Bleiben und gehen. Das schöne Doppel-Stichwort ist kürzlich im Freundeskreis gefallen und lustvoll diskutiert worden. Eher denkt man zuerst an: Bleiben oder gehen. Es ist die Alternative, die jede und jeder kennt: Bleibe ich oder gehe ich? Gehöre ich hierhin oder dorthin? Bin ich diese oder jene? Aber hier war es kein «Oder», sondern ein «Und»: zwei Bewegungen ineins gedacht, nicht gegensätzlich, sondern umarmend. Sowohl als auch. Bleiben und gehen. Gehen und bleiben.
Hinter dem unscheinbaren «Und» steht eine Haltung. Ein Glaube an Möglichkeiten im Plural statt an die eine, richtige, unfehlbare, in Stein gemeisselte Entscheidung im Singular. Die Zuversicht, es gebe Farben und Grautöne statt Schwarzweiss. Die Lust, die Dinge in aller Nüchternheit auch mal doppelt zu sehen. Diese Haltung zeichnet auch jene aus, von denen in diesem Heft die Rede ist: die Zwischennutzerinnen, die Umnutzer, die Freunde des Temporären. Sie trauen sich zu, an einem Ort und doch nicht festgenagelt zu sein. Sich für etwas zu engagieren auch im Wissen darum, dass es keine Ewigkeit Bestand hat. Das Fragile für stabil zu nehmen.
Zwischennutzungen sind in Mode. Vielleicht passen sie zu einer Zeit, die auf permanente Veränderung setzt. Auch in der Stadt St.Gallen und in der Region sind diverse Kulturprojekte mit provisorischem oder sonstwie temporärem Charakter im Gang oder im Entstehen. Das Kulturkonsulat, in dem auch Saiten arbeitet, gibt es im Januar seit einem Jahr – kein gewaltiges Alter, aber ein Grund zum Feiern und zu fragen, wie es um diese und andere Zwischennutzungen steht: die Hauptpost-Bibliothek und ihr eventueller künftiger Standort im Union, das Lattich-Areal, der Hof zu Wil, das Projekt 1000 m2 in Rorschach oder das zum Kulturzentrum mutierende Schiesserareal in Kreuzlingen. «Potential» für weitere Projekte böten die zahlreich leerstehenden Ladenlokale und Büros, wie der fotografische und textliche Rundgang von Claudio Bäggli und Marion Loher durch die St.Galler Innenstadt zeigt. Dass man diese Entwicklung auch weniger rosig sehen kann, zeigt der Einspruch des Open Doors Squattermagazins aus Bern: Besetzen statt zwischennutzen heisst die Devise. Die Argumente der Stadtkritiker und den «Fluch der ökonomischen Stadt» diskutiert Corinne Riedener mit dem St.Galler Soziologen Dani Fels.
Weiter im Heft: Interviews zur aufgewühlten Mediensituation, Bücher von und über Susanna Kulli, Georg Gatsas, Helen Meier und Lisa Elsässer, Neues im Kino und im Konzert. Und falls Sie über weissschwarze Stellen stolpern: Wir öffnen einige Seiten im Heft für textliche Einwürfe. Zwischennutzungen, wie sie sich für ein Magazin übers Zwischennutzen gehören.
Frohes Bleiben und Gehen im neuen Jahr und überhaupt!
Peter Surber
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Monika KritzmöllerHässig von Nadja KeuschStimmrecht von Gülistan AslanHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerBlickwinkel von huber.huber
1 Jahr KulturkonsulatDie Fragen, die Antworten, das Fest.
En passantProvisorien sind grossartig, aber nicht gratis.von Peter Surber
Die nomadische BibliothekWie weiter mit der Hauptstadtbibliothek und dem Union?von René Hornung
Die Angst vor der gähnenden LeereWarum stehen in der St.Galler Innenstadt so viele Geschäfte leer?von Marion Loher
Statt zwischennutzen: besetzen!Ein Kommentar aus Bern.von Open Doors Squattermagazin
Lückenbüsserinnen und VerwertungslogikerBrauchen Städte Zwischennutzungen? Das Interview mit Stadtforscher Dani Fels.von Corinne Riedener
Leise Sohlen, Apollon und 1000 QuadratmeterNeue Projekte in Kreuzlingen, Wil und Rorschach.von Stefan Böker, Marcel Hörler und Richard Lehner.
Die Bilder zum Titelthema stammen von Claudio Bäggli.
Flaschenpost aus Angola.von Nathalie Maerten
Die Ostschweizer Medienlandschaft im Umbruch. Interviews mit Regierungsrat Fredy Fässler und Medienwissenschafter Vincent Kaufmann.von Corinne Riedener und Peter Surber
Fragen über Fragen.von Beat von der Crone
Allein.von Kurt Tucholsky
Bleiben Sie angezogen.von Berthold Seliger
Hände weg vom Fussball.von Toni Saller
33 Jahre Galerie Susanna Kulli: Das Buch.von Corinne Schatz
Signal the Future: Georg Gatsas‘ Fotobuch zur Ausstellung.von Corinne Riedener
Sammlung Prinzhorn: Kunst aus der Anstalt.von Wolfgang Steiger
Übung im Torkeln entlang des Falls: Helen Meiers Lesebuch.von Peter Surber
Lisa Elsässers Gedichtwerk.von Rainer Stöckli
Nachruf auf die St.Galler Lyrikerin Elisabeth Heck.von Peter E. Schaufelberger
Matto regiert am Theater St.Gallen.von Eva Bachmann
Habemus feminas! Pilgern für die Frauenrechte – der Film.von Corinne Riedener
Best of Europa: Neue Leichtigkeit.von Claudio Bucher
Kulturparcours
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
3 Gedichte im Januarvon Claire Plassard und Florian Vetsch
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.