, 1. Mai 2021
keine Kommentare

Saiten im Mai: Eins, zwei, Polizei

SG eskaliert: Fünf Beteiligte schildern ihre Sicht der Dinge. Was das mit Fussballfans, dem Polizeireglement und Männlichkeit zu tun hat. Ausserdem im Maiheft: der Winter in Moria, Oehlers lückenhafte Biografie und Psychiatrie im Bild.

Karfreitag 2021 in St.Gallen. (Bild: Jorimphotos)

All eyez on SG: Das galt gerade mal für knapp zwei Wochen. Die sogenannten «St.Galler Osterkrawalle», die unter dem Strich als eher harmlos bezeichnet werden dürfen (fragt mal die Stapo Zürich …), sind längst wieder von den Titelseiten und Busbildschirmen verschwunden. Augenfällig in der hyperventilierenden, aber kurzlebigen Debatte war die weit verbreitete Unfähigkeit oder der Unwille zur Differenzierung. Pauschal war von «der Jugend» die Rede. Pauschal wurde sie auch aus der Stadt weggewiesen am Ostersonntag. Sogar Saitenredaktorin Corinne Riedener – an diesem Abend in lokaljournalistischer Mission unterwegs – kassierte eine Wegweisung. Weil das Outfit offenbar zu jugendlich war. Nach Beschwerde beim Mediensprecher wurde die Wegweisung noch am gleichen Abend zurückgezogen.

Symptomatisch für diese Pauschalisierung war auch, dass sofort führende Jungpolitiker:innen in die Diskussionssendungen eingeladen wurden, um die Sorgen und Nöte «der Jungen» zu erklären. Wo man noch ein Mindestmass an Verständnis aufbringen wollte, wurden gestrichene Auslandsemester und verpasste Weltentdeckungsreisen betrauert. Wie bei dieser SRF-Userin hiess es aber meist: «Die Jungen können das nachholen, die Alten wahrscheinlich nicht mehr. Es kommt nun eben die Generation, die nie lernen musste, was Verzicht heisst.» Sagt vermutlich eine, die ihre Jugend in Zeiten des Aufschwungs, der Vollbeschäftigung und sicherer Renten erlebte und zwischen fünf Lehrstellen auswählen konnte.

Dieses Heft will zuerst der vernachlässigten Frage nachgehen, wer genau an den beiden Freitagabenden eskaliert ist. Ausführliche Gespräche mit fünf Beteiligten haben gezeigt: Das waren keine wohlstandsverwahrlosten Rich Kids und in der Mehrheit auch keine gelangweilten Espenblock-Chaot:innen, wie von der NZZ kolportiert wurde. Was die sogenannte «St.Galler Krawalljugend» sagt, denkt und fühlt, ist ab Seite 16 zu lesen.

Dabei geht es nicht um die Bewertung der Ausschreitungen, sondern – ganz im Sinne Maria Pappas, die in dieser Zeit als Stadtpräsidentin zum Medienstar avancierte – zuerst ums Zuhören und um die Perspektive, oder eher: die Perspektivlosigkeit gewisser Teile der Jugend, deren zunehmende Frustration und Gewaltbereitschaft nicht einfach mit Gummischrot und Tränengas weggeballert und aus der Stadt gewiesen werden können. Für die tiefgehenden und unbequemen sozialen, politischen und kulturellen Fragen, die sich nicht erst seit Ostern stellen, hat die Gesellschaft bisher keine passenden Antworten parat. Zugegeben: Saiten auch nicht. Die Schuld an den Ausschreitungen einseitig «der Jugend» zuzuschieben, greift aber definitiv zu kurz.

Deshalb gilt unser zweiter Blick der Polizei, die nach Ansicht vieler Beobachter:innen vor Ort zumindest am ersten Krawallfreitag zu forsch dreingefahren ist. Beispielhaft zeigt sich die repressive Grundhaltung auch im Umgang mit der lokalen Klimajugend und der Antifa. Zwei Aktivist:innen haben dazu eine Polizeieinsatz-Chronik der letzten 12 Monate zusammengestellt. Im Interview erklärt Fanarbeiter Thomas Weber, was mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie zu erreichen wäre. Matthias Fässler denkt in seinem Text über das Verhältnis von Jugend, Männlichkeit und Gewalt nach. Und im Gespräch mit Stadtparlamentarier Etrit Hasler geht es um das Ringen um öffentliche Freiräume, das Polizeireglement von 2005 und die Geister, die die Ausgehstadt St.Gallen selber rief.

Ausserdem im reizenden Mai: ein Redeplatz zum internationalen Tag der Pflege, ein Rückblick auf den kalten Winter in Moria, Überlegungen zur Heimliefergesellschaft, Das Neue Evangelium, die Oehler-Biografie, Psychiatrie im Bild und endlich wieder veranstaltete Kultur.

Roman Hertler

 

Der Inhalt:

Reaktionen / Viel geklickt
In eigener Sache
In nicht nur eigener Sache
Redeplatz mit Alexandra Akeret
Stimmrecht von Samantha Wanjiru
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser

Eins, zwei, Polizei

Haze (16), Marc (18), Jovan (21), Leo (18) und Aliyah (19): Alle fünf waren mehr oder weniger beteiligt an den Ausschreitungen in St.Gallen – und schildern nun ihre Sicht der Dinge. Von Roman Hertler und Corinne Riedener

Kollektivstrafen kennt man auch in der Fussballszene. Thomas Weber von der Fanarbeit St.Gallen erklärt, was man mit einer ernstgemeinten Dialogstrategie erreichen kann. Von Corinne Riedener

Männerwelten im Tränengas: Gedanken zum Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt und die Sehnsucht nach Anerkennung. Von Matthias Fässler

Law and Order in St.Gallen: Wie die Polizei versucht, junge Aktivist:innen in St.Gallen einzuschüchtern – eine Chronik von Vorfällen der letzten 12 Monate.

Die Ausgehstadt hat ihre Geister selber gerufen: Etrit Hasler im Gespräch über Parallelen und Unterschiede zwischen dem Kampf gegen das Polizeireglement von 2005 und den Unruhen heute. Von Peter Surber

Bilder zum Titelthema: Jorimphotos (Karfreitag) und Element (Ostersonntag)

Perspektiven

Flaschenpost aus dem Balkan und Kleinasien, wo Grenzbeamte in Coronazeiten gemischte Gefühle auslösen. Von Daniel Bindernagel

Neues aus den überfüllten Camps auf Lesbos, wo die Menschen einen harten Winter durchlebten. Von Jonas Härter

Im Buch von Kathrin Ammann und Tobias Kindler kommen politisch engagierte Sozialarbeitende zu Wort – sofern sie einer Partei angehören. Von Thiemo Legatis

Im «Open Place» in Kreuzlingen sind alle willkommen, die in irgendeiner Weise in Not geraten sind. Von Judith Schuck

Gedanken zur modernen Heimliefergesellschaft, garniert mit einem Interview mit dem Thurgauer Künstler Max Bottini. Von Jeremias Heppeler

Kultur

Film als politisches Manifest: «Das Neue Evangelium» von Milo Rau ist jetzt doch noch im Kino zu sehen. Von Emilia Sulek

Sophie Taeuber-Arp wird in Basel als Avantgardistin gefeiert. Grund, auch an ihre Kindheit in Trogen zu erinnern. Von H.R. Fricker

Edgar Oehler war ein Tausendsassa in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt hat er sich seine Biografie schreiben lassen. Von Markus Rohner

Samira El-Maawi beschreibt in Romanform ihre Identitätssuche als Schwarze Schweizerin. Am «Kleinen Frühling» liest sie in Appenzell. Von Gallus Frei-Tomic

Ungeschönt: Das St.Galler Museum im Lagerhaus zeigt Schwarzweiss-Fotos aus dem Psychiatriealltag der 1970er- und 80er-Jahre. Von Wolfgang Steiger

Ranzige Bässe und trotzvoller Widerstand gegen die Mehrheitsgesellschaft: Freizeittechnologie Of Switzerland ist on Fire. Von Corinne Riedener

Höllenritt der Terror-Schwestern: Das Theater St.Gallen versetzt «König Lear» in die Welt der Virtual Reality. Von Peter Surber

Provinz? Nicht in Steckborn. Seit fünf Jahren vernetzt Judit Villiger dort im Haus zur Glocke Kunst und Publikum. Ein Besuch. Von Dieter Langhart

Neuer Platz für das Kulturlokal: Das KAFF in Frauenfeld bekommt einen Pavillon und hofft aufs Ende der ständigen Zügelei. Von Judith Schuck

Kultur bewegt sich subito zeitlos: Alpenhof, Kulturlandsgemeinde, Tanz, Pop und Protest im Parcours.

Abgesang

Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Gutenbergstrasse 2
Postfach 2246
9001 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Hindernisfreier Zugang via St.Leonhardstrasse 40

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

 

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!