Nicht allen ist in jungen Jahren ein «warmes Nest» vergönnt. Schwierige Umstände bringen Eltern dazu, ihre Kinder weg- oder zur Adoption freizugeben. Andere verwaisen. Wieder andere sind auf der Flucht und kommen ohne Eltern in die Schweiz. Sich solcher Schicksale anzunehmen, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, Bildung, Ausbildung und Zukunftschancen zu ermöglichen, gehört zu den ersten Aufgaben einer Gesellschaft.
Fast 20’000 Kinder und Jugendliche waren 2018 in der Schweiz fremdplatziert. Knapp ein Drittel ist in Pflegefamilien untergebracht, zwei Drittel in Heimen, wie der Verein Pflege- und Adoptivkinder Schweiz PACH vorrechnet. Hinzu kommen jährlich nochmals um die 500 unbegleitete minderjährige Asylsuchende.
Ein Grossteil dieser Kinder und Jugendlichen ist in Heimstrukturen versorgt. Dabei weiss man spätestens seit der Heimkampagne ab den frühen 1970er-Jahren, bei der man die alten Heimstrukturen zerschlagen wollte, dass kleinere, familiärere Umgebungen in der Regel besser geeignet sind, Kindern und Jugendlichen Halt zu geben und dabei zu helfen, zwischenmenschliches Grundvertrauen aufzubauen.
Noch immer wird mehrheitlich in Mauern statt Menschen investiert. Was nicht heisst, dass die 68er mit ihrer «Heimzerschlagung» gescheitert wären, auch wenn Modelle wie die Heilpädagogische Grossfamilie aus der Mode gekommen sind. Im öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Umgang mit Pflegekindern setzen sich ganzheitlichere, systemische Ansätze durch. Das ist ein Verdienst der alten Idealistinnen und Idealisten. Pflegefamilien sind heute kleiner, auch Einzelpersonen können heute Kinder bei sich aufnehmen.
Diese Ausgabe ist in Kooperation mit dem Verein tipiti entstanden und von diesem mitfinanziert. Der Verein arbeitet nach den oben genannten Prinzipien. Er vermittelt und begleitet nicht nur Pflegefamilien, sondern bietet auch Ausbildungen und Coachings bis über die obligatorische Schulzeit hinaus an. Direkt zu Wort kommen drei Jugendliche und junge Erwachsene, die freimütig über Irrungen und Wirrungen, aber auch Lichtblicke in ihrem Leben berichten. Im Interview spricht tipiti-Gründer, Ökonom und Sozialarbeiter Rolf Widmer über die Gründe seines Engagements und warum ihn die aktuelle Migrationspolitik beelendet. Marion Loher hat einen Tag lang das Lern- und Begegnungszentrum in St.Gallen besucht. Emil Keller hat
die Ankunftsfamilie in Trogen getroffen, bei der seit 2015 alle UMA, die Appenzell Ausserrhoden zugewiesen werden, ein paar Wochen oder Monate Station machen. Veronika Fischer sprach mit einem Paar, das Babys ein Heim auf Zeit gegeben hat. Und Tschösi und Peter Olibet diskutieren im Generationendialog über ihre je eigene Motivation, Pflegekinder und -jugendliche in der Familie aufzunehmen und zu begleiten. Das Titelthema fotografiert hat Ueli Steingruber.
Ausserdem im neopandemischen November: Flaschenpost aus den Cevennen, das Interview zur Zukunft des Historischen und Völkerkundemuseums, eine (erste) kulturelle Corona-Bilanz, Kulturkosmonauten, Kunstzeughaus und App’n’Cell now.
Roman Hertler
PS: Wer freie Sicht aufs Saiten-Cover will, darf gerne Mitglied werden! Hier gehts lang.
Reaktionen / Viel geklicktIn eigener SacheNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Roman RiklinStimmrecht von Samantha WanjiruKonzernverantwortung
tipiti-Initiator Rolf Widmer über die Gründungsjahre, seine Visionen und das Drama in Moria. Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Als Ankunftsfamilie bieten Annette Wirth und Silvio Staub unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden eine erste Verschnaufpause. Besuch in Trogen. Von Emil Keller
«Mein Bruder und ich schmeissen den Haushalt gemeinsam», sagt Tahere Alimardani (16). Sie ist vor eineinhalb Jahren aus Afghanistan in die Schweiz gekommen. Notiert von Corinne Riedener
Im LBZ begleitet tipiti «einheimische» und «mehrheimische» Jugendliche und junge Erwachsene in der Alltagsbewältigung und der Berufsausbildung. Von Marion Loher
«Ich habe Karin Keller-Sutter schon die Haare gewaschen», sagt Andrea-Rodrigo Zogg (23). Er hat die Oberstufe beim tipiti in Wil besucht. Notiert von Roman Hertler
Margreth und Remo Bless haben über Jahre Pflegebabys bei sich aufgenommen, bauten enge Bindungen auf und mussten auch lernen, diese wieder zu lösen. Besuch in Oberuzwil. Von Veronika Fischer
«Im Gegensatz zu meinem früheren Ich bin ich jetzt stärker», sagt Eva M.* (26). Sie kam über die Jugendanwaltschaft zum tipiti. Notiert von Sandro Zulian
Wie sein Vater Tschösi nimmt auch Peter Olibet Pflegekinder mit seiner Familie auf – obwohl er das anfangs nicht wollte. Ein Generationendialog. Notiert von Roman Hertler und Corinne Riedener
Fotografie von Ueli Steingruber
Klimawandel in den Cevennen: die Flaschenpost aus dem Languedoc, wo die Weine zu früh reifen und im September ein Jahrhundertunwetter niederging. Von Peter Surber
Das HVM wird 100: Interview mit Stiftungspräsident Arno Noger zur Neuausrichtung des Museums, zum Kampf um Besucherzahlen und zur Idee eines Migrationsmuseums. Von Roman Hertler
Corona und Kultur im Herbst 2020: Der Kulturbetrieb droht erneut ins Stocken zu kommen. Was sagen die Profis? Und reicht die Hilfe? Von Peter Surber
«La Ultima»: das Tanzstück von Elenita Queiróz wirft Fragen zur gesellschaftlichen Rolle der Frau auf. Von Sandra Cubranovic
Auch wenn die 12. Ausgabe des Filmfestivals Pantalla Latina in reduziertem Umfang stattfindet: Das Programm verspricht viel. Von Geri Krebs
Eine ehemalige Fabrik in Lichtensteig wird zum Kunstort. Im November wird in der Fein-Elast «Dogo Totale» gefeiert. Von Sascha Erni (Achtung: Abgesagt!)
Nichts ist, was es ist: Peter Fischli stellt im Kunsthaus Bregenz aus. Von Kristin Schmidt
«APP’N’CELL NOW» denkt die Gruppenausstellung in der Ziegelhütte weiter – dynamisch und demokratisch. Von Kristin Schmidt
Generationenkonflikt in der Kellerbühne: Das Mutter-Tochter-Stück «Herzzeitlose» mit Boglárka Horváth. Von Peter Surber
Kulturdreieck ennet dem Ricken: Das Kunstzeughaus in Rapperswil wird von zwei Frauen geleitet, die auf Vernetzung setzen. Von Dieter Langhart
Trainings in Selbstwirksamkeit: Besuch bei den Kulturkosmonautinnen Pamela Dürr und Anna von Schrottenberg. Von Karsten Redmann
Parcours: Youth Engagement, Briefe aus Moria, Tanz im Doppel und Augenwasser
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.