Kürzlich habe ich eine Performance geträumt: ein lichter Wald, vielleicht Pinien, dazwischen Menschen, die sich durch die Bäume bewegen. Es ist eine Inszenierung oder Aktion von Milo Rau, der Wald ist irgendwie bedroht, es geht darum, sich mit ihm zu verbinden und – im Traum ist das klar – ihn zu würdigen, zu stärken, vielleicht zu retten. Die Performance hat im Traum auch einen Namen, The Forest Piece.
Natürlich gibt es dieses Stück von Milo Rau in Wirklichkeit nicht. Es gibt rund 50 andere Theater- und Filmproduktionen des in St.Gallen aufgewachsenen Regisseurs, die beinah rund um die Welt gespielt werden. Und wenn, dann ginge es bei ihm sicher nicht um irgendeinen Wald, sondern um einen politischen, einen, der Geschichte geschrieben hat, den Teutoburger Wald oder den Wald um das KZ Buchenwald, vielleicht auch um die von Waldbränden bedrohten südfranzösischen oder kalifornischen Wälder oder den tropischen Regenwald. Mag sein, dass Milo Rau es überhaupt nicht mit Wäldern hat. Wie auch immer: Was am Traumbild stimmt, ist, dass sich sein «Theater des Realen» nicht bloss als Bühne versteht, wo Stücke gespielt werden, sondern als Ort, wo sich die Welt verändern lässt. Und der Mensch mit ihr.
Rau kommt damit dem ursprünglichen Charakter von Theater nahe; seine Arbeiten seien «in einem gewissen Sinn rituell», sagt er in seinem neusten Buch Theatre Is Democracy in Small. Theater als Feier des Formalen interessiere ihn nicht – vielmehr gehe es in all seinen Projekten letztlich und vor allem anderen um die Frage: «Wie können wir besser, humaner, nachhaltiger zusammenleben?»
Mitte November erhält Milo Rau den Grossen Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. Grund genug für einen Schwerpunkt in Saiten (wo Rau 2008 seine grosse, preisgekrönte Reportage zum Ceausescu-Prozess in Rumänien und 2009/2010 als Kolumnist seine «Wege zur Erlösung» geschrieben hat). Im Interview von Kaspar Surber äussert sich Rau nochmal zum städtischen Kulturpreis, den er 2018 wegen angeblich fehlendem kulturellem «Fussabdruck» nicht bekommen hat, und zu seinen tiefen St.Galler Prägungen – interessant, in dem Zusammenhang noch einmal nachzulesen: Er sei «der vermutlich originalste St.Galler» überhaupt, schrieb Rau im Sommer 2010 in seiner Saiten-Kolumne, verkuppelte und versöhnte seine ungebärdigen deutschen und italienischen Grossmütter und Grossväter in einer umwerfenden Engführung im Geist des st.gallisch gesitteten Mittelmasses und endete mit dem Slogan: «St.Galler aller Nationen, vereinigt Euch!»
Aber retour zu diesem Heft: Rolf Bossart, Mitstreiter der ersten Stunde, Chef des «Amts für Theorie» am kontroversen St.Galler Theaterprojekt City of Change von 2011 und Mitherausgeber mehrerer Bücher, beleuchtet Raus Schaffen in Anekdoten und Reflexionen. Florian Vetsch erinnert an den Kantischüler Milo, und zur Sprache kommen auch das jüngste Buch des Theatermachers und sein radikaler Entwurf eines «Stadttheaters der Zukunft», an dem sich auch das hiesige Theater fruchtbar reiben könnte, wenn es denn wollte.
Zweiter Schwerpunkt im Heft ist die Recherche zu den russischen Oligarchen in der Ostschweiz, Teil zwei, mit neuen Einsichten über die Vielzahl von dubiosen Unternehmungen, die sich via Briefkästen in Teufen, Herisau und St.Gallen die Klinke in die Hand geben. Schliesslich im Kulturteil ein Blick in den Bücherherbst: Kim de l’Horizons grandioser Roman Blutbuch, das Debüt Leoparda der Thurgauer Autorin Anja Schmitter und weitere Neuheiten. Sowie im Abgesang ein herbstlich frohgestimmtes «Ich bin dann mal wieder da» von Charles Pfahlbauer jr.
Peter Surber
PS: Von der Rückseite des Novemberhefts grüsst Herr Mäder samt Bärsau. Lang nicht mehr gesehen, hier in Saiten! Aus aktuellem Anlass taucht Manuel Stahlbergers legendärer Comic-Antiheld nochmal auf und nimmt kurz Platz im Saitenbüro, auf dem Stuhl jenes P.S., der sich hiermit in die Pension verabschiedet. Und seinem Nachfolger alles Gute wünscht. Nicht Herrn Mäder allerdings – das käme nicht gut heraus, mutmasst auch Zeichner Stahlberger selber –, sondern David Gadze. Willkommen!
Reaktionen/PositionenBildfangRedeplatz mit Claudio BüchelStimmrecht von SangmoWarum? von Jan RutishauserNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Schwerpunkt
von Kaspar Surber, Rolf Bossart, Florian Vetsch und Peter Surber
Milo Rau 2019 in der zerstörten Altstadt von Mossul. (Bild: Armin Smailovic / Agentur Focus)
Perspektiven
Flaschenpost aus den USAvon Karin Karinna Bühler
Die Verflechtungen der russischen Oligarchen in der Ostschweiz, Teil zwei, mit neuen Einsichten über die Vielzahl von dubiosen Unternehmungen, die sich via Briefkästen in Teufen, Herisau und St.Gallen die Klinke in die Hand geben.
von Hans Fässler, Mitarbeit: Roman Hertler und Margrith Widmer, Gestaltung: DOME, Studio toericht
Kultur
Kim de l’Horizons Blutbuch ist schwer zu beschreiben und saugut. Anja Schmitters Leoparda kocht über, die Frau wird zum Tier. Und drei Tipps zum Weiterlesen.
von Corinne Riedener und Gallus Frei-Tomic
Anja Schmitter, fotografiert von Leticia Perrenoud
Gemeinsamer Stillstand: der Palace-Sampler Still not Stillvon David Nägeli
The Roman Games laden ein: Rorschach unpluggedvon Roman Elsener
L’Ouvrier n’as pas de Patrie: Unrueh von Cyril Schäublin im Kinovon Corinne Riedener
Gutes Bauen Ostschweiz (II): Wann ist Bauen nachhaltig?von Elias Baumgarten
Parcours: Schwarzkunst in Blau, Kunst im Kleinformat, Tanz den Stream, Gigers Guggisberg
Plattentipps: Analog im November
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
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