Donnerstagabend in der Altstadt: der Abendverkauf ist zwar längst nicht mehr das Eventspektakel wie auch schon, dafür drückt im «grössten Einkaufszentrum der Ostschweiz», wie die Altstadt auch schon genannt wurde, langsam aber sicher wieder etwas Leben durch.
Ein eher junger Mensch mit lauter Stimme, geschleckter Haarfrisur und musealer Mönchskutte bringt seine Lieblingsgeschichten unter die Leute. Leute mit Wurst in der Hand und einige Normale bevölkern die Gassen, eine von Cops freudig observierte Demonstration («Freiheit für Öcalan», «Hoch die internationale Solidariät») bringt etwas Stimmung und am Marktplatz steht ein Mensch mit Mikrofon auf einem Schiffscontainer.
«Gail, da isch jetz e gueti Sach», meint eine Davorstehende. Etwas über hundert Leute stehen zwischen unbeteiligten, wartenden Taxis und ebendiesem Container des städtischen Theaters, woran eine Champagnerflasche an einem schlechtgezimmerten Galgen hängt.
«Ich freue mich – wir freuen uns» proklamiert das Sprechtheater-Ensemble und das Rock’n’Roll-Publikum macht freudig mit: Zipfelkappen, Dächlikappen, Mamis, Papis, eine Techno-Ikone der Stadt, ein billigbiertrinkender Bärtiger, Freund*innen des Theaters und Angestellte desselben stehen in einem Halbkreis davor, der für einmal nicht ironische Distanziertheit oder nobles Nasenrümpfen bedeutet, sondern freie Sicht auf die plexygläserne Frontseite des Containers ermöglicht.
Mit einem eindringlichen Stampfer aktiviert Mensch auf Container die Tanzkompanie, welche in dieser zoo-ähnlichen Kiste zu Compay Segundo und experimentelleren Genossen daran erinnert, dass eigentlich recht wenig getanzt wird auf dem Marktplatz. Das Sprechtheater spricht wild durcheinander, bis es wieder von der Fusssohle des Selfieknipsenden darüber zur Ordnung gestampft wird.
Eine Allegorie der städtischen Öffentlichkeit? Jedenfalls hat der in China gebaute und in Nordkorea zugelassene Schiffscontainer «St.Gallen grad noch gefehlt», wie die Festrede weiss, und darüber freuen sich nun wirklich alle.
Ein Tanz-Theater-Konzert-Container ist wirklich nicht das dümmste, was dem Zankapfel Marktplatz passieren konnte. Man ertappt sich beim Fehlschluss, das der Container etwas ungünstig platziert wurde, der Platz irgendwie Unort-Charakter aufweist, und ohrfeigt sich sogleich: das ist der Marktplatz der Stadt! Einen anderen gibt es nicht, und hier, genau hier sollte eigentlich der Teufel los sein. Und wenn man vom Dionysos spricht ist auch das Theater nicht weit entfernt.
Hochkultur (im kritischen Wortsinn) ist das nun wirklich nicht mehr. Das Theater setzt sich etwas aus, und nimmt uns bei diesem richtigen Schritt an der Hand: den öffentlichen Raum muss man sich aneignen, sonst bleibt er (zu teure) Verkaufsfläche, und das ist Platzverschwendung. Ob vor oder hinter dreckigen Containerscheiben, auf Markplätzen soll getanzt werden. Und die Normalverbraucher-Zurückhaltungs-Performance inspiriert unterbrochen werden – und Musik! Her damit. Büro und Beiz darf eh sein.
Der Container wird wandern: Geplant ist eine nächste Station am Gallusplatz und laut Saisonprogramm sind auch Gossau und Rapperswil angedacht.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
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Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.