Veloüberdosis gibts bei mir eigentlich fast nicht. In den letzten Wochen wars allerdings nah dran: morgens selber aufs Velo, danach Saitenarbeit an diesem Heft und abends die Aufzeichnungen der ersten Stassenrennen dieser Saison gucken, Omloop Nieuwsblad, Strade Bianche, Paris–Nizza, Tirreno Adriatico. Und wenn diese Nummer im Druck ist, gibts zur Belohnung Mailand–San Remo und eine lange Ausfahrt, sofern das Wetter verhebt.
Ich bin mit Radsport aufgewachsen, war xmal an der Tour de France. Anfangs noch mit Zelt und klapprigem VW-Bus, später mit dem Wohnwagen standen wir in den Serpentinen der Alpe d‘Huez oder des Mont Ventoux und warteten aufgeregt auf die Ausreisser, ihre Verfolger und das keuchende Peloton. Wir wussten, wann die ersten kamen, schliesslich hockten wir den halben Tag grillend vor unserem kleinen Fernseher – wenn die Antenne denn wollte. Diese Sommerferienabstecher an die Tour gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Auch darum fahre ich heute so oft es geht Velo. (Und ja, alles, was man über die verrückten holländischen Fans sagt, stimmt.)
Das ist die sportliche Seite. Doch das Velo ist so viel mehr: Alltagsmaschine, Ausflugsvehikel, Arbeitsgerät. Und vor allem: autonom und klimaschonend. Oder wie die britische Schriftstellerin, Philosophin und Gendervordenkerin Iris Murdoch einst schrieb: «Das Fahrrad ist das zivilisierteste Fortbewegungsmittel, das wir kennen. Andere Transportarten gebärden sich täglich albtraumhafter. Nur das Fahrrad bewahrt sein reines Herz.»
Mit Corona hat das Velo einen Boom erlebt, vor allem die elektrifizierte Variante, und das ist gut so, auch wenn velosexuelle Zungen behaupten, das E-Bike sei eine mittlere Plage. Andere behaupten, das E-Bike sei DIE Erfindung dieses Jahrhunderts. Fakt ist jedenfalls: Es ist Bewegung auf den Strassen. Höchste Zeit also für ein Saiten-Veloheft – das zweite. Das erste ist auf den Monat genau neun Jahre her. Mit Texten über Velo- Polo, eine Velotour für Lebensmüde und die Velopolitik.
In dieser Ausgabe geht es um St.Galler Radball-Legenden, um den Velohandel zwischen Taiwan und Kreuzlingen, der völlig am Anschlag ist, um Velopendler, Flugvelos und die Veloschrübler in Rehetobel, um die Abschaffung der VelokulturTM und – obwohl oder gerade weil es ziemlich «männert» im Titelteil – um das Velo als Emanzipationsmaschine. Und natürlich um die St.Galler Velopolitik. Diese schneidet, wie schon vor neun Jahren in Saiten zu lesen, nicht gerade gut ab im Rennen mit anderen Regionen. Die Behörden müssen jetzt einen Gang höher schalten, wollen wir die goldige Verkehrszukunft nicht aus dem Besenwagen heraus bestaunen. «The Revolution Will Not Be Motorized», wies bei den Velobewegten so schön heisst.
Ausserdem im bewegten April: das Interview mit David Fopp, der die Scientists for Future gegründet hat, eine eritreische Familie in Not, die Erker-Galerie im Museum, ein heisser Bücherfrühling und die Flaschenpost aus Bolivien gegen Gewalt an Frauen.
Corinne Riedener
Reaktionen / PositionenNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserWo’s wehtutRedeplatz mit Karl SchimkeStimmrecht von Samantha WanjiruWo’s guttut
Bald kommt der Besenwagen: Konzepte wären da, aber bei der Umsetzung haperts. Die St.Galler Velopolitik kommt nicht richtig ins Rollen. Von Corinne Riedener
Eine Ressourcenfrage: Stadt und Kanton wehren sich gegen die Kritik, dass es nicht vorwärts gehe. Von Corinne Riedener
Einen Tritt voraus: Michael Liebi von der Berner Fachstelle Fuss- und Veloverkehr über die erfolgreiche Velooffensive der Bundesstadt. Von Corinne Riedener
VelokulturTM abschaffen: eine fast ernstgemeinte Polemik. Von Sandro
8000 Kilometer pro Jahr: Wie Martin Lieberherr und sein Velofreund beim Velopendeln ihre Köpfe lüften. Von Urs-Peter Zwingli
Velos sind das neue Toilettenpapier: Die Herausforderungen für den Velohandel zwischen Taiwan und Kreuzlingen. Von Emil Keller
Osterwalders, die Tschechen und die Jury: Erinnerungen an die Radball-Hochburg St.Gallen. Von Roman Hertler
Die Schrüübler von Rehetobel: Im Velomuseum hat jedes Vehikel seine eigene Geschichte. Von Peter Surber
Weg mit dem Korsett: Das Velo als Empanzipationsmaschine – eine Spurensuche. Von Esther Banz
Ein fliegend’ Herz: Gustav Mesmer, 35 Jahre lang in der Psychiatrie, erfand dutzende Flugvelos. Von Holger Reile
Bildstrecke: Lika Nüssli und Herbert Weber
Flaschenpost aus dem bolivianischen Hochland, wo über ein Gesetz gegen häusliche Gewalt debattiert wird. Von Pascal Frischknecht
Interview mit dem St.Galler Autor und Klimaaktivisten David Fopp über die Werkzeuge für eine gesellschaftliche Umgestaltung. Von Florian Vetsch
Eine Eritreerin und ihre Tochter erhalten kein Asyl. Haben die Behörden gegen die UNO-Kinderrechtskonvention verstossen? Von Roman Hertler
In einem Sammelband erzählen elf Ostschweizer UMA von ihrer Flucht in die Schweiz und vom Leben im fremden Land. Von Peter Surber
Notizen eines seltsam riechenden Sommers: Jessica Jurassicas Debütroman «Das Ideal des Kaputten». Von Veronika Fischer
Ein queeres Magazin und Libby Jones’ Handbuch «Striptease daheim» sind die ideale Bettlektüre im Fuckdown. Von Veronika Fischer
«Vati»: Nach ihrem Erfolgsbuch «Die Bagage» über das Leben der Grossmutter erzählt Monika Helfer jetzt vom Vater. Von Karsten Redmann
Wortlaut digital (I): Die junge St.Galler Autorin Maya Olah ist eine der Entdeckungen. Von Eva Bachmann
Wortlaut digital (II): Werner Rohners Roman «Was möglich ist» über drei Frauen, die aufbrechen. Von Gallus Frei-Tomic
Gerechtigkeit für die «Wandas»: Bettina Oberli macht Ausbeutung in der Pflege zum Thema einer Kino-Tragikomödie. Von Emilia Sulek
In der St.Galler Erker-Galerie wurde ein Stück europäische Geistesgeschichte geschrieben. Das Kunstmuseum erinnert daran. Von Peter Surber
Teilen, tauschen, verzichten: Das Kunst(zeug)haus Rapperswil-Jona zeigt mit «Sharity» Kunst zu einem brisanten Thema. Von Kristin Schmidt
Mit «Dreams & Nightmares» liefert der Rheintaler Dionys Müller den Soundtrack für die eigene Lockdownstube. Von Roman Hertler
Parcours: Auf nach Saint City und ins Zeughaus Teufen.
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.