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Saiten im November: Milo Rau

Endlich Kulturpreis. Ein Heft zu Milo Raus später Ehrung in seiner alten Heimat. Ausserdem: die Recherche zu den russischen Oligarchen in der Ostschweiz, Teil zwei, Kim de l'Horizons Blutbuch, Anja Schmitters Leoparda und Bärsau zu Besuch in der Hauptpost.
Von  Redaktion Saiten , 
Szene aus Das Neue Evangelium von Milo Rau, 2019 (Bild: Armin Smailovic / Agentur Focus)

Kürzlich habe ich eine Performance geträumt: ein lichter Wald, vielleicht Pinien, dazwischen Menschen, die sich durch die Bäume bewegen. Es ist eine Inszenierung oder Aktion von Milo Rau, der Wald ist irgendwie bedroht, es geht darum, sich mit ihm zu verbinden und – im Traum ist das klar – ihn zu würdigen, zu stärken, vielleicht zu retten. Die Performance hat im Traum auch einen Namen, The Forest Piece.

Natürlich gibt es dieses Stück von Milo Rau in Wirklichkeit nicht. Es gibt rund 50 andere Theater- und Filmproduktionen des in St.Gallen aufgewachsenen Regisseurs, die beinah rund um die Welt gespielt werden. Und wenn, dann ginge es bei ihm sicher nicht um irgendeinen Wald, sondern um einen politischen, einen, der Geschichte geschrieben hat, den Teutoburger Wald oder den Wald um das KZ Buchenwald, vielleicht auch um die von Waldbränden bedrohten südfranzösischen oder kalifornischen Wälder oder den tropischen Regenwald. Mag sein, dass Milo Rau es überhaupt nicht mit Wäldern hat. Wie auch immer: Was am Traumbild stimmt, ist, dass sich sein «Theater des Realen» nicht bloss als Bühne versteht, wo Stücke gespielt werden, sondern als Ort, wo sich die Welt verändern lässt. Und der Mensch mit ihr.

Rau kommt damit dem ursprünglichen Charakter von Theater nahe; seine Arbeiten seien «in einem gewissen Sinn rituell», sagt er in seinem neusten Buch Theatre Is Democracy in Small. Theater als Feier des Formalen interessiere ihn nicht – vielmehr gehe es in all seinen Projekten letztlich und vor allem anderen um die Frage: «Wie können wir besser, humaner, nachhaltiger zusammenleben?»

Mitte November erhält Milo Rau den Grossen Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. Grund genug für einen Schwerpunkt in Saiten (wo Rau 2008 seine grosse, preisgekrönte Reportage zum Ceausescu-Prozess in Rumänien und 2009/2010 als Kolumnist seine «Wege zur Erlösung» geschrieben hat). Im Interview von Kaspar Surber äussert sich Rau nochmal zum städtischen Kulturpreis, den er 2018 wegen angeblich fehlendem kulturellem «Fussabdruck» nicht bekommen hat, und zu seinen tiefen St.Galler Prägungen – interessant, in dem Zusammenhang noch einmal nachzulesen: Er sei «der vermutlich originalste St.Galler» überhaupt, schrieb Rau im Sommer 2010 in seiner Saiten-Kolumne, verkuppelte und versöhnte seine ungebärdigen deutschen und italienischen Grossmütter und Grossväter in einer umwerfenden Engführung im Geist des st.gallisch gesitteten Mittelmasses und endete mit dem Slogan: «St.Galler aller Nationen, vereinigt Euch!»

Aber retour zu diesem Heft: Rolf Bossart, Mitstreiter der ersten Stunde, Chef des «Amts für Theorie» am kontroversen St.Galler Theaterprojekt City of Change von 2011 und Mitherausgeber mehrerer Bücher, beleuchtet Raus Schaffen in Anekdoten und Reflexionen. Florian Vetsch erinnert an den Kantischüler Milo, und zur Sprache kommen auch das jüngste Buch des Theatermachers und sein radikaler Entwurf eines «Stadttheaters der Zukunft», an dem sich auch das hiesige Theater fruchtbar reiben könnte, wenn es denn wollte.

Zweiter Schwerpunkt im Heft ist die Recherche zu den russischen Oligarchen in der Ostschweiz, Teil zwei, mit neuen Einsichten über die Vielzahl von dubiosen Unternehmungen, die sich via Briefkästen in Teufen, Herisau und St.Gallen die Klinke in die Hand geben. Schliesslich im Kulturteil ein Blick in den Bücherherbst: Kim de l’Horizons grandioser Roman Blutbuch, das Debüt Leoparda der Thurgauer Autorin Anja Schmitter und weitere Neuheiten. Sowie im Abgesang ein herbstlich frohgestimmtes «Ich bin dann mal wieder da» von Charles Pfahlbauer jr.

Peter Surber

PS: Von der Rückseite des Novemberhefts grüsst Herr Mäder samt Bärsau. Lang nicht mehr gesehen, hier in Saiten! Aus aktuellem Anlass taucht Manuel Stahlbergers legendärer Comic-Antiheld nochmal auf und nimmt kurz Platz im Saitenbüro, auf dem Stuhl jenes P.S., der sich hiermit in die Pension verabschiedet. Und seinem Nachfolger alles Gute wünscht. Nicht Herrn Mäder allerdings – das käme nicht gut heraus, mutmasst auch Zeichner Stahlberger selber –, sondern David Gadze. Willkommen!

 

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen
Bildfang
Redeplatz mit Claudio Büchel
Stimmrecht von Sangmo
Warum? von Jan Rutishauser
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser

 

Schwerpunkt

Milo Rau erhält den Grossen Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. Sein Schaffen in fünf Akten.

von Kaspar Surber, Rolf Bossart, Florian Vetsch und Peter Surber

1 «Ich bin ein St.Gallen-Ultra»
2 Meister der Rezeptivität
3 Some grow up to heaven
4 Das Genter Manifest
5 Für ein anderes Stadt-Theater

Milo Rau 2019 in der zerstörten Altstadt von Mossul. (Bild: Armin Smailovic / Agentur Focus)

 

Perspektiven

Oh Lucy!

Flaschenpost aus den USA
von Karin Karinna Bühler

 

Die Verflechtungen der russischen Oligarchen in der Ostschweiz, Teil zwei, mit neuen Einsichten über die Vielzahl von dubiosen Unternehmungen, die sich via Briefkästen in Teufen, Herisau und St.Gallen die Klinke in die Hand geben.

von Hans Fässler, Mitarbeit: Roman Hertler und Margrith Widmer, Gestaltung: DOME, Studio toericht

 

Kultur

Blut- und andere Bücher

Kim de l’Horizons Blutbuch ist schwer zu beschreiben und saugut. Anja Schmitters Leoparda kocht über, die Frau wird zum Tier. Und drei Tipps zum Weiterlesen.

von Corinne Riedener und Gallus Frei-Tomic

Anja Schmitter, fotografiert von Leticia Perrenoud

 

Gemeinsamer Stillstand: der Palace-Sampler Still not Still
von David Nägeli

 

The Roman Games laden ein: Rorschach unplugged
von Roman Elsener

 

L’Ouvrier n’as pas de Patrie: Unrueh von Cyril Schäublin im Kino
von Corinne Riedener

 

Gutes Bauen Ostschweiz (II): Wann ist Bauen nachhaltig?
von Elias Baumgarten

 

Parcours: Schwarzkunst in Blau, Kunst im Kleinformat, Tanz den Stream, Gigers Guggisberg

 

Plattentipps: Analog im November

 

Abgesang

Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
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