Krise, vom griechischen «krinein», trennen, unterscheiden: Kein Wunder, sieht man in der Coronakrise vieles deutlicher als sonst. Zum Beispiel, wie wichtig Spitäler und wie unverzichtbar und schlecht entlöhnt die Pflegeberufe sind. Wie dünn die Luft für viele Kulturschaffende und Freelancer in anderen Branchen ist. Wie gern die Exekutiven Freiheiten exekutieren. Wie fragil die vermeintlich so robusten Ökonomien sind. Oder wie empfindlich das Verhältnis unter den Generationen.
Kein Wunder drum auch, dass nach dem ersten Corona-Solidaritätsschub die Kontroversen umso härter aufbrechen. Gerade im Verhältnis von Alt und Jung. Die einen (Jungen) klagen, der Gesundheit der Alten zuliebe eingesperrt und in ihrer Arbeit behindert zu werden. Die andern (Alten) klagen, sie würden als Gesundheitsrisiko angeprangert statt gewürdigt als jene, die den heutigen Wohlstand erst möglich gemacht haben. Dass man das Thema auch gelassener angehen kann, zeigt in diesem Heft das Interview mit der Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello: Sie kritisiert zwar auch die «negativen Altersbilder», die offenbar latent vorhanden seien und jetzt aufbrächen – stellt aber zugleich fest: «Im Alltag erlebt die Schweiz allen medialen Diskursen zum Trotz eine beachtliche intergenerationale Solidarität – vor allem innerhalb, aber auch ausserhalb von Familien.» Vielleicht biete die Coronakrise eine Chance, das gegenseitige Nichtwissen zwischen den Generationen abzubauen.
Etwas dazu beitragen will auch diese Saiten-Ausgabe. Umso mehr, als uns das Generationenthema unabhängig von Corona schon länger umtreibt, samt seinen Widersprüchen. Was stimmt jetzt: der Eindruck, dass die Generation der «Babyboomer» und deren Kinder einen entschieden entspannteren Umgang miteinander pflegen als noch die Generation davor, dass an den Klimademos der Jungen die Alten solidarisch mitdemonstrieren, dass Kinder locker ins eigene Elternhaus einziehen? Oder stimmt auf der anderen Seite die hässliche Fratze der «Boomer», die die Welt in den Abgrund geritten haben und die Jungen nicht ans Ruder lassen?
In dieser Ausgabe kommen zornige Junge zu Wort und gelassenere Alte. Wir reden mit der Generationenforscherin und mit Sozialwissen- schaftlern, stellen Mehrgenerationenprojekte vor und amüsieren uns über stereotype Memes. Georg Gatsas hat Menschen unterschiedlichen Alters fotografiert – coronabedingt per Bildschirm. Und durch den Titel führt ein Fragebogen mit der kniffligsten Frage in der Mitte: Zu welcher Generation zählst du dich?
Ausserdem im Heft: Corona-Kommentare, Corona-Chancen, Corona-Berichte aus Wien und New York, Corona-Kultur und coronafreie Geschichten aus der Geschichte der Ostschweiz.
Das ist die 300. Ausgabe von Saiten. Und die zweite, nach dem April, ganz ohne Kulturkalender. Wir feiern trotzdem: mit 3000 Gratisabos für die nächsten drei Ausgaben von Saiten. Kultur muss sein, auch wenn sie gerade nicht stattfinden kann. Und auch wenn sie nicht ganz so krisenresistent ist wie der Diskurs der Generationen.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenNebenbei gay von Anna Rosenwasser Warum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Mark RiklinStimmrecht von Farida FerecliCorona I/II/III/IV
«Du bist noch jung.» – «Der richtige wird schon noch kommen, du wirst sehen.» Warum die Boomer endlich mal chillen sollen. Von Aglaja Bohm
Danke, Boomer-Väter! Unsere Probleme sind gross genug, wir wollen nicht auch noch euren unausgelebten Schmerz ausbaden. Von Tobit Brüllmann
Warum es neue Generationenverträge braucht, worin sich alte und neue Jugendbewegungen unterscheiden und warum immer mehr Junge konservativ ticken. Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello im Interview. Von Roman Hertler
Heute sind Mehrgenerationen- Projekte gefragt – wenn auch in der Ostschweiz noch weit vom «Boom» entfernt. Ein Rundgang. Von Peter Surber
Uns fehlt die «Elder»-Kultur. Und was wir von indigenen Völkern lernen können. Von Ursula Popp
Die Welt verändert sich, das verunsichert Alt wie Jung. Und die Rechten profitieren davon. Die Sozialwissenschaftler Stefan Paulus und Axel Pohl im Interview. Von Corinne Riedener
Hey, Generation Silent, X, Z, Boomer und Millennials: Lacht wiedermal über euch selber, wir liefern die Memes dafür! Von Julia Kubik
Fotografien von Georg Gatsas
Antifeminismus und Anti-Gender-Rhetorik ermöglichen es Teilen der Gesellschaft, nach rechts zu rücken, ohne dass sie «rechts» wirken. Von Franziska Schutzbach
Das Ganze als das betrachten, was es ist: etwas Neues, Unverständliches, das man aushalten muss. Die Corona-Flaschenpost aus Wien. Von Lorenz Langenegger
Together home alone in New York City: Was ist die «Mutter aller Städte», wenn alles, was man dort suchte, nun fehlt? Von Michaela Müller und Roman Elsener
Mit Covid-19 wird das Sterben öffentlich. Und damit die Einsicht, dass uns die früher selbstverständliche Perspektive über den eigenen Tod hinaus abhanden gekommen ist. Von Ludwig Hasler
Kulturfasten – Was heisst das konkret? Auskünfte von Theaterleuten, Nothilfe im Anlaufen, kontroverses Streaming und ein Blick nach Deutschland und Österreich. Von Peter Surber
«Die Moderne im Kleinen»: St.Galler Bauten aus den krisengeprägten 1930er-Jahren. Nina Keel stellt den Linsebühl-Bau vor.
Stefan Kellers grosse Reportage über die Geschichte der Arbeit im Thurgau ist ein biografisches Feuerwerk – dicht, präzise und äusserst unterhaltsam. Von Roman Hertler
Das Museum Heiden und seine Sammlung aus «Niederländisch-Indien»: Andreas Zangger, Mitautor von Buch und Ausstellung, über die Hintergründe. Von Hanspeter Spörri
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.