Neulich erzählte ich einem Kollegen eine gruslige Geschichte: Vor zwei Jahren war ich in Helsinki und berichtete unserer Gastgeberin, weshalb ich einen Verband ums linke Bein trug. Ich hatte mir zuvor bei einem Fussballspiel auf Kunstrasen das Schienbein zweifach aufgeschürft. Die grossflächige Wunde war zwar nicht weiter schlimm, schmerzte aber tagelang und liess mich im Schlaf immer wieder zusammenzucken, wenn ich mich drehte.
Zwei Tage, nachdem ich meiner Gastgeberin davon erzählte, erschienen plötzlich mehrfach Bepanthen-Werbungen auf meinem Facebook-Profil, obwohl ich weder danach gegoogelt noch sonst irgendwie die Wundheilsalbe erwähnt hatte. Es wird noch unheimlicher: Kurz nachdem ich eingangs erwähntem Kollegen von dieser fiesen Werbeattacke berichtet hatte, schickte er mir eine SMS, er habe soeben auch eine Bepanthen-Werbung auf einem seiner Social-Media-Kanäle erhalten.
Auch wenn es sich hierbei um einen dummen Zufall gehandelt haben sollte: Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, welche Abgründe sich hinter der segensreichen Digitalisierung auftun können. Dass Laptop-Kameras und Handy-Mikrophone potenziell überwacht respektive abgehört werden, ist an sich ein alter Zopf. Wer es mit welcher Absicht tut, ist nicht immer klar. Klar ist, dass wir – ob wir wollen oder nicht – auf Schritt und Tritt überwacht werden, von privater Seite mit finanziellen Gewinnabsichten und durch staatliche Organe aus vermeintlichen Sicherheitsgründen.
Vor 30 Jahren deckte eine bundesparlamentarische Untersuchungskommission auf, in welch ungeheurem Ausmass die schweizerischen Geheimdienste grosse Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer politischen Gesinnung beschattet und in Registern erfasst hatten. In diesem Heft blicken wir darauf zurück, wie Polizisten und Hobbyspione während des Kalten Krieges ausgiebig in Privatangelegenheiten von St.Gallerinnen und St.Gallern herumschnüffelten. Als Experiment haben wir uns auf die Gegenseite begeben und die grüne National- und Ständeratskandidatin Franziska Ryser überwacht – mit den Kommunikationsdaten, die heute von Gesetzes wegen erhoben und gespeichert werden. Matthias Fässler erläutert, wie die Zürcher Stadtpolizei nach dem Fussballspiel gegen den FCSG eifrig ihre Datenbanken mit Informationen über Fans füttert. Eine Ausstellung in St.Peterzell beschäftigt sich mit dem Thema Privatsphäre und Anonymität. Und Marcel Baur spielt mit dem Gedanken, was eigentlich wäre, wenn wir im Netz komplett auf Privatsphäre verzichten und alles offenlegen würden. Zum Titelthema fotografiert hat Tobias Siebrecht.
Ausserdem im Heft: Der General Westmoreland vor 50 Jahren in Arbon, das Schlupfhuus St.Gallen, die «IG Sans-Papier SG», Post aus Kapstadt und die späte Ehre für die frühe Berufsfotografin Mia Hesse. Nicht zu vergessen die neue Wanderrubrik: Kehls Kompass.
Roman Hertler
Reaktionen/PositionenNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Martin SailerStimmrecht von Farida FerecliSommerhitze I – II – IIIEine Ode auf den Parkplatz von Marcus Schäfer
Willkommen im digitalen Totalitarismus: Telefon- und Internetanbieter speichern unsere Daten – aber welche?von Corinne Riedener
Fischen auf Vorrat: Wie die Zürcher Stadtpolizei Fussballfans kontrolliert und damit ihre Datenbank füttert. Zum Beispiel am 14. August 2019.von Matthias Fässler
Hosen runter! «Post-Privacy» oder die Kunst, unseren Daten den Wert zu entziehen – indem wir alles offenlegen.von Marcel Baur
30 Jahre World Wide Web und die Kunst: Eine Ausstellung in St.Peterzell fragt, wie es um unsere Privatsphäre steht.von Peter Surber
30 Jahre Fichen-Skandal: Auch die Ostschweiz war im Fokus der Staatsschützer. Fichierte und Spione blicken zurück.von Roman Hertler
Bilder und Cover: Tobias Siebrecht
Tiere gehen immer: Die Flaschenpost aus Kapstadt.von Julia Kubik und Tim Rüdiger
Rechtlos in der pützleten Schweiz: Das Gespräch mit Matthias Rickli und Gianluca Cavelti zur IG Sans-Papiers St.Gallen.von Corinne Riedener
Mit 15 Jahren ging Noémie Walser ins Schlupfhuus. Es war ihre Rettung.von Nina Rudnicki
Als der Vietnamkrieg nach Arbon kam: Erinnerung an den Besuch von General Westmoreland vor 50 Jahren.von Harry Rosenbaum
Gerechtigkeit für Mia Hesse – und eine Spurensuche nach anderen Foto-Pionierinnen.von Urs Oskar Keller
Mit einem Klick zur Kultur: Seit fünf Jahren gibt es die Vermittlungsplattform kklick.von Peter Surber
OMG, zum Glück ist das nur ein Film – die Komödie Die fruchtbaren Jahre sind vorbei.von Corinne Riedener
Ab zum Mars: Die NASA-Bilder und zeitgenössische Kunst in Rapperswil-Jona.von Sascha Erni
Im Sammlungs-Dschungel: Die Ausstellung «Bricolage» in St.Gallen.von Sandra Cubranovic
Wenn Bands ihre Keller öffnen: das Disorder Bandraumfestival.von Urs-Peter Zwingli
Tutti und fortissimo: Elf Chöre gemeinsam an der ersten St.Galler Chornacht.von Eva Bachmann
Stadträume, Zirkusträume, neue Lyrik, keine Panik, Terror und Theater: der Kulturparcours.
Boulevard
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic von Julia Kubik
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.