Spital-Krämpfe, Bergbahnen-Streit, Campus-Knatsch. Das Toggenburg punktet in letzter Zeit nicht gerade mit Good News. Dabei wären erfreuliche Nachrichten dringend nötig für diese Region, die seit Jahren mit dem Niedergang der Textilindustrie, mit Arbeitsplatzverlusten, Abwanderung und konservativen Weltbildern kämpft. Neue Ideen sind gefragt. Und neue Erzählungen. Eine könnte, frei nach Goscinny und Uderzo, etwa so gehen: Wir befinden uns im Jahre 2020 nach Christus. Das ganze Toggenburg ist vom Stillstand gelähmt. Das ganze Toggenburg? Nein! Ein von fortschrittlichen Toggenburgern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Stillstand zu trotzen – und erfindet sich neu…
Gemeint ist Lichtensteig, die einzige Stadt im Toggenburg. Sie hat besonders unter dem Strukturwandel gelitten: Viele Arbeitsplätze gingen verloren, Schulen, Gewerbe und Detailhandel sind mehrheitlich ins Tal gewandert, die Infrastruktur verkümmert. Das Städtli wurde vom Wandel überholt. Dabei war Lichtensteig jahrhundertelang das Zentrum der Region, hatte Märkte, ein Gericht, eigene Münzen und Eigensinn, denn mit den Waren kamen auch neue Ideen ins Städtli. Persönlichkeiten wie der Pechvogel und Deserteur Ueli Bräker oder der Instrumentenerfinder, Mathematiker und Astronom Jost Bürgi stammten aus Lichtensteig. Und die Antifaschistin und Widerstandskämpferin Paula Rueß.
Übriggeblieben sind die pittoreske Altstadt, ein grosses Raumpotenzial und der Innovationsgeist. Aber auch Schulden. Die Gemeinde investiert darum vor allem in die Menschen; in die Partizipation, in Projekte und Freiräume. Oder wie Stadtpräsident Mathias Müller sagt: «Wir machen quasi ‹nichts›, die Leute machen.» Etwa 30 Projekte und Initiativen sind so in den letzten Jahren entstanden: Aus dem ehemaligen Rathaus wurde beispielsweise ein Kulturzentrum, aus der alten Post ein Co-Working-Space und im alten Feuerwehrdepot befindet sich heute ein Kleiderladen. Der Ort ist im Aufbruch.
Gründe genug, um sich zur Abwechslung mal nicht in der Kantonshauptstadt, sondern an den Rändern aufzuhalten. Dieses Heft ist in Kooperation mit der Gemeinde Lichtensteig entstanden und von dieser mitfinanziert. Wir gehen dem progressiven Geist in und um Lichtensteig nach, treffen Land und Leute, fragen nach den Zukunftsvisionen und Schwierigkeiten bei der Neuerfindung und stellen einzelne Projekte vor. Die Bildstrecke dazu ist von Thi My Lien Nguyen – sie hat den Aussenblick auf Lichtensteig geworfen. Den Innenblick hat ein Einheimischer geliefert: Sascha Erni.
Ausserdem im Märzheft: Erinnerungen an Olifr M Guz, ein City-Schwimmbad für St.Gallen, das Literaturfestival Wortlaut und der real existierende Tourismus in der kubanischen Schweinebucht.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Martin Josef ManserStimmrecht von Farida FerecliNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserWahltag ist Zahltag: 8. März
Begegnung mit einem Ort im Aufbruch. Was hält die Community in Lichtensteig zusammen?Von Corinne Riedener
Liebeserklärung einer Zuzügerin.Von Zora Debrunner
Der Lichtensteiger Stadtpräsident darüber, was an den «Rändern» alles möglich ist.Von Peter Surber und Corinne Riedener
Was die Lichtensteiger Weiber umtreibt.Von Zora Debrunner
Die «KISS Toggenburg» und die Zeitvorsorge.Von Sascha Erni
Monatlich Jazz, täglich Shiatsu: die beAchtbar.Von Sascha Erni
National und international gefragt: der Zeltainer in Unterwasser.Von Sascha Erni
Wie die Gegenkultur in den 70er-Jahren ins Tal fand.Von Hansruedi Kugler.
Modernitätsschübe in Wattwil, «Freie Republik» in Hemberg.Von Peter Surber
Revolutionsfolklore, Palmenstrände und Party in der Fledermaushöhle: Die Flaschenpost aus der Schweinebucht in Kuba. PS: Der Fidelismus ist am Ende.Von Roman Hertler
Margot Blaser aus Hundwil war Teil der Kibbuz-Bewegung. Die Spurensuche zeigt: Es lockten das Heilige Land und die Abenteuerlust.Von Gabriele Barbey
Was die Kantonshauptstadt jetzt braucht: ein City-Hallenbad und ein City-Theaterhaus.Von René Hornung und Dario Forlin
Ein weitgefasster Literaturbegriff und starke Frauenstimmen: das 12. St.Galler Festival Wortlaut.Von Peter Surber
Ein Buch, das so nur von einer Frau geschrieben werden kann: Laura Vogts zweiter Roman «Was uns betrifft».Von Gallus Frei-Tomic
«Wer sind wir?» von Edgar Hagen zeigt eindrucksvoll, wie reich ein Leben mit Einschränkungen sein kann.Von Corinne Riedener
Guz’s not Dead! Trotzdem konnte den Frontmann der Aeronauten nichts retten. Eine Abschiedsrede von Chrigel Fisch.
Bunny Rogers zerlegt im Kunsthaus Bregenz den Trauerkult und baut einen Duschraum der Erinnerung.Von Kristin Schmidt
Manuel Stahlbergers «eigener Schatten»: ein Trip durch Kindheitsmelancholie und Erwachsenendepression.Von Peter Surber
Keine Räuberpistole, sondern ein Kammerspiel um Leben und Tod: «Smith & Wesson» in der Kellerbühne.Von Peter Surber
Parcours: Obacht Obacht, Frauenkampftag, die Kinder sind los!
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.