Museum: Das hiess für uns als Kinder Ehrfurcht vor alten, leicht muffigen Räumen, Staunen im Waffensaal im Obergeschoss oder vor den Indianerfiguren in Vitrinen, Schaudern über aufgespiesste Schmetterlinge im Naturmuseum. Lange her, sehr lange.
2019 versuchte sich der Internationale Museumsverband Icom an einer zeitgemässen Neudefinition: Das Museum sei ein «demokratischer, inklusiver und polyphoner Ort des kritischen Dialogs», der zu «Gleichberechtigung», «sozialer Gerechtigkeit» und zum «globalen Wohlsein» beitrage. Die Definition entzweite die Mitglieder des Verbands nachhaltig, vielen war sie zu politisch, das Wort «Sammlung» kam nicht mehr vor.
Die Neudefinition wurde auf Eis gelegt. In diesem Heft geht es um die Zukunft der Museen, genauer der historischen Museen der Ostschweiz. Da herrscht bemerkenswert viel Bewegung, Vielstimmigkeit, Diskussions- und Kooperationslust. Waffensäle und staubige Vitrinen haben wir nirgends gefunden.
In St.Gallen feiert das Historische und Völkerkundemuseum sein 100-Jahr-Jubiläum; Saiten spricht mit den Sammlungsexpertinnen über beste Stücke, die Kunst des Sammelns und wieder Loswerdens von Objekten. In Ausserrhoden soll eine Museumsstudie die Häuser der Geschichte fitmachen für die Zukunft. Und wie ein Echo aus der Icom-Debatte tönt es, wenn das Dunant-Museum Heiden und das Pestalozzidorf in Trogen die humanitäre Tradition mit den Konflikten des 21. Jahrhunderts engführen. Der Thurgau plant für viel Geld ein neues Museum in Arbon zur Geschichte und Zukunft des Arbeitens – wir fragen den Historiker Stefan Keller, was davon zu halten ist. In Winterthur setzt das Museum Schaffen auf kollektives Knowhow statt auf Belehrung von oben.
Und das kleine St.Galler Seifenmuseum ist umgezogen und gewachsen: ein kulturgeschichtlicher Geheimtipp. Darüber hinaus haben wir Ostschweizer Museums- und Ausstellungsprofis um ihre Vision eines lebendigen Museums gebeten. Die Museen und ihre Macher:innen fotografiert hat Ueli Steingruber.
Ausserdem im Heft: Covid-19 und Kultur, die Abstimmung zum Polizeigesetz, der St.Galler Polizeikommandant und die künftige SP-Präsidentin im Interview, Daif und Klimt und Minelli und was Pinguine mit dem «St.Galler Tagblatt» zu tun haben.
Auf einen kulturbewegten Juni! Man sieht sich im Museum – dem bald letzten Refugium der Konsumfreiheit.
Peter Surber
Reaktionen / Viel geklicktRedeplatz mit Alex Meszmer13. JuniNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan Rutishauser
Warum St.Gallen vor 100 Jahren mitten in der Krise ein Museum baute und wie es sich heute vom Bürgertempel zum Dritten Ort wandeln will. Von Roman Hertler
Mein Museum: Statements von Barbara Betschart, Ueli Vogt, Johannes Stieger, Thomas Gnägi, Mark Wüst, Celin Fässler und Marcel Zünd.
Nicht bloss bäuerliches Brauchtum, sondern auch Industrie und Migration: In Herisau, Trogen und Heiden beginnt die Ausserrhoder Museumszukunft. Von Peter Surber
Ein Gespräch mit dem Thurgauer Historiker Stefan Keller über die Pläne eines neuen Museums in der ehemaligen Saurer-Fabrik in Arbon. Von Peter Surber
Vasco Hebels Seifenmuseum in St.Gallen ist Sammelsurium und Küche in einem – und stösst Türen in die Vergangenheit auf. Von Corinne Riedener
Kollektive Geschichtsvermittlung steht im jungen Museum Schaffen in Winterthur im Zentrum. Von Anna Kunz
Fotografie zum Titelthema: Ueli Steingruber
Grandezza der Baustellen: Flaschenpost aus Rom, wo «vagabondare» in den roten Zonen neue Blickwinkel öffnet. Von Tine Edel
Ausschreitungen in St.Gallen: Hat die Polizei an Ostern überreagiert? Stapo-Kommandant Ralph Hurni nimmt Stellung. Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Zur Abstimmung vom 13. Juni: Traut bloss den St.Galler Propagandist:innen nicht! Eine Aufklärung gegen das Polizeigesetz. Von Anna Jikhareva und Kaspar Surber
Expedition Antarktis: Das «Tagblatt» plant eine Leser:innenreise zu den Pinguinen – in Zeiten der Klimakrise. Von Anna Miotto und Hans Fässler
Wie die «Hardlinerin» ihre Partei zur konsequent linken Kraft machen will: Die künftige SP-Kantonalpräsidentin Andrea Scheck im Interview. Von Corinne Riedener
«En Figg druff geh» und «radikal si», Trash und Depression: Ein Besuch beim Rapper Daif aka David Nägeli im Untergrund von Frauenfeld. Von Jonas Frey
Feiern, als wäre es das letzte Mal: Das Gebäude, in dem der Horst Klub Kreuzlingen eingemietet ist, hat die HRS gekauft. Zukunft: ungewiss. Von Judith Schuck
Baukultur auf Ostschweizer Art stellt ein neuer Sammelband vor. Samt zwei spannenden Gesprächen über Macht, Geld und Politik. Von René Hornung
Wenn Gustav Klimt auf Martha Cunz trifft: Die Jubiläums- und Abschiedsausstellung «Klimt und Freunde» im Historischen Museum St.Gallen. Von Peter Surber
Bilderfluten und Rheinregulierung: Die Ausstellungsreihe S4 des St.Galler Amts für Kultur macht im Stellwerk Heerbrugg Halt. Von Sandra Cubranovic
Die im Thurgau lebende Autorin Michèle Minelli erzählt von Frauen und ihren scheiternden Lebensentwürfen. Der Titel: «Kapitulation». Von Gallus Frei-Tomic
Kultur-Parcours zu Mischgewebe, King Ouzo, Geisterfahrten und anderen Lesefreuden.
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.