Es ist eine schöne Devise, schon fast eine Handlungsanweisung: «yes, and…». Übersetzt würde das etwa heissen: «Ja, gut, spannend, weiter…». Die Devise habe ich neulich von unserem Saiten-Verlagskollegen und Musiker Marc Jenny gelernt. Sie handelt vom förderlichen Miteinander-Vorwärtskommen, vom unterstützenden Eingehen aufeinander, also vom Gegenteil dessen, was landauf landab in aller Regel praktiziert wird: «Ja, aber…».
In diesem Sinn nimmt sich Saiten noch einmal das Nein zur Ostschweizer Expo zur Brust. Nein, keine ausschweifende Analyse der Gründe für das Nein. Auch kein Gejammer. Sondern ein einigermassen fröhliches «Ja, und…». Wir schreiben damit den Kommentar fort, mit dem WOZ-Journalist Kaspar Surber an jenem ominösen 5. Juni auf saiten.ch das Abstimmungsresultat quittiert hat, mit dem Fazit: «Die Idee einer Expo ist weg, doch das Jahr 2027 kommt bestimmt. All jene, die an einer Diskussion über die Zukunft der Ostschweiz interessiert sind, könnten sich das Jahr 2027 dennoch zum Horizont nehmen. Wenn es schon keine offizielle Expo gibt, dann hoffentlich eine inoffizielle.» Hier ist sie: in Überlegungen der Expo-Verfechterin Margrit Bürer zur Qualität einer Gross-Ausstellung, in gezeichneten Visionen von Lika Nüssli und Luisa Zürcher, in euphorischen und skeptischen Tiraden von Roland Köppel und Emil Müller und in einer inpoistischen Rede der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin.
Dass eine Wie-auch-immer-Expo noch nicht ganz vom Tisch ist, zeigte die Situation des Unterstützer-Vereins «Expo 2027 Bodensee Ostschweiz»: Während das Oktoberheft in Druck war, entschied die Mitgliederversammlung, den Verein aufzulösen – trotz Gegenanträgen von Leuten, die sich eine grenzüberschreitende, eine ökologische, eine nachhaltige Reflexionsplattform namens Expo weiterhin vorstellen könnten. Währenddessen versucht man im Aargau, die Ostschweiz expo-nentiell zu beerben.
Exposition? Ausstellung? Um eine konventionelle Idee von «Landesausstellung», mit teuren Hallen, Bähnli und rezyklierbaren Bierbechern, konnte und kann es im Ernst allerdings nicht gehen, das zeigen auch die Beiträge in diesem Heft. Ausstellen als Resultat und Event ist passé – zukunftsträchtig könnte hingegen der Prozess sein, die Neugier darauf, wie man miteinander Aufgaben anpackt und Lösungen findet. Ausstellen, sagt einer, der es wissen muss, bedeute heute und in Zukunft nicht Präsentation – sondern Ermächtigung der Mitbeteiligten und des Publikums. Auf dass es sich am Wickel packe und sage: «Ja, und…».
Peter Surber
Reaktionen/Positionen
Blickwinkel von Jiří MakovecStadtpunkt von Dani Fels EinspruchRedeplatz mit Barbara-David BrüeschGastrecht: Chrigel Fisch gratuliert dem Palace
«Wir haben ein unglaubliches Lernfeld verpasst»Margrit Bürer zur gescheiterten Expo. von Peter Surber
Olma reloaded?Eine Tirade. von Emil Müller
Machen wir die Expo 2027!Ein Aufruf. von Roland Köppel
Leidenschaft statt ÖkonomieEine inpoistische Rede. von Frank und Patrik Riklin
Schluss mit der Beschaulichkeit!Die gezeichnete Expo-Vision. von Lika Nüssli und Luisa Zürcher
Flaschenpost aus Kärnten von Monika SlamanigWinterthurAppenzell InnerrhodenRheintalToggenburgStimmrecht von Yonas GebrehiwetStadt und Raum von Thomas Schregenberger
Teil acht unserer Besuche in der Agglo rund um Gross-St.Gallen: Zwei Ostendarps und Bauern mit Perücke.von Fréderic Zwicker und Peter Surber
Advanced Crowdfunding: Die Zukunft heisst Matchedfunding – vielleicht.von Martina Kammermann
Mäddel Fuchs‘ Appenzeller Weltenvon Peter Surber
A discrétion in Appenzeller Beizen.von Kristin Schmidt
Zwickers Torturada und der Film Rubén.von Daniel Fuchs
Europe, She Loves: der Dokfilm über vier junge europäische Liebespaare.von Geri Krebs
Syrien im Film, Türkei im Kiosk
Abgesang
D wie Drei Kapuziner: Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung