partien in der Startelf. Wie im übrigen auch naturgemäss Lopar, Haggui, Tschernegg und Kukuruzovic.

Der zündende Refrain fehlt

Ein richtiges Gerüst, einen verlässlich guten Refrain, hat Contini bislang aber noch nicht gefunden. Im FC St. Gallen hatte man eines in der Meistersaison. Man hatte im Herbst 2007 eines, als man mit Philippe Montandon, Marcos Gelabert und Francisco Aguirre zwischenzeitlich vom Leaderthron grüsste. Und man hatte mit dem zurückgekehrten Montandon, Stéphane Nater und Oscar Scarione eines, als man furios kontinentales Berufsreisen erreichte.

Das mag daran liegen, dass mit Anführer Toko ein Baustein dieses Gerüsts noch einige Wochen fehlt. Das liegt mutmasslich aber auch daran, dass es Tranquillo Barnetta (noch) nicht schafft, unverzichtbar für diese Mannschaft zu sein.

Dies gründet womöglich darauf, dass Contini rotierte. Im Falle des GC-Spiels tat er dies auf vier Positionen. Für Wohlwollende erscheint dies sinnvoll, da eine englische Woche mit zwei Auswärtspartien an die Substanz geht. Andere werden anmerken, dass sich so kaum Automatismen erarbeiten lassen. Nur: Contini liess die Startelf einzig vor dem Luzern-Spiel unberührt. Und prompt verlor der FCSG nach seltsam lethargischer Vorstellung 0:2. Rotation muss also nicht schlecht sein.

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