, 31. Oktober 2019
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Saiten im November: Vom Eigensinn

Ein Heft über Eigenbrötlerinnen und Aussenseiter, Sonderlinge und Einzelkämpferinnen. Ausserdem: Kolonialismus-Bewältigung in Ton und Tat, neue politische Musik, alte Bauhaus-Architektur und die queere Ovartaci-Ausstellung im Museum im Lagerhaus.

Die Bilder vom Saurer-Hochhaus in Arbon im Titelthema hat Ladina Bischof gemacht.

Vivian Maier ist 2009 in Chicago gestorben. Die US-Amerikanerin mit französischen Wurzeln hat hunderttausende Fotografien hinterlassen, viele zeigen das urbane Leben in den Strassen New Yorks und Chicagos, den Alltag, den Verkehr, die sozialen Verhältnisse. Oder sie selbst.

Bekanntheit erlangte Maier erst nach ihrem Tod, als man ihren dokumentarischen Bilderschatz eher zufällig bei einer Versteigerung wiederentdeckte. Ihr wird nachgesagt, sie habe die Fotografie äusserst obsessiv betrieben, aber nie einer Menschenseele auch nur einen Abzug gezeigt. In einem Dokfilm wird Maier als «zurückgezogen und spartanisch lebende Einzelgängerin ohne tiefere vertrauliche Kontakte zu ihren Mitmenschen» beschrieben. Aus ihrer Privatsphäre soll sie ein besonderes Geheimnis gemacht haben, unter anderem indem sie ihre Unterkünfte bisweilen rigoros abgeschottet hat, Messie-hafte Züge inklusive.

Dieser Darstellung widersprechen einige, unter anderem Ann Marks und Francoise Perron, die viel und aufwändig zu Maier und ihrem – kunsthistorisch bis heute nicht ernsthaft eingeordneten – Werk recherchiert haben. Sie entspreche nicht dem Bild einer exzentrischen geheimnisvollen Person und zeitlebens verkannten, postum entdeckten Künstlerin, wie oft behauptet wird. Die Rezeption gestaltet sich schwierig. Laut der Schweizer Kunsthistorikerin Meret Ernst liegt das auch daran, dass sich die Autodidaktin Maier «nie über ihr fotografisches Schaffen ausgetauscht und keinerlei Erklärungen noch Hinweise auf das, was ihr wirklich wichtig war, hinterlassen hatte.»

So zwiespältig die Rückschau auf Maier ist, so faszinierend ist sie als Künstlerin und als Person. Ich gestehe: Eigenbrötlerinnen und Aussenseiter, stuuri Grindä, Sonderlinge und Einzelkämpferinnen haben es mir angetan. Sie verkörpern die Ego-Rebellion, die es in unserer gesellschaftssüchtigen, öffentlichkeitsgeilen Gesellschaft so dringend braucht. Sie machen ihr eigenes Ding. Sie brauchen nicht ständig «die anderen», um sich zu spüren. Sie sind auch schräg und nervig, verdreht und abgehoben, schrullig und streng. Und nicht per se besser oder schlechter als die weniger Eigensinnigen. Aber meistens interessanter.

Mit diesem Heft wollen wir diesem Menschenschlag etwas näher kommen. Woher die Faszination fürs Eigensinnige und Eigenwillige und was hat das mit Politik zu tun? Wie ist das Leben alleine mit einer Gitarre, allein mit dem Hinterland, allein mit der Stoppuhr? Was haben Eigenbrötler mit Eichhörnchen zu tun? Wo sind die Grenzen des Eigensinns und warum braucht es zum Lieben angeblich immer zwei? Die Antworten zu diesen Fragen kommen von Veronika Fischer, Rolf Bossart, Judith Altenau, Hanspeter Spörri und der Saiten-Redaktion, die Bildstrecke ist von Ladina Bischof. Sie hat einen Blick auf die Freiheit des Individuums geworfen bzw. auf die Freiheit in den eigenen vier Wänden.

Ausserdem im post-olmatischen November: Kolonialismus-Bewältigung in Ton und Tat, neue politische Musik, alte Bauhaus-Architektur und die queere Ovartaci-Ausstellung im Museum im Lagerhaus.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen
Mehr Siege für eine bessere Politik von Andreas Kneubühler
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser
Redeplatz mit Walter Boos
Stimmrecht von Farida Ferecli

Vom Eigensinn

«Aber gell, find emol e Bänd». Marina Niedermann schreibt traurige Songs und steht solo auf der Bühne.
Von Roman Hertler

Steff Signer, der Mann aus dem selbsterfundenen Hinterland, und sein eigensinniges Universum.
Von Hanspeter Spörri

7,42 Sekunden. Riccarda Dietsche ist eine der schnellsten Frauen der Schweiz. Eine Einzelkämpferin?
Von Corinne Riedener

Liebe und was man – allein – dagegen tun kann.
Von Veronika Fischer

Ein Hoch auf die Eichhörnchen.
Von Judith Altenau

Vom Eigen-Brot wird die Welt nicht satt.
Von Peter Surber

Spleen, Schrulle, Tick. Dem Eigensinn auf den Zahn gefühlt.
Von Rolf Bossart

Die eigenen vier Wände – Ladina Bischofs Bilder aus dem Saurer-Hochhaus.

Perspektiven

Im Himmel der Bücher: Flaschenpost aus Helsinki.
Von Urs Oskar Keller

Antigua: Schweizer Slavereigeschichte in der Karibik.
Von Hans Fässler

Zum Beispiel Rorschach: Autobahn-Milliarden oder der «kleinstmögliche Eingriff»?
Von Niklaus Reichle

Kultur

Bear Pit, Projekt ET und Simon Hotz: St.Gallens Musik wird wieder politischer.
Von Matthias Fässler

Neue CD und neue Opernpläne: Ein Gespräch mit dem Komponisten Charles Uzor.
Von Daniel Fuchs

«Afrikanischer» Opernstoff beschäftigt auch Alfons K. Zwicker.
Von Peter Surber

Der neue Gedichtband der in St.Gallen lebenden US-Lyrikerin Jan Heller Levi.
Von Claire Plassard

Die Doppelausstellung im Lagerhaus über Gender, sexuelle Identität und die Künstlerin Ovartaci.
Von Corinne Riedener

100 Jahre Bauhaus: die Ausläufer des «Neuen Bauens» und der Moderne in der Ostschweiz.
Von René Hornung

Der Verlag «da bux» in Buchs macht schlanke Bücher für die Jugend.
Von Bettina Kugler

Im Parcours: Too Mad, Tÿpo und Max Koller, Lyrik und Musik, 30 Jahre Ausserrhoder Kulturstiftung.

Abgesang

Boulevard
Kehls Kompass
Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic von Julia Kubik

 

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