Irgendwer hat mal gesagt: Lange Briefe schreibt nur, wer keine Zeit hat, kurze Briefe zu schreiben. Heute muss man schon froh sein, wenn man überhaupt einen Brief bekommt, einen persönlichen, handgeschriebenen, nicht den Fackel vom Steueramt oder einer anderen Behörde. Aber die Zeit spielt trotzdem eine grosse Rolle im Postwesen: Sie wird nämlich immer knapper. Die Pöstlerinnen und Pöstler heute müssen in rasendem Tempo einsortieren, bündeln, zustellen.
Früher, als kleines Mädchen, wenn ich manchmal mit meinem Opa auf seine Tour im Rorschacherberg durfte, war es weniger stressig. Wir fuhren von Weiler zu Weiler, vom Eschlen über die Kräzeren ins Hasenhaus, und fanden an jedem Ort Zeit für einen kleinen Schwatz. Die Leute freuten sich, wenn sie uns sahen, man tauschte sich kurz aus, manchmal brachten wir jemandem die Eier vom Nachbarn weiter unten, vom einen Bauern bekam ich immer eine Schokolade. So viel zur romantischen Seite der Post.
Heute funktioniert das Business anders, anonymer. Die Post musste auf die Digitalisierung, auf den Rückgang der Briefpost, die Explosion der Paketmenge und andere Entwicklungen reagieren. Im Tessin transportieren Drohnen Laborproben von einem Spital zum andern, seit Sommer 2016 fährt in Sion ein selbstfahrendes Postauto-Smartshuttle, und auch in anderen Bereichen sieht es tendenziell nach Stellenabbau aus. Nicht zuletzt darum ist und bleibt die Post ein emotionales Thema, das zeigt auch der Postauto-Skandal vom vergangenen Sommer, der meterhohe Wellen geworfen hat. Oder das Thema Postagentur: Bis 2020 will man weitere Poststellen schliessen bzw. in Agenturen mit eingeschränktem postalischen Dienstleistungsangebot umwandeln. Damit haben viele anfangs Mühe, vor allem ältere Menschen müssen ihre Gewohnheiten umstellen. Aber immerhin: Rund sechs von zehn Personen sind mit der Postversorgung in der Schweiz im Allgemeinen «in hohem Mass zufrieden». Das ergab eine 2017 publizierte repräsentative Umfrage des Bundesamts für Kommunikation BAKOM.
Eines wird sich so schnell nicht ändern: So verschieden wir auch sein mögen, die Post verbindet uns. Nur einer von vielen Gründen für dieses Heft. Wir haben mit Felix Bischofberger, einem der ersten Postagenturhalter der Ostschweiz gesprochen, Julia Sutter hat über das Glück des Briefeschreibens nachgedacht, Peter Surber über die Briefträger, die es bald nur noch in der Literatur gibt, und zum Schalterschluss gibt es drei Geschichten zur subversiven Postkultur: über H.R. Fricker, Martin Amstutz und Manuel Stahlberger. Die Bilder aus aller Welt zum Titelthema hat Jiří Makovec gemacht, der Mitte Dezember im Rahmen des Heimspiels 2018 den Kunstpreis der Ortsbürger St.Gallen gewonnen hat.
Ausserdem im Heft: Lotti Staubers Erinnerungen an ihre Zeit mit der Hilfsorganisation La Cimade in Algerien, fünfmal Heimspiel, katastrophale Asylpolitik und das Neuste aus der Saitenküche – Guets Neus allseits!
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenSaiten-Vorsätze 2019Stimmrecht von Nechung Engeler-ZingshukHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard Thöny Evil Dad von Marcel MüllerInnensichten: Baratella und RoggwilerMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
«Wir sind auch ein sozialer Treffpunkt»Postagenturhalter Felix Bischofberger im Gespräch über Post-Romantik, Privatisierung und das Glück, bei den Leuten zu sein.von Corinne Riedener
Der liebe Gott und die BriefträgerErinnerungen an einen Beruf, den es bald nur noch in der Literatur geben wird.von Peter Surber
Schriftliches SammelnÜber den Brief als ausgelagertes Tagebuch und höfliche Alternative zum Telefon. Über die Freiheit und Macht der Briefeschreibenden. Und das Glück, zu schreiben, um nicht allein zu sein.von Julia Sutter
Postkultur I, II und IIIH.R. Frickers Mail-Art, Martin Amstutz und seine Postpost und Manuel Stahlbergers Zettelpost.von Peter Surber und Julia Kubik
Flaschenpost aus Paris.von Lukas Posselt
Es ging ums tägliche Überleben.Lotti Staubers Erinnerungen an ihre Zeit als Helferin in Algerien.von Gabriele Barbey
Das Schicksal heisst Aarau.Auszug aus Hermann Burgers Roman Lokalbericht.
Katastrophale Flüchtlingspolitik.Ein junger Eitreer soll trotz bester Integrationsaussichten ausgeschafft werden.von Jochen Kelter
Heimspiel 2018: fünf Kurzbesprechungen.von Ariane Grabher, Johannes Stieger, Kristin Schmidt, Ueli Vogt und Ursula Badrutt
KT Gorique: Die Rapperin aus Sion kommt nach St.Gallen.von Julia Kubik
Kirche mit* den Frauen: Das Buch zur Pilgerreise.von Peter Müller
Es wuchert: Das Förderprogramm Buch und Literatur Ost+.von Eva Bachmann
Shoplifters: Hirokazu Kore-edas sozialkritischer Familienfilm.von Corinne Riedener
Gemischte Beine – Bewegte Gefühle: Gisa Franks neues Tanzprojekt.von Peter Surber
Kulturparcours
Zwei Gedichte im Januarvon Claire Plassard und Florian Vetsch
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im Januar: Kartenpost
AbgesangKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus