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Saiten im Mai: Eins, zwei, Polizei

SG eskaliert: Fünf Beteiligte schildern ihre Sicht der Dinge. Was das mit Fussballfans, dem Polizeireglement und Männlichkeit zu tun hat. Ausserdem im Maiheft: der Winter in Moria, Oehlers lückenhafte Biografie und Psychiatrie im Bild.
Von  Redaktion Saiten , 
Karfreitag 2021 in St.Gallen. (Bild: Jorimphotos)

All eyez on SG: Das galt gerade mal für knapp zwei Wochen. Die sogenannten «St.Galler Osterkrawalle», die unter dem Strich als eher harmlos bezeichnet werden dürfen (fragt mal die Stapo Zürich …), sind längst wieder von den Titelseiten und Busbildschirmen verschwunden. Augenfällig in der hyperventilierenden, aber kurzlebigen Debatte war die weit verbreitete Unfähigkeit oder der Unwille zur Differenzierung. Pauschal war von «der Jugend» die Rede. Pauschal wurde sie auch aus der Stadt weggewiesen am Ostersonntag. Sogar Saitenredaktorin Corinne Riedener – an diesem Abend in lokaljournalistischer Mission unterwegs – kassierte eine Wegweisung. Weil das Outfit offenbar zu jugendlich war. Nach Beschwerde beim Mediensprecher wurde die Wegweisung noch am gleichen Abend zurückgezogen.

Symptomatisch für diese Pauschalisierung war auch, dass sofort führende Jungpolitiker:innen in die Diskussionssendungen eingeladen wurden, um die Sorgen und Nöte «der Jungen» zu erklären. Wo man noch ein Mindestmass an Verständnis aufbringen wollte, wurden gestrichene Auslandsemester und verpasste Weltentdeckungsreisen betrauert. Wie bei dieser SRF-Userin hiess es aber meist: «Die Jungen können das nachholen, die Alten wahrscheinlich nicht mehr. Es kommt nun eben die Generation, die nie lernen musste, was Verzicht heisst.» Sagt vermutlich eine, die ihre Jugend in Zeiten des Aufschwungs, der Vollbeschäftigung und sicherer Renten erlebte und zwischen fünf Lehrstellen auswählen konnte.

Dieses Heft will zuerst der vernachlässigten Frage nachgehen, wer genau an den beiden Freitagabenden eskaliert ist. Ausführliche Gespräche mit fünf Beteiligten haben gezeigt: Das waren keine wohlstandsverwahrlosten Rich Kids und in der Mehrheit auch keine gelangweilten Espenblock-Chaot:innen, wie von der NZZ kolportiert wurde. Was die sogenannte «St.Galler Krawalljugend» sagt, denkt und fühlt, ist ab Seite 16 zu lesen.

Dabei geht es nicht um die Bewertung der Ausschreitungen, sondern – ganz im Sinne Maria Pappas, die in dieser Zeit als Stadtpräsidentin zum Medienstar avancierte – zuerst ums Zuhören und um die Perspektive, oder eher: die Perspektivlosigkeit gewisser Teile der Jugend, deren zunehmende Frustration und Gewaltbereitschaft nicht einfach mit Gummischrot und Tränengas weggeballert und aus der Stadt gewiesen werden können. Für die tiefgehenden und unbequemen sozialen, politischen und kulturellen Fragen, die sich nicht erst seit Ostern stellen, hat die Gesellschaft bisher keine passenden Antworten parat. Zugegeben: Saiten auch nicht. Die Schuld an den Ausschreitungen einseitig «der Jugend» zuzuschieben, greift aber definitiv zu kurz.

Deshalb gilt unser zweiter Blick der Polizei, die nach Ansicht vieler Beobachter:innen vor Ort zumindest am ersten Krawallfreitag zu forsch dreingefahren ist. Beispielhaft zeigt sich die repressive Grundhaltung auch im Umgang mit der lokalen Klimajugend und der Antifa. Zwei Aktivist:innen haben dazu eine Polizeieinsatz-Chronik der letzten 12 Monate zusammengestellt. Im Interview erklärt Fanarbeiter Thomas Weber, was mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie zu erreichen wäre. Matthias Fässler denkt in seinem Text über das Verhältnis von Jugend, Männlichkeit und Gewalt nach. Und im Gespräch mit Stadtparlamentarier Etrit Hasler geht es um das Ringen um öffentliche Freiräume, das Polizeireglement von 2005 und die Geister, die die Ausgehstadt St.Gallen selber rief.

Ausserdem im reizenden Mai: ein Redeplatz zum internationalen Tag der Pflege, ein Rückblick auf den kalten Winter in Moria, Überlegungen zur Heimliefergesellschaft, Das Neue Evangelium, die Oehler-Biografie, Psychiatrie im Bild und endlich wieder veranstaltete Kultur.

Roman Hertler

 

Der Inhalt:

Reaktionen / Viel geklickt
In eigener Sache
In nicht nur eigener Sache
Redeplatz mit Alexandra Akeret
Stimmrecht von Samantha Wanjiru
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser

Eins, zwei, Polizei

Haze (16), Marc (18), Jovan (21), Leo (18) und Aliyah (19): Alle fünf waren mehr oder weniger beteiligt an den Ausschreitungen in St.Gallen – und schildern nun ihre Sicht der Dinge. Von Roman Hertler und Corinne Riedener

Kollektivstrafen kennt man auch in der Fussballszene. Thomas Weber von der Fanarbeit St.Gallen erklärt, was man mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie erreichen kann. Von Corinne Riedener

Männerwelten im Tränengas: Gedanken zum Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt und die Sehnsucht nach Anerkennung. Von Matthias Fässler

Law and Order in St.Gallen: Wie die Polizei versucht, junge Aktivist:innen in St.Gallen einzuschüchtern – eine Chronik von Vorfällen der letzten 12 Monate.

Die Ausgehstadt hat ihre Geister selber gerufen: Etrit Hasler im Gespräch über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Kampf gegen das Polizeireglement von 2005 und den Unruhen heute. Von Peter Surber

Bilder zum Titelthema: Jorimphotos (Karfreitag) und Element (Ostersonntag)

Perspektiven

Flaschenpost aus dem Balkan und Kleinasien, wo Grenzbeamte in Coronazeiten gemischte Gefühle auslösen. Von Daniel Bindernagel

Neues aus den überfüllten Camps auf Lesbos, wo die Menschen einen harten Winter durchlebten. Von Jonas Härter

Im Buch von Kathrin Ammann und Tobias Kindler kommen politisch engagierte Sozialarbeitende zu Wort – sofern sie einer Partei angehören. Von Thiemo Legatis

Im «Open Place» in Kreuzlingen sind alle willkommen, die in irgendeiner Weise in Not geraten sind. Von Judith Schuck

Gedanken zur modernen Heimliefergesellschaft, garniert mit einem Interview mit dem Thurgauer Künstler Max Bottini. Von Jeremias Heppeler

Kultur

Film als politisches Manifest: «Das Neue Evangelium» von Milo Rau ist jetzt doch noch im Kino zu sehen. Von Emilia Sulek

Sophie Taeuber-Arp wird in Basel als Avantgardistin gefeiert. Grund, auch an ihre Kindheit in Trogen zu erinnern. Von H.R. Fricker

Edgar Oehler war ein Tausendsassa in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt hat er sich seine Biografie schreiben lassen. Von Markus Rohner

Samira El-Maawi beschreibt in Romanform ihre Identitätssuche als Schwarze Schweizerin. Am «Kleinen Frühling» liest sie in Appenzell. Von Gallus Frei-Tomic

Ungeschönt: Das St.Galler Museum im Lagerhaus zeigt Schwarzweiss-Fotos aus dem Psychiatriealltag der 1970er- und 80er-Jahre. Von Wolfgang Steiger

Ranzige Bässe und trotzvoller Widerstand gegen die Mehrheitsgesellschaft: Freizeittechnologie Of Switzerland ist on Fire. Von Corinne Riedener

Höllenritt der Terror-Schwestern: Das Theater St.Gallen versetzt «König Lear» in die Welt der Virtual Reality. Von Peter Surber

Provinz? Nicht in Steckborn. Seit fünf Jahren vernetzt Judit Villiger dort im Haus zur Glocke Kunst und Publikum. Ein Besuch. Von Dieter Langhart

Neuer Platz für das Kulturlokal: Das KAFF in Frauenfeld bekommt einen Pavillon und hofft aufs Ende der ständigen Zügelei. Von Judith Schuck

Kultur bewegt sich subito zeitlos: Alpenhof, Kulturlandsgemeinde, Tanz, Pop und Protest im Parcours.

Abgesang

Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller