, 28. September 2018
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Saiten im Oktober: Von Hindernissen

Zugänglichkeit für alle, Inklusion: Das ist ein Minenfeld. Saiten wagt sich hinein. Die neuste Ausgabe handelt «Von Hindernissen» und im Untertitel von «Barrierefreiheit und Diversität». Ausserdem im Oktober: Auf nach Lichtensteig!

Die Angelegenheit könnte bis vor Bundesgericht gehen, droht einer der Kläger. Der Gegenstand der Auseinandersetzung: ein Trottoir am Spisertor in St.Gallen. Es soll erhöht werden, damit der Einstieg in die neuen längeren Züge der Appenzellerbahnen hindernisfrei auf der ganzen Zugslänge möglich ist. Gut für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen, Velos und Krückengängerinnen. Schlecht für die Geschäfte, deren Parkplätze nicht mehr zu befahren wären. Ein Konflikt mit politischem Zündstoff, weil sich auch der Stadtrat gegen das Projekt wehrt, und mit der Tendenz zu Juristerei und Rechthaberei. Es ist das klassische Dilemma, das auf zahllosen gesellschaftlichen Reibungsfeldern existiert und besonders dort, wo «political correctness» das Sagen hat: Auf beiden Seiten gibt es gute Argumente, moralische Ansprüche, pragmatische Einwände und rasch einmal: Verletzlichkeiten.

Zugänglichkeit für alle, Inklusion, Barrierefreiheit: Das ist ein Minenfeld. Dieses Heft wagt sich hinein. Es handelt «Von Hindernissen» und im Untertitel von «Barrierefreiheit und Diversität». Falls Sie das bereits gelesen haben, beherrschen Sie offenbar die Braille-Blindenschrift – falls nicht, ist Ihnen auf dem Heftcover eine erste veritable Barriere begegnet, ein Hindernis nicht für Sehbehinderte, sondern für Normalbehinderte.

Im Zentrum dieses Hefttitels steht eine Erstpublikation: Auszüge aus dem jüngsten Buchprojekt des St.Galler Autors und Rollstuhlfahrers Christoph Keller Every Cripple a Superhero. Florian Vetsch hat die Auszüge eigens für Saiten übersetzt, Keller steuerte Fotos bei – wir freuen uns über diese publizistische Uraufführung und über die markanten Sätze, die darin zu finden sind, zum Beispiel dieser: «Hab ne Behinderung, bin keine.» Neben Keller kommen die Dirigentin Felicitas Gadient, der Aktivist Cem Kirmitizoprak, Sehberater Virgil Desax, HSG-Professor Nils Jent und Jacqueline B. zu Wort – Spezialisten allesamt. Zumindest dem einen kapitalen Punkt aller Gender-, Handicap-, Rassismus- und sonstigen Diversitäts-Debatten versuchen wir damit gerecht zu werden: «Nothing about us without us». Oder wie Jacqueline B. schreibt: «…dass wir Betroffenen die Einzigen sind, die kompetent über uns Auskunft geben können».

Ausserdem im Heft: Besuche in Lichtensteig, wo sich gerade ein mittleres Kulturentwicklungs-Wunder abspielt. Aktuelles aus Literatur, Theater, Kunst und Kino. Und der Bericht von einem, der ans Ziel gekommen ist.

Peter Surber
P.S. Alle Texte dieses Titels werden Anfang Oktober online gestellt und damit nicht nur lesbar, sondern auch hörbar sein: barrierefrei auf saiten.ch.

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen
Redeplatz mit Bea Weder
Stimmrecht von Muzaffer «Midi» Mermer
Herr Sutter sorgt sich… von Bernhard Thöny
Evil Dad von Marcel Müller
Innensicht: St.Galler Restaurants. Am Gallusplatz und Perronnord
Mensch Meyer von Helga und Janine Meyer

Von Hindernissen

Aus: Jeder Krüppel ein Superheld
Erinnerungssplitter. Teil I, Teil II, Teil III.
Von Christoph Keller und Florian Vetsch (Übersetzung)

Zur Not mit Flaschenzug
Felicitas Gadient dirigiert den Kammerchor Wil im Rollstuhl.
Von Bettina Kugler

Wir sind auch da
Cem Kirmizitoprak kämpft für eine Gesellschaft, in welcher alle dazugehören.
Von Andri Bösch

Blindsurfing
Wie barrierefrei sind Websiten für Blinde und Sehbehinderte? Ein Crashtest.
Von Virgil Desax

Aufklären! Mit stoischer Geduld!
Nils Jent, HSG-Professor für Diversität und Inklusion, plädiert für Kompromisse statt Konfrontation. Das Interview.
Von Peter Surber und Christoph Popp

Einerseits und andrerseits
Chancengleichheit – Überlegungen zu einem gesellschaftlichen Minenfeld.
Von Rolf Bossart

Dumm gelaufen
Gesundheit ist etwas, das man viel zu wenig schätzt. Bis man plötzlich aus dem Tritt geworfen wird.
Von Corinne Riedener

Die Barrieren in den Köpfen der Undiagnostizierten
Von Jacqueline B.

Das Correctness-Quiz
von Christoph Keller

Die Fotos im Titelthema stammen von Christoph Keller

Perspektiven

Flaschenpost aus Venedig. Von Maria Guta

Auf nach Lichtensteig!
Das neue Rathaus für Kultur, die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Wirkstadt und das Interview mit Mathias Müller.
Von Julia Kubik, Sascha Erni, Michael Hug und Soma Wonglamdab (Zeichnung)

Kultur

Neue Bücher von Kettly Mars und Erich Hackl. Und ein Streit.
Von Daniel Fuchs und Jochen Kelter

Clément Moreaus antifaschistische Kunst in einer Ausstellung.
Von Richard Butz

Anja Kofmels aufrüttelnde Dokumentation Chris the Swiss.
Von Adrian Lemmenmeier

Der Maler und Architekt Johannes Hugentobler – wiederentdeckt in Appenzell.
Von Sibylle Zambon

Kulturparcours

Mixologie

2 Gedichte im Oktober

Abgesang

Kehl buchstabiert die Ostschweiz
Kellers Geschichten
Kreuzweiseworte
Pfahlbauer
Boulevard

 

 

1 Kommentar zu Saiten im Oktober: Von Hindernissen

  • Marcel Zünd sagt:

    Christoph Kellers Erinnerungssplitter sind „der Hammer“! Ich habe schon lange nicht mehr so viele Einsichten in so kurzer Lesezeit gewonnen wie bei diesen verdichteten Lebenserfahrungen, die weit über die Auseinandersetzung mit der Behinderung hinausweisen in sogenannte allgemeinmenschliche Dimensionen, um nicht zu sagen die „condition humaine“. Wir sind alle behindert und irgendwann sterben wir damit (nicht zwingend daran). Christoph Keller ist ein grosser Schriftsteller.
    Danke, Saiten, dass ihr diesen Texten diese Plattform gabt.

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