Ein bisschen frische Luft und Bewegung. Mal ein paar Tage ins Grüne. Ausgewogene Ernährung. Genügend Schlaf. Im schlimmsten Fall einen Sommer lang auf der Alp Schafe hüten. Dann renkt sich die Sache schon wieder ein.
Psychische Krankheiten sind unsichtbar und nicht nur deshalb schwer nachzuvollziehen, wenn man nicht selbst betroffen ist. Dabei macht fast jede und jeder zweite einmal im Leben eine existenzielle Krise durch, sagt die Psychiaterin Ulrike Hasselmann im Interview. Nun ist es ja durchaus nicht mehr so, dass man gleich von Dämonen besessen wäre, dass der Exorzist an die Tür klopft, wenn man sich von der Norm verabschiedet und die Seele Achterbahn fährt, wie es die Eismeer-Kapitänin in ihrem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibt. Die Theaterregisseurin Micha Stuhlmann realisiert Projekte mit psychisch oder körperlich Beeinträchtigten. Dem Burnout haftet mittlerweile eine gewisse Coolness an (Michael Millius würde sich an die Schläfe tippen), ist es doch mutmasslich die Geisteskrankheit der Tüchtigen und nicht irgendeine Kifferpsychose. Ausserdem heisst es gleich wie das, was man im Auto- oder Motorrad-Extremsport tut, wenn man die Vorderräder blockiert und die Hinterräder durchdrehen lässt, bis vor lauter Rauch nichts mehr zu sehen ist.
Trotzdem wird nach wie vor viel zu wenig über psychische Krankheiten gesprochen. Trotzdem wissen die wenigsten, wie sie reagieren können und sollen. Wo sie Hilfe finden, wenn in ihrem Umfeld jemand «den Verstand verliert». Was das bedeuten kann, zeigen die Geschichten von Sandrine und Peter. Und trotzdem umweht die Betroffenen für weite Kreise noch immer eine Versager-Aura, was dazu führt, dass viele erst nach grosser Überwindung oder gar nicht oder zu spät Hilfe suchen.
In den USA gehört die Psychotherapie dem Klischee nach zum lässigen Lifestyle. Wenn man aber deshalb nach den letzten Präsidentschaftswahlen die Wirkungslosigkeit des Besuchs beim Seelenklempner als erwiesen ansieht, liegt man sicher falsch. Vielleicht liegt das richtige Mass irgendwo zwischen US-amerikanischen Verhältnissen und frischer Luft und Bewegung. Was es sicher braucht, sind Aufklärung und Diskussion. Einen Beitrag dazu will unser Titelthema leisten.
Ausserdem im Heft: viel Politisches, Kulturelles, Gesellschaftliches und andere Unterhaltung.
Frédéric Zwicker
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Reinhold HarringerHässig von Nadja KeuschStimmrecht von Slavica Ojdanić-JakovljevićHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerBlickwinkel von Daniel V. KellerMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
Gute Zeiten, schlechte ZeitenDaniela und Peter: Sie verlor ihre beste Freundin, er versucht zu kitten, was zu Bruch gegangen ist.von Frédéric Zwicker
Die Eismeer-KapitäninMein Leben mit einer bipolaren Störung.von Jacqueline B.
Man will es nicht zugebenVor zehn Jahren erlitt Michael Millius ein Burnout, heute arbeitet er als Fachmann Betreuung.von Philipp Bürkler
«Die Zeit können wir nicht beschleunigen»Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Ulrike Hasselmann im Interview.von Corinne Riedener
Theater, inklusivMicha Stuhlmann arbeitet mit psychisch und körperlich Beeinträchtigten.von Peter Surber
Psycho-Politik I, II und IIIWie die Politik mit psychisch Kranken umgeht.von Corinne Riedener und Peter Surber
Die Illustrationen zum Titelthema stammen von Freddie Gaffa.
Kämpfen für die Demokratie: Der Journalist Walter Brehm im Interview.von Peter Surber
Fussball und Folter: Eine Feldforschung an der WM 78 in Argentinien.von Toni Saller
Flaschenpost aus Eriwan.von Till Martin, Sebastian Stadler, Christian Hörler und Angela Kuratli
Kantonal, national: Kulturgeldplafonierung und das neue Geldspielgesetzvon Peter Surber und Etrit Hasler
Die Antwort auf Jochen Kelters Aufsatz Tod der Literatur.von Rainer Stöckli
Walk the Line: die zehnte grosse Ausstellung im Zeughaus Teufen.von Kristin Schmidt
Christian Petzolds Verfilmung von Anna Seghers Roman Transit.von Frédéric Zwicker
Nachruf auf den Aktivisten und Autor Peter Angst.von Wolfgang Steiger
Fünf Autorinnen lesen vor, begleitet von der Band Stories.von Frédéric Zwicker
Vanja Vukelic und ihre Band Mama Jefferson.von Sharon Kesper
Kulturparcours
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im Mai: die WOZ
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.