Wir leben in einer neuerungssüchtigen Zeit. Innovation und Originalität sind das A und O, alles Neue riecht nach Fortschritt, was schon mal war, ist dagegen ein «alter Zopf», das Lieblings-Schimpfwort der Politik, aber auch der Technik, der Mode, der Kultur. Dabei könnte man sich an den Kindern ein Vorbild nehmen. Kinder mögen die Geschichten, die sie schon kennen, und am liebsten immer gleich erzählt. Sie lieben das Ritual und reagieren unwirsch auf Abweichungen. Der Publizist und Saiten-Autor Rolf Bossart hat in einem Vortrag über das Glück der Wiederholung einmal den Bezug zur Neurologie hergestellt: Die starken Synapsen im Hirn bildeten sich nicht nur durch das Immerneue, sondern durch ständige Wiederholung. Und dies gelte auch für viele andere Bereiche: «Die Wiederholbarkeit erst macht den Zufall zur Wissenschaft, das Ereignis zur Erfahrung, die Sonderbarkeit zur Kunst, das Schicksal zu Entscheidungen.»
Jetzt gibt sich die Stadt St.Gallen ein neues Kulturkonzept. Im August wurde ein erstes Mal partizipativ darüber diskutiert, am 3. Dezember geht es in die zweite Runde. Wir nehmen in dieser Ausgabe den Ball namens «Kulturförderung» auf. Nicht in der Meinung, es sei ein Umsturz nötig, alles müsse omsverrode neu werden und alles Alte sei schlecht. Dem widersprechen im Interview zum Thema auch die beiden Leiterinnen der städtischen Kulturförderung – vieles im städtischen Kulturleben habe sich bewährt, neuere Entwicklungen aber widerspiegle das zehnjährige Konzept nicht mehr angemessen.
Keine Kultur-Revolution also – aber ein idealer Moment, ein paar grundsätzliche Fragen an den Kulturbetrieb zu stellen und ein paar Fenster zu Visionen aufzustossen, bevor das Kulturförderkonzept den Weg alles Irdischen nimmt: den Weg der Bürokratie. Auslöser ist die Stadt St.Gallen – die Themen gelten aber weitherum im Kulturland. Zum einen greifen wir Brennpunkte der ersten Debatte auf. Braucht St.Gallen eine Kunstakademie? Was tun gegen den Graben zwischen «einheimischer» und «migrantischer» Kulturszene? Und, im Vergleich mit den Förderpraktiken der Ostschweizer Kantone: Wer entscheidet über Beitrage und Preise? Wie stark mischt die Politik mit? Und wo ballt sich die Kultur-Macht? Zum andern entwerfen fünf Kulturschaffende ihre Vision der Kulturstadt, und der Stadtforscher Dani Fels gibt Auskunft über die Stadt-Identität der Zukunft. Die Illustrationen legen eine eigenwillige weitere Kulturspur; sie stammen vom St.Galler Fotografen Herbert Weber.
Geballte Kultur auch im Perspektiventeil: Kunstschaffende berichten von ihren Auslandserfahrungen. Und den Kulturteil eröffnet in der Heftmitte eine Doppelseite, die brandneu ist: der Ostschweizer Kulturkuchen.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Gülsen CelikkolStimmrecht von Nechung Engeler-ZingshukHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerInnensichten: Schlössli Haggen und DreilindenMensch Meyer von Helga Und Janine Meyer
Meine Kulturstadt: Fünf Kulturschaffende, fünf Visionen.von Lika Nüssli, Fabian Mösch, Miriam Schöb, Thomas Stüssi Und Marc Jenny
Geld und Geist. Und Macht.Kulturförderung in der Ostschweiz: Die Politik ist mit im Spiel. Und mächtige Männer.von Peter Surber und Jochen Kelter
Den Traum begraben. Und Neues wagen.Eine St.Galler Hochschule der Künste oder eine starke Weiterbildung und ein «interkulturelles» Haus?von Corinne Riedener
Es geht um Sichtbarkeit.Wo sind die Migrantinnen und Migranten in der Kultur?von Andri Bösch
«Wir wollen uns nicht auf einzelne Räume fixieren»Barbara Affolter und Kristin Schmidt von der städtischen Kulturförderung im Interview.von Corinne Riedener und Peter Surber
Die Aneigung des StadtraumsStadtforscher Dani Fels über den öffentlichen Raum und die kulturell geprägte «Stadt der Zukunft».von Peter Surber
Mit Daten Käse machen.Das Rechenzentrum Ostschweiz in Gais ist besonders grün.von Silvia Posavec
Flaschenpost aus Chandigarh.von Karin Bucher und Thomas Karrer
Fuoco a CasaPound!Eindrücke vom Artist-in-Residence-Stipendium in Rom.von Adrian Hanselmann
Ayyye Glasgow!Ankommen in der schottischen Hafenstadt.von Wassili Widmer
Der Kulturkuchen.
Der Dok-Film #Female Pleasure: gefährliche Befreiung der Lust.von Julia Kubik
Hinter den Gleisen: Das Buch über Schweizer Bahnhofsquartiere.von Corinne Riedener
Neue Musik: Was St.Gallen von Donaueschingen lernen kann.von Charles Uzor
Bullshit-Bingo und Problemfrauen: Zwei Buchtips.von Veronika Fischer
More and More: Tüchel bringen ihr fünftes Album.von Urs-Peter Zwingli
Die Band Knutov Kofer macht auf Kroatisch – Jebote!von Urs-Peter Zwingli
Wir sind hier: die jungen Kulturkosmonautenvon Andri Bösch
Im Zeughaus Teufen wächst ein «Klangwald».von Peter Surber
Kulturparcours
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Zehn Kulturkuchenrezeptevon Julia Kubik
Kellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung