Wie viele Kleidergeschäfte gibt es in der St.Galler Innenstadt – noch enger gefasst: in der historischen Altstadt zwischen Unterem und Oberem Graben, Spisertor und Schibenertor, also ohne Neumarkt und Co.? Wir haben sie gezählt und gestaunt: Es sind rund 80, Schuhgeschäfte nicht mitgezählt. Rechnet man hinzu, dass, wo immer ein Laden zugeht, ein Modeladen aufgeht, so könnten es bald 100 sein.
Kein Wunder, sagt der naive Beobachter: St.Gallen ist schliesslich die Textilmetropole Nummer eins. Falsch, antwortet die Kennerin: Von den Kleidern, die in all den Boutiquen feilgeboten werden, stammt kaum noch eins aus hiesiger Produktion. Über die Schattenseiten des globalisierten, intransparenten und vielerorts ausbeuterischen Fashion-Business hat Saiten schon früher berichtet (Nr. 234 im Mai 2014); Hintergründe dazu auch im Dossier «Faire Mode» auf saiten.ch.
Aber: Die Ostschweizer Textilindustrie gibt es noch immer, und sie produziert auch. Der textilen Ostschweiz, ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart widmen sich von Mai bis Oktober gleich acht Museen in Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen. Die Gemeinschaftsausstellung trägt den Titel «iigfädlet».
Saiten nimmt den Faden in diesem Heft, das in Kooperation mit «iigfädlet» entstanden ist, seinerseits auf. Wir stellen junge Fachleute vor, die sich trotz der Talfahrt der Branche für einen Textilberuf entscheiden und zum Teil sehr eigenwillige Wege gehen. Wir fragen nach Motivation und Ausbildungssituation und gehen dem Trend zum Selberschneidern nach. Manche der hier Porträtierten trifft man in der «iigfädlet»Ausstellung wieder an, insbesondere im Zeughaus Teufen unter dem schönen Slogan «Kleider machen Leute machen Kleider». Ein weiterer Schwerpunkt sind die High-Tech-Produkte und -Technologien, mit denen wir teils tagtäglich zu tun haben, ohne es zu wissen und zu merken – Textilien, die mit Hemd und Hose kaum noch etwas zu tun haben, dafür mit Handy oder Hausbau.
Schliesslich ist die Zürcher Modebloggerin Andrea Monica Hug (chic-in-zurich.ch) für Saiten nach St.Gallen gekommen und hat Passantinnen und Passanten zu Kleidung und Mode befragt. Gejuckt hat uns und sie dabei die Frage: Ist St.Gallen nicht nur auf den Catwalks von Paris und New York Spitze, sondern auch in der Spiser- und in der Multergasse? Sage mir, was du trägst, und ich sage dir, wer du bist: So simpel fällt die Antwort natürlich nicht aus, aber es scheint doch, dass der St.Galler Pragmatismus sich auch in Kleiderdingen durchsetzt…
Unser Dank gilt der Geschäftsleiterin von «iigfädlet», Isabelle Chappuis für ihre Anregungen und ihre Unterstützung. Die paar Fäden in diesem Heft lassen sich weiter spinnen; bis Ende Oktober kann man sich an acht Orten schlau machen über die industrielle Kultur der Ostschweiz, die Sozialgeschichte und die Menschen, die sie geprägt haben und von ihr geprägt wurden. Es ist eine Geschichte, die, wie Chappuis in der Begleitpublikation zur Ausstellung schreibt, «Erzählstoff ohne Ende» liefert.
Andere Fäden im Heft: die CVP und ihre Kulturpolitik, die Jugendbeiz und ihre Betreiber, das Project R und seine Medienvision, Wil und seine Moschee. Und ein Gedicht für Obama.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenBlickwinkel von Wassili WidmerStadtpunkt von Dani FelsStimmrecht von Gülistan AslanRedeplatz mit Matea Vom SufoGastrecht von That Fucking SaraHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel Müller
Von der «Fabrique» zum TouchscreenThomas Fuchs vom Museum Herisau über die Appenzeller Textilgeschichte und die «iigfädlet»-Ausstellung.von Peter Surber
«iigfädlet». Die Infos.
WeitergesponnenWie die Ostschweizer Textilindustrie ihr ursprüngliches Handwerk in die Zukunft rettet.von Cathrin Caprez
Kleider für Frauen mit FormenAuf Besuch im St.Galler Couture-Lehratelier.von Corinne Riedener
Chic in St.GallenStreetstyle-Bloggerin aus Zürich meets Gallusstadt.von Andrea Monica Hug
Comicfiguren, Rebellinnen, brennende SchuheFünf junge Designer mit Wurzeln in der Ostschweiz.von Frédéric Zwicker
Werft die Kleider aus dem FensterSelbernähen ist so beliebt wie lange nicht mehr.von Nina Rudnicki
Die Bilder zum Titelthema stammen von Samuel Bänziger.
Journalismus & ZukunftDie «Republik»: Mitgründer Christof Moser im Interview.von Corinne Riedener
Flaschenpostvon Bianca Pedrina und Amira Hanafi aus dem Alpenhof
#Saitenfährtein: WilImam Bekim Alimi im Gespräch.von Frédéric Zwicker
Politik & KulturWas treibt CVP-Kantonsrätin Yvonne Suter um? Ein Porträt.von Sina Bühler
Talhof und Flon feiern Jubiläum: Das Interview mit fünf Jugendlichen aus den Betriebsgruppen.von Corinne Riedener
Der Cirque de Loin macht Estival.von Michael Felix Grieder
Rap: Princess Nokia im Palace.von Corinne Riedener
Jan Heller Levis Gedicht Dear President Obama.von Florian Vetsch
Das Wanderbuch Sonnenlüfte atmen.von Richard Butz
Der Kulturparcours – quer durch die Ostschweiz.
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im April: Die «Republik».
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenDer DachsKreuzweiseworte
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.