Mehrere Schweizer Städte schlagen Alarm: Der Konsum von Crack nimmt teilweise stark zu. Das führt dazu, dass sich vielerorts offene Drogenszenen gebildet haben. Auch in der Kokainhochburg St.Gallen spitzt sich die Lage zu, im Vergleich zu anderen Städten ist sie aber nicht dramatisch. Der «St.Galler Weg», der auf eine Kombination von Prävention und Repression setzt, trägt sicher dazu bei. Doch die Stiftung Suchthilfe und die Polizei warnen vor einem weiteren Anstieg. Sollte die Zahl der Suchtkranken zunehmen, bräuchte es zusätzliches Geld, um das Problem in den Griff zu bekommen – und zwar für ganz unterschiedliche Bereiche.
Suchtkrankheiten gehen uns alle etwas an. Und die Stadt hat eine Verantwortung gegenüber allen Menschen, die hier leben – ob süchtig oder nicht. Dessen sollten sich auch jene Kräfte bewusst sein, die «süchtig» oft mit «selber schuld» oder «willensschwach» gleichsetzen. In Genf, wo das Problem am akutesten ist, hat der Stadtrat im Oktober ein Massnahmenpaket mit Kosten von 6 Millionen Franken jährlich beschlossen. Dafür gibt es Konsumplätze für Crack, mehr Schlafstellen und mehr Personal für präventive und betreuerische Massnahmen, aber auch für die Erhöhung der Polizeipräsenz. Natürlich will niemand, dass sich auch hier eine offene Drogenszene bildet. Doch das Problem wird auch nicht gelöst, indem man die Süchtigen aus der Öffentlichkeit verbannt.
In diesem Heft widmen wir uns auch der Inklusion. Zehn Jahre nach der Ratifizierung der UNO-Behindertenrechtskonvention durch die Schweiz erörtert Andi Giger im Interview mit der Aktivistin Sina Eggimann, wie sich die Situation für die Betroffenen präsentiert und was noch alles zu tun wäre. Zudem werfen wir einen Blick auf die Aktionstage Behindertenrechte: Bianca Schellander berichtet vom inklusiven Schreibwettbewerb in deren Rahmen, an dem sich Saiten beteiligt. Und wir haben zehn Veranstaltungstipps aus der Region zusammengetragen – ein kleiner Teil des reichen Programms im Rahmen dieses Aktionsmonats, der noch bis 15. Juni dauert.
Und wo wären wir ohne den täglichen Blechsalat, der munter wächst und immer mehr Raum frisst. Der Soziologe Niklaus Reiche zeigt in einem Essay auf, wie der Strassenraum im Lauf der Jahrzehnte einen Funktionswandel hin zum Salatförderband und Abstellplatz durchgemacht hat – und was es bräuchte, damit er wieder zum Lebensraum werden könnte. Spoiler: Begegnungszonen allein reichen nicht.
Ausserdem im knackigen Juni-Heft: ein Gespräch mit OASG-Chef Christof Huber über seinen Besuch in der Ukraine, Biografien über Steff Signer und Jakob Rudolf Forster, ein Nachruf auf Nane Geel, neue Musik von Mamari und die Flaschenpost aus Paris.
Wir freuen uns, in dieser Ausgabe gleich zwei neue Kolumnistinnen begrüssen zu dürfen: Liliia Matviiv, die bereits in unserem Ukraine-Schwerpunkt im Februarheft mitgearbeitet hat, schreibt von jetzt an die Stimmrecht-Kolumne. Und Nathalie Grand begleitet uns bis zur Frauen-EM 2025 in der Schweiz mit der «Saitenlinie». Wir heissen beide herzlich willkommen – und wünschen euch viel Spass bei der Lektüre!
David Gadze
Positionen/ Reaktionen
Stimmrecht von Liliia MatviivSaitenlinie von Nathalie GrandBildfang: Der AbräumerRedeplatz mit Christof Huber24/7 Traumacore von Mia Nägeli
Perspektiven
2014 hat die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Mit der Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes hapert es aber noch. Noch bis Mitte Juni finden die Aktionstage Behindertenrechte statt – auch in der Ostschweiz. Saiten hat mit der Behindertenrechtsaktivistin Sina Eggimann gesprochen, beteiligt sich an einem inklusiven Schreibwettbewerb und hat für die verbleibenden Aktionstage ein paar Veranstaltungstipps.
von Andi Giger
von Bianca Schellander
von Andi Giger, Bianca Schellander und der Saiten-Redaktion
Mit der Kokainlawine, die seit ein paar Jahren die Schweiz überrollt, hat auch der Konsum von Crack und Freebase zugenommen. In mehreren Schweizer Städten sind offene Drogenszenen entstanden. Die Kokainhochburg St. Gallen ist bisher verschont geblieben, aber auch hier stossen Fachleute und Polizei an die Grenze – der Report und die Geschichte eines Crack-Süchtigen. von David Gadze
Bild: Kim Zeidler
Während in der Stadt St. Gallen Begegnungszonen aus dem Boden spriessen, wird Tempo 30 auf nationaler Ebene zum Feindbild. Die Debatte droht sich auf das Tempo und damit auf die Verkehrsfrage zu verkürzen. Dabei sind Strassen vor allem auch ein zentraler Lebensraum. Ein Essay. von Niklaus Reichle
Crossroads Community (The Farm), initiiert von Bonnie Ora Sherk, 1974-1980
Das Zillertaler Tagblatt
Ein rotes Bähnchen, ein reaktionärer Strippenzieher, Stadler Rail und das «Tagblatt»: ein unappetitliches Gebräu aus der Ostschweizer Medienlandschaft. von Markus Rohner
Paris/Spoken HistoryFlaschenpost aus Paris von Harlis Schweizer Hadjidj und Hans Schweizer
Kultur
Nichts Halbes, immer Vollgas
Nane Geel gehörte zu den treibenden Kräften in der 1980er- Alternativszene St.Gallens. Sie setzte sich für eine gerechtere Welt ein. Im März ist Nane verstorben. von Wolfgang Steiger
Im Infraversum
Die Biografie über Steff Signer erzählt nicht nur vom visionären Musikschaffen des Ausserrhoders, sondern auch von der Ostschweizer Nachkriegsgesellschaft. von Corinne Riedener
Musik über das Mutterdasein
Natasha Waters, Davide Rizzitelli alias Kaltehand und Atilla Schweizer veröffentlichen als Mamari Ende Mai ihre erste EP. von David Gadze
Umtriebig, getrieben und unterdrückt
Jakob Rudolf Forster war vermutlich der erste Schweizer, der offen für die Rechte Homosexueller kämpfte. Jetzt erscheint eine ausführliche Biografie über ihn. von Roman Hertler
Kollaborationen in Appenzell
Das Kunstmuseum Appenzell zeigt «Allianzen», die Kunsthalle Appenzell «Möglichkeit Architektur». Zwei Ausstellungen mit Fokus auf produktive Zusammenarbeit. von Kristin Schmidt
Am Wegesrand ein Gegenstand
Wieviel Sehnsucht steckt in einem Aschenbecher? Ganz schön viel. Zumindest, wenn wir durch die St. Galler Mülenenschlucht zur Klause aufsteigen. von Ursula Badrutt
Kulturparcours: Platzpark, Podcast, Jubeltag und Gruppenschau
Gutes Bauen Ostschweiz: Sensible Fügung
von Nele Rickmann
Plattentipps: Analog im Juni
Abgesang
Kellers Geschichten: Darwins Würme
Comic von Julia Kubik: Neues aus der kantonalen Festivalszene
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.