Saiten im September: Öberefahre und andere Traditionen
Wie schwierig bei Traditionen der Balanceakt zwischen Wandel und Stillstand ist, zeigen eine Reportage von der Alpfahrt auf die Sämtisalp und eine soziokulturelle Analyse auf das immaterielle Kulturerbe am Beispiel der Appenzeller Landsgemeinde. Ausserdem im September: Frontisten in der Ostschweiz, ein Filmfestival der Klimaseniorinnen, die Neueröffnung des Theaters 111, das neue Buch von Jessica Jurassica und das neue Album von Elio Ricca.
Die Bilder für den Schwerpunkt zum Thema Traditionen stammen von Christinan Hersche. Es sind bislang unveröffentlichte Diptychen aus der Werkreihe «Chom Hee Zo Mee», die im vergangenen Jahr als Fotobuch bei Jungle Books publiziert wurde.
Die Sommerferien sind gefühlt schon eine Ewigkeit her (und fühlten sich eher wie Herbstferien an), die Tage werden bereits wieder sichtbar kürzer, die Temperaturen sinken – der Sommer verabschiedet sich langsam. Nicht nur Seestrände und Badis leeren sich, sondern auch die Alpen: Im September ist es auch fürs Vieh an der Zeit, ins Tal zurückzukehren. Die Alpabfahrt steht an. Ein traditionelles Fest, das früher eine rein funktionale Handlung war, inzwischen aber ein öffentlicher Anlass geworden ist, ein «Event», wie es auf Neudeutsch so schön heisst – mit Tourist:innen, Festwirtschaft und Medienberichten.
Die Alpüberfahrt steht sinnbildlich für das Spannungsfeld, das praktisch jeder Tradition innewohnt: Wie viel Erneuerung darf sein, damit sie nicht ihren Geist verliert – und wie viel muss sein, damit sie ihren Sinn behält? Um über Generationen hinweg zu überleben, müssen sich Traditionen wandeln dürfen. Sind sie zu starr an Formen und Regeln gebunden, verlieren sie ihre Lebendigkeit, weil sie nicht mehr in den Alltag oder die Werte einer Gesellschaft passen. Traditionen hingegen, die sich an neue Kontexte anpassen können, bleiben relevant. Dieser Wandel darf so weit gehen, dass eine Tradition in der Gegenwart Sinn stiftet, muss aber so viel Kontinuität wahren, dass sie als Brücke zur Vergangenheit erkennbar bleibt. Das gilt für die Volksmusik genauso wie für Trachten oder Silvesterchläuse. Ganz abgesehen davon: Vieles, das Traditionalist:innen – auch in der bäuerlichen Kultur – um jeden Preis in der «ursprünglichen» Form bewahren wollen, weil es «schon immer so war», ist oft nicht viel älter als 150 Jahre.
Wie schwierig dieser Balanceakt sein kann, zeigt Andi Giger in zwei Texten, die Teil seiner Bachelorarbeit an der ZHAW sind. In einer Reportage begleitet er eine Familie bei der Alpfahrt auf die Sämtisalp und erzählt, wie sie diese Tradition pflegt – oder eben nicht. Und er wirft am Beispiel der Landsgemeinde einen soziokulturellen Blick auf das immaterielle Kulturerbe.
Um historischen Wandel geht es auch im siebten Teil unserer Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich». Cenk Akdoganbulut zeichnet nach, welche Frontisten in der Ostschweiz aktiv waren und den Anschluss der Schweiz ans Dritte Reich anstrebten.
Und die Klimaseniorinnen lehnen sich nach ihrem Sieg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht einfach zurück – sie kämpfen weiter. Um die Öffentlichkeit für den Klimaschutz zu sensibilisieren, organisieren sie im Rahmen der Klimawoche St.Gallen ein kleines Filmfestival, das an mehreren Orten in der Region St.Gallen stattfindet. Daria Frick berichtet, warum der Kampf weiterhin wichtig bleibt.
Ausserdem im spätsommerlichen September: die Wiedereröffnung des Theaters 111, das neue Buch von Jessica Jurassica, das neue Album von Elio Ricca und die Flaschenpost aus Estland.
David Gadze
Positionen
«Es geht um Verantwortung, nicht um Ideologie» Redeplatz mit Marc Rüdisüli
Stimmrecht: Wenn Träume wahr werdenvon Liliia Matviiv
24/7 Traumacore: There's no place like Heimatvon Mia Nägeli
Perspektiven
Auf dem Weg z'Alp: Die Alpfahrt ist im Bauernjahr einer der wichtigsten Tage. Von den Jüngsten bis zu den Ältesten begleiten die Familien und ihre Helfer:innen in gemächlichem Tempo den Tross. Warum der Brauch in die aktuelle Zeit passt, weiss die Mutter. Sie fährt mit dem Auto voraus. von Andi Giger
Auf dem Landsgemeindeplatz treffen Politik und Tradition aufeinander: Sind Bräuche und Traditionen heute vor allem eine Show für «Nicht-Hiesige»? Zwei Fachmeinungen zur aktuellen Bedeutung des immateriellen Kulturerbes. von Andi Giger
Flaschenpost aus Estland: Singen ist politisch von Peter Surber
Neben den reichsdeutschen Gruppen waren auch Schweizer Bürger in der Ostschweiz aktiv. Sie setzten sich für eine helvetische Variante des Faschismus ein und forderten den Anschluss an das Dritte Reich. von Cenk Akdoganbulut
Am 3. Juli 1938 marschiert die Nationale Front beim Hauptbahnhof St.Gallen auf. (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)
Kultur
Mitte September zeigen drei Klimaseniorinnen anlässlich der Klimawoche St.Gallen und des Festivals «Filme für die Erde» eine Handvoll Filme. Sie sollen Jung und Alt für den Klimakampf motivieren. von Daria Frick
Scars of Growth (2024) von Monika Grassl und Linda Osusky. (Filmstills: pd)
Requiem in Weiss – Das würdelose Sterben unserer Gletscher (2025) von Harry Putz.
Neustart im Theater 111: Das St.Galler Kleintheater nimmt nach über zweijähriger Zwangspause den regulären Betrieb wieder auf. von David Gadze
Von der Garage auf die Tanzfläche: Das St.Galler Duo Elio Ricca setzt seine musikalische Reise mit dem vierten Studioalbum konsequent fort. von Roman Hertler
Aus dem Jura gegen das Patriarchat: Im neuen Roman Gaslicht von Jessica Jurassica geht es um Trauma, Selbstheilung und die Dekonstruktion patriarchaler Strukturen. von Vera Zatti
Parcours: Glitch, The KVB, Orgelfestival, Klang Moor Schopfe, die 100 besten Plakate und beziehungsweise
Gutes Bauen Ostschweiz (XXIX): Parkparadies in der Agglo – Der Grünfelspark in Rapperswil-Jona. von Corinne Riedener
Plattentipps: Analog im September. von Lidija Dragojević, Tobias Imbach und Philipp Buob
Boulevard: Blumen oder eins an den Latz. von Josip Gossip
Abgesang
Kellers Geschichten: Nicht invasiv
Comic von Julia Kubik: Gemüse im Personality-Check
Das Kulturmuseum St.Gallen unter Direktor Peter Fux befindet sich derzeit in einem Spannungsfeld zwischen Neuausrichtung, kolonialem Erbe und Personalfragen. Ausserdem im Sommerheft: Wie der Frauenfussball in der Ostschweiz von der EM profitieren könnte sowie die unverzichtbaren Sommertipps.
Die Schweiz hat ein Problem mit der von Männern ausgeübten Gewalt an Frauen. Auch darum braucht es weiterhin Proteste, wie am 14. Juni. Ausserdem im Juniheft: Die Geschichte zweier St.Galler Nazifreunde und ein Rück- bzw. Ausblick auf die Festspiele – und weshalb sie in die Gallusstadt gehören.
Der grosse Schwerpunkt zur Eröffnung des Klanghauses, in Kooperation mit der Klangwelt Toggenburg. Ausserdem im Wonnemonat Mai: 40 Jahre Kunsthalle, ein St.Galler Geschäftsmann im Dritten Reich, ein neuer Morgen in der Kellerbühne und der Jazzfrühling.
Was kommt nach dem Tod? Was hatten St.Galler Geistliche mit den Nazis zu schaffen? Und was hat es mit Graubündens neuem Schnee auf sich? Alles nachzulesen im neuen Heft. Ausserdem im April: die Neue von Stahlberger, GAFFA in Arbon und Tüchel in Argentinien.
Die Jubiläumsnummer in Kooperation mit der Kantonsbibliothek. Ausserdem im belesenen März: Emil Abderhalden und andere Rassenhygieniker, die erste Design Week St.Gallen und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, dem KAFF in Frauenfeld und dem Toggenburg.
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.