, 3. Februar 2010
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Rotten in Ronne

von Nikolaus Benda Gefreiter Benda,Logbucheintrag 03.02.10 Hm-hm … erstmal die Stimme frei kelstern und den Grind aus den Augen reiben. So, jetzt gehts. Liebes Logbuch: Lange keinen Eintrag geschrieben da in Ermangelung von natürlichem Tageslicht und Sauerstoff das Verfassen eine Eintrags zur Qual wird. Befinden uns ca. 20’000 Meilen unter dem Bühnenboden, der Tanker knarzt […]

von Nikolaus Benda

Gefreiter Benda,Logbucheintrag 03.02.10

Hm-hm … erstmal die Stimme frei kelstern und den Grind aus den Augen reiben. So, jetzt gehts. Liebes Logbuch: Lange keinen Eintrag geschrieben da in Ermangelung von natürlichem Tageslicht und Sauerstoff das Verfassen eine Eintrags zur Qual wird. Befinden uns ca. 20’000 Meilen unter dem Bühnenboden, der Tanker knarzt und kracht, zu gross ist der Druck von aussen, gescheite, tiefgehende und doch heitere, gut portionierte, aber verdauliche Kost zu produzieren! Aber er hält, jaaa, er hält! Und so lange dies der Fall ist, halten Stimmbänder und Knochen auch – müssen halten. Nerven reisst euch zusammen .. c`mon you little Fighter … Aber halt. Halte ein, keine Panik, ganz ruhig. Liebes Logbuch, hier etwas, das ich dir schreiben muss: So hat uns doch der „Alte“ letzte Woche auf Seerohrtiefe gehen lassen, im Sucher das beschauliche Visp, am Fusse des Matterhorns. Da wir ausgezeichnet geackert haben und der Tanker im Schnitt zehn Knoten macht, ist uns ein Landgang erlaubt worden mit Übernachtung im Hotel Rhone ( bin von Kollege Steck mit der Doppelacht im Gepäck gleich belehrt worden, dass die richtige Aussprache RONNE ist! Der kennt sich aus an Land der Hund. Unser Heitzer und Dienstältester. Ein kräftiges Hoch auf Steck!!) Ach, du liebes Logbuch! Was war das für ein Erlebnis; gleich wenn man den Eingangsbereich betreten hat, roch es nach nassem toten Hund der langsam schonend in der Küche sanft gegart wird. Nein, die Freude war übergross! Erstklassige Zimmer mit Wänden aus feinstem Papier, endlich wieder aus dem Fenster schauen und einen Parkplatz sehen. Gottseidank, wenn man sich ins Bett gelegt hat, klappte man wie ein Sackmesser in der Mitte zusammen, das war sehr angenehm, denn die Bettdecken gingen bis knapp unter den Bauchnabel – falls es die Füsse warm haben sollten. Ach, vor lauter Freude fielen wir in das Visper Irish Pub, dort gibt es eine Seltenheit, die du nicht glauben wirst. Die Seeraüber Jenny von der Theke hat mir erzählt, dass der Dreck in den Gläsern schon seit mindestens einem halben Jahr dort fest hängt, echter irischer Dreck, den man nur unter starker Aufwendung des Fingernagels weg bekäme. Prost!. Und noch eins mit Zwetschgä! Jawoll, rülps, die Truppe auf Landgang. Im Theater nebenan haben sie „Romeo und Julia“ gespielt von Shakes-hicks-beer, das hat uns der Kaleun dann noch als Abschluss spendiert. Die hatten alle lustige Perrücken auf , haben derbe Spässe gemacht und haben mit echten Degen gekämpft. Naja, traurig am Schluss waren alle tot, weil sie zu viel Zwetschgä aus klienen blauen Fläschchen getrunken haben. Unser Kaleun ist dann gleich nachhause gegangen, weil er meinte, dass das ganze eine Schande für die Kunst sei!? Aber liebes Logbuch, weisst du was? Ich glaube, der wollte einfach nicht in dem tollen Hotel Rronne schlafen sondern lieber auf unseren Tanker aufpassen! Recht so, schliesslich ist er Kapitänleutnant! Dafür hat er dann halt den Kaffee am nächsten morgen im Frühstücksraum verpasst! HHHuuuarrrrgggggg, puuuhhhh, das war harter Stoff, der hat dann wieder richtig Tinte auf den Füller gebracht, da fällt einem das Arbeiten gleich doppelt so leicht. Denn wir hatten ja auch doppelten Dienst, deswegen sind wir auch extra doppelt gut behandelt worden vom „Alten“! Ach, mein liebes Logbuch, nun sind wir schon wieder lange unterwegs und der nächste Landgang liegt in weiter Ferne, weiter als mann sich Illyrien überhaupt denken kann. Aber beim nächsten mal dürfen wir in einem Zelt schlafen, das vor unserem Heimatbunker steht, und stell dir vor, auch dort kann wieder ordentlich gefeiert werden. Grosszügig, nicht? „Morgen in Augsburg“ und am 24. Februar  wieder ein Theaterstück angucken! NEIN, NEIN, da passt unser Kaleun schon auf uns auf, dass die menschliche Wärme nicht verloren geht. Liebes Logbuch, es wird tief und dunkel um uns herum, das Knacken … das Knarzen … bis bald … mehr Licht!!

I`m goin under, I`m goin under … I`m goin under and i can`t turn wrong!!
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