Investieren ist meistens eine gute Tat. Gelegenheiten gibt es dafür ja genug; in Beziehungen, Menschen oder Projekte aller Art. Und es ist nicht nur jenen mit einem dicken Bankkonto vorbehalten, nein, alle, die ein Guthaben an Zeit, Nerven oder Ideen haben, können in irgendwas investieren. Wie alles heutzutage treibt aber freilich auch das Investieren fragwürdige Blüten. Schlitzohren allerorts wollen uns «die ultimative Investition in die Zukunft» verkaufen, meist nur zum eigenen Vorteil, und die ach so Lebensweisen werden nicht müde zu betonen, dass wir nur «mehr in unsere eigene Achtsamkeit investieren» müssen, um erfolgreicher zu sein. Was meistens Bullshit ist. Vollmondtöpfern und Urschrei-Improvisation haben noch nie jemandem geholfen, die Rechnungen zu zahlen (ausser er oder sie bietet solcherlei Workshops an).
Einigen wir uns trotzdem darauf, dass es grundsätzlich löblich ist, in Dinge zu investieren. In etwas zu investieren heisst, sich zu etwas zu bekennen und an etwas zu glauben. Einigen wir uns auch darauf, dass es wichtig wäre, in die Kultur zu investieren – vor allem finanziell. Darum geht es in diesem Heft: ums Geld bzw. um die Kulturförderung. Die Branche arbeitet nicht erst seit der Pandemie unter teils prekären Umständen. Das gilt nicht nur für viele Kulturschaffende, sondern auch für die Institutionen, die, wollen sie faire Gagen zahlen, eigentlich Abstriche im Programm machen müssten.
Roman Hertler ist, ausgehend vom kürzlich publizierten Bundesbericht über die Saläre und die soziale Absicherung von Kulturschaffenden, der Frage nachgegangen, welchen Anteil die Kulturförderung am Kulturprekariat hat und warum dieses selbstausbeuterische System auch historisch gewachsen ist. David Gadze berichtet über die bevorstehende Gründung der Regionalen Kulturförderplattfom «Kultur St.Gallen Plus», wo das Stadt-Land-Gefälle nicht die einzige Herausforderung sein wird. Zwei Erkenntnisse aus diesen Beiträgen: Die Förderpraxis müsste dem ganzen künstlerischen Prozess von der Recherche bis zum Produkt umfassen, und ohne das entsprechende Fachwissen in der Förderung bleibt es beim «Gut gemeint».
Investiert wird auch in Lichtensteig. Vom «Kulturmekka» im Toggenburg ist hin und wieder die Rede, wobei das vielleicht doch etwas übertrieben ist. Dennoch: Seit 2013 hat die 2000-köpfige Gemeinde trotz knapper Finanzen kontinuierlich in partizipative Projekte, Räume, Menschen und nicht zuletzt ins eigene Selbstbild investiert, um sich vom Strukturwandel zu erholen. Schon seit einiger Zeit wuselt es im Rathaus für Kultur und im ehemaligen Industrieareal Stadtufer, Ende April eröffnet dort die Junge Bühne Toggenburg, und ab Mai bevölkern 20 auswärtige «Pioneers» das Städtli, um gemeinsam mit den Locals an einer «enkeltauglichen» Zukunft zu arbeiten. Mehr dazu ab Seite 26.
Ausserdem im wonnigen Mai: das Interview mit SP-Urgestein Alexa Lindner Margadant, die langersehnte Platte von Karluk, Güllens grafisches Gedächtnis, die Kulturlandsgemeinde in Teufen, Chie Hayakawas Spielfilm zur Vergreisung in Japan und die Flaschenpost aus dem unterkühlten Portugal.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenStimmrecht von SangmoWarum? Von Jan RutishauserRedeplatz mit Alexa Lindner MargadantNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Perspektiven
Auch die Gründung der Regionalen Förderorganisation «Kultur St.Gallen Plus» kann das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land nicht beheben. Die Unsicherheit ist auf beiden Seiten gross. Und das Problem der stagnierend tiefen Saläre im Kulturbereich bleibt ungelöst. Die Förderstellen können das System nicht alleine umkrempeln.
Start im Blindflug. von Roman Hertler
Wohin entwickelt sich die Kulturförderung? von David Gadze
Flaschenpost aus Portugal: Mit langen Unterhosen im Sprachkurs. von Tobias Hänni
Lichtensteig kommt einfach nicht zur Ruhe – im besten Sinn. Mit der Jungen Bühne Toggenburg und dem Summer of Pioneers gehen zwei neue Projekte an den Start. von Corinne Riedener
Das Stadtufer-Areal in Lichtensteig. (Bild: Valerie Geissbühler)
Kultur
Am Auffahrtswochenende lädt die Kulturlandsgemeinde zum Thema «Heimat» ins Zeughaus Teufen. Der künstlerische Leiter Ueli Vogt berichtet im Interview, wie umfassend das Thema verstanden werden kann. von Kristin Schmidt
marc norbert hörler: hecatean lines, 2023
Ausstellung: «Outsider Art unter dem Halbmond» im Open Art Museum. von Larisa Baumann
Ausstellung: Radikale Zeitdokumente – «Güllens grafisches Gedächtnis». von Pius Frey
Kino: Plan 75 von Chie Hayakawa – Dystopie einer vergreisenden Gesellschaft. von Corinne Riedener
Portrait: Flora Frommelts Spiel mit Raumverhältnissen und Abstraktionen. von Judith Schuck
Musik: Nach langer Wartezeit veröffentlichen Karluk endlich ihr erstes Album. von David Gadze
Parcours: Buch-Kunst-Fest, Edelmann, Neujahrsblatt, Wiborada, Solilauf, Smash Little WEF
Plattentipps: Analog im Maivon Lidija Dragojevic, Magdiel Magagnini und Philipp Buob
Gutes Bauen Ostschweiz (VIII): Die Landschaft zieht in die Fabrik. von Ulrike Hark
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauer jr.Comic von Julia Kubik
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.