Es gibt die Leute, die sagen: «Feminismus gut und recht, aber können wir nicht einfach für Menschenrechte kämpfen?» (Meist sind es die gleichen, die sagen: «Ich sehe keine Hautfarben, nur Menschen.») Klar können «wir» das, aber es ist unaufrichtig, die Frauenrechte so unreflektiert in die lottrige Schublade der Allgemeinen Menschenrechte zu verfrachten. Es macht spezifische und spezielle Probleme unsichtbar, es leugnet die Tatsache, dass es die Frauen waren, die jahrhundertelang ausgeschlossen, unterdrückt und diskriminiert wurden, es verkennt die Realität des Frau*-Seins früher und heute. Der Feminismus trägt all dem Rechnung, deshalb muss Feminismus sicht-, hör- und spürbar sein.
Das ist und war immer wieder der Fall, so auch am Frauenstreik 1991 oder im Juni 2019, als erneut schweizweit mehr als eine halbe Million Menschen für Lohngleichheit, mehr Cash für Care und gegen Gewalt, Sexismus und Diskriminierung auf die Strasse gingen. Oder am 7. Februar 1971, als die Frauen endlich das Stimmrecht erhielten – auch das ein Meilenstein in der Schweizer Frauengeschichte. Allerdings: Die Geschichte der Frauen ist weder im historischen Kanon noch im kollektiven Gedächtnis ehrlich verankert. Frauen wie Helene von Mülinen, Emma Zehnder, Margarete Faas-Hardegger, Anna Fischer-Dünckelmann oder Maria-Lusia Imfeld-Gobbi haben kaum Platz in der Geschichtsschreibung, obwohl sie Grossartiges geleistet haben. Ihnen und ihren Mitstreiterinnen ist dieses Jubiläumsheft zu 50 Jahren Frauenstimmrecht gewidmet.
Marina Widmer, die Leiterin des Ostschweizer Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte, will diese kollektiven Gedächtnislücken füllen. Anlässlich des Jubiläums hat sie mit anderen die Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte» auf die Beine gestellt. 84 Frauenportraits sind ab März im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen zu sehen, ausserdem eine Chronologie von 1830 bis heute zu den Themen Politik, Recht und soziale Institutionen. Mehr dazu im Interview ab Seite 20. Einige der portraitierten Frauen kommen auch in diesem Heft vor, zum Beispiel die erfolgreiche Verlegerin und Redaktorin Elise Honegger. Zudem im Titelthema: Arne Engeli erinnert an seine Mutter – und wo bleibt eigentlich die St.Galler Sappho?
Nebst dem Blick zurück treibt uns auch die feministische Gegenwart um. Jessica Jurassica erklärt uns Männerlogiken auf Twitter und warum sie sich eigentlich nicht, aber dann doch wieder für feministische Solidarität interessiert. Veronika Fischer aus Konstanz, wo die Frauen seit mehr als 100 Jahren in der Politik mitreden, ruft das Ende des traditionellen Familienbegriffs zugunsten von mehr Gleichberechtigung aus. Und selbstverständlich liefern wir auch die Antwort auf die Frage, was die logische Fortsetzung des feministischen Kampfs für das Frauenstimmrecht ist: der Kampf fürs Stimm- und Wahlrecht für alle in der Schweiz wohnhaften Menschen. Zur Krönung noch sechs bildliche Zugriffe aufs Titelthema: von Brenda Osterwalder, Armanda Asani, Hannah Raschle, Lika Nüssli, Sina Mazziotta und Julia Kubik.
Ausserdem im famosen Februar: Erinnerungen von Marlis Werz an ihre Reise 1980 in den Sudan, Georg Gatsas’ Aufruf für starke Netzwerke in der Post-Corona-Kultur, Kopftheater im Kreidefelsen und die indonesischen Ultras und ihre starken Frauenkurven. Aber, in der zweiten Welle und zum dritten Mal nach April und Mai 2020: kein Saiten-Kalender.
Corinne Riedener
Reaktionen / Viel geklicktRedeplatz mit Madeleine HerzogStimmrecht von Samantha WanjiruNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserPandemisch
Die logische Fortsetzung des feministischen Kampfs fürs Frauenstimmrecht ist der Kampf fürs Stimm- und Wahlrecht für alle. Von Corinne Riedener
Marina Widmer, Leiterin des Ostschweizer Frauenarchivs, über den Kampf der Frauen und ihre Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte». Von Peter Surber
Das Jubiläumsjahr in der Ostschweiz – ein Ausstellungs-Überblick.
Elise Honegger, Verlegerin und Redaktorin der «Schweizer Frauen-Zeitung» im 19. Jahrhundert: ein Porträt. Von Peter Müller
Die Sappho-Statue, in St.Gallen einst gefeiert, gammelt in einem Pärklein vor sich hin. Künstlerin Martina Morger will das ändern. Von Roman Hertler
Auch Männer haben sich vor 1971 für das Frauenstimmrecht ins Zeug gelegt. Arne Engeli erinnert sich.
Narben, Quoten, Schnecken: Neue Publikationen und ein Leiterlispiel zum Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht. Von Peter Surber
In Deutschland wählen die Frauen seit mehr als 100 Jahren mit. Das traditionellen Bild, was eine Familie ist, hält sich aber trotzdem standhaft. Von Veronika Fischer
«Hey, isch si geil?» Warum mich Frauenstimmrecht und feministische Solidarität nicht sonderlich, aber dann doch interessieren. Von Jessica Jurassica
Flaschenpost aus Hittisau im Bregenzerwald, wo der Schnee meterhoch liegt und der Lockdown die Kultur begräbt. Von Tobias Fend
Im Lastwagen durch die Wüste: Marlis Werz über ihre SSR-Reise 1980 im Sudan und den Wandel des «touristischen Blicks». Von Gabriele Barbey
Raus aus der Falle: Künstler*innen spielten in den letzten Jahren ihre Rolle im kapitalistischen System perfekt. Nach der Pandemie geht es darum, Kultur neu zu denken und starke Netzwerke zu schaffen. Von Georg Gatsas
Bis zum bitteren Abgang: Göldin & Bit-Tuners neues Album UFF ist mehr als ein Kommentar zur Lage der Nation. Es wird in einem Kater enden. Im besten Fall. Von Corinne Riedener
Sonnenmusik: Das Projekt Noumuso will die Grenzen zwischen den Kulturen aufzulösen. Das Album Freequency of da Sun erscheint im Februar. Von Judith Schuck
Willkommen im Dämonenzirkus: Die EP Headache 101 von Neil.9 ist eine «Tour de Force» von Lo-Fi-HipHop über Industrial bis zu Elektropunk. Hört auf die Zeremonienmeisterin! Von Judith Altenau
Improvisationskunst, pandemiebedingt: Die Konzerte der Reihe Alte Musik St.Gallen im Februar sollen stattfinden, mit oder ohne Publikum. Auch die Bachstiftung führt wieder Kantaten auf. Die Alte Musik setzt auf neue Technologie. Von Bettina Kugler
Theaterszenen inmitten von Kunstwerken: Die Ausstellung «Città irreale» in der St.Galler Lokremise ist verschoben. Ein Gespräch mit Jonas Knecht, Anja Horst und Julie Paucker vom Schauspielteam des Theaters St.Gallen. Von Peter Surber
Willkommen in der Brigata Curva Sud: Der St.Galler Groundhopper Andrin Brändle hat drei Monate mit indonesischen Ultras verbracht und ein Buch mit zahlreichen Bildern über diesen Trip herausgegeben. Von Corinne Riedener
blick aus dem fenster: eine Kurzgeschichte von SAID
Kopfreisen
Boulevard
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?