Da ist so viel Schein, dass gar kein Platz mehr bleibt für ein Sein. Zhenya, die Mutter, trainiert den Körper, lässt sich die Schamhaare mit Wachs entfernen und setzt sich in den Sozialen Medien in Szene. Foodporn und Selfies aus dem Beauty-Salon. Boris, der Vater, muss dem Chef vorgaukeln, mit seinem Ehe- und Familienleben sei alles in bester Ordnung. Genau wie seine Kolleginnen und Kollegen. Denn der Chef ist orthodoxer Christ, und wer den russisch-christlich-orthodoxen Familienidealen nicht gerecht wird, hat in der Firma nichts verloren und muss mit der Entlassung rechnen. Und so ist es am Ende nicht verwunderlich, wenn das Sein, die Existenz des Kindes, sich mehr und mehr auflöst.
Denn ein Punkt, an dem sich die lautstarken Streitereien der sich gegenseitig hassenden Noch-Ehepartner entflammen, ist Aljoscha, der gemeinsame Sohn. Bei wem wohnt er nach der Scheidung und dem Verkauf der Wohnung? «Er braucht seine Mutter», sagt Boris, der seine neue Freundin, mit der alles ganz anders ist als mit Zhenya, schon geschwängert hat.
«Nein, in seinem Alter braucht er viel mehr seinen Vater», entgegnet Zhenya, deren neuer Freund der erste Mann ist, den sie je richtig geliebt hat. «Dann eben ins Internat, bevor er ins Militär geht», brüllt sie. Dort könne er sich schon einmal ans Alleinsein gewöhnen. Der zwölfjährige Sohn kriegt das alles mit und weint stille Tränen. Und ist einen Tag später verschwunden.
Unsympathisches Personal
Die Hauptfiguren im neuen Film des russischen Regisseurs Andrei Swajaginzew sind mit Ausnahme des Jungen Aljoscha unheimlich unsympathisch. Sie bevölkern ein düsteres Russland, ein Putin-Russland, das sich hauptsächlich übers Autoradio als dunkle Ahnung in die Unmenschlichkeit dieses Films mischt.
«Ich wollte dieses Kind wirklich nicht», verrät Zhenya ihrem neuen Freund. «Als sie ihn mir brachten, war ich angewidert. Ich habe nicht einmal Milch produziert. Bis heute denke ich, ich hätte einen schlimmen Fehler gemacht, wenn ich ihn sehe. Ich will unbedingt glücklich sein. Ich bin ein Monster, nicht?» Und ihr neuer, reicher Schablonenfreund antwortet: «Natürlich. Das wunderbarste Monster der Welt.»
Loveless von Andrei Swajaginzew: ab 10. Mai, Kinok, St.Gallen kinok.ch
Und dann ist Aljoscha weg. Abgehauen. Entführt? Die Polizei kümmert sich erstmal gar nicht, empfiehlt, eine Gruppe Freiwilliger zu engagieren, die gemäss dem Polizisten tatsächlich Resultate liefern. Der Staat ist kalt und gleichgültig. Genau wie die Eltern, die allerdings allmählich zu realisieren beginnen, dass ihr Sohn doch irgendwo in ihren Verantwortungsbereich fällt. Sie müssen sich zusammenraufen. Aber die Hoffnung, so viel ist klar, liegt in Sachen Aljoscha – auch in Bezug auf die Zukunft Russlands? – allein auf den Schultern der Freiwilligen aus der Zivilbevölkerung.
Die Zukunft
Loveless ist kein vergnüglicher Film. Auch keiner, den man versteht, ohne sich eingehend Gedanken zu Russland zu machen. Er spielt an den Rändern Moskaus. Vieles ist zerfallen, anderes so modern wie die modellierten Existenzen seiner Figuren. Die Unmenschlichkeit der lieblosen Eltern passt zum Bild, das Swajaginzew vom modernen Russland zeichnet.
Putin hat vor einigen Tagen erneut geschworen, sich als Präsident voll und ganz in den Dienst des russischen Volkes zu stellen. Die Zukunft des Volkes sind die Kinder. Und auch wenn der Regisseur in Cannes sagte, er sehe sich nicht als Regime-Kritiker, drängt sich eine entsprechende Interpretation dieser Parabel recht aufdringlich in den Vordergrund. Der zwölfjährige Aljoscha scheint jedenfalls von allem Anfang an ein verlorenes Kind zu sein.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative