Blinddarm, Beinbruch, Brustkrebs. Geburt und Tod sowieso. Wir alle sind früher oder später auf Pflege angewiesen. Ich lag kürzlich selbst im Spital, durfte nach der OP nicht aufstehen und war drum auf Hilfe, unter anderem beim Pinkeln, angewiesen. Ganze viermal in einer Nacht habe ich den Knopf gedrückt. Und jedes Mal schlich die Pflegefachfrau vom Nachtdienst innert Kürze zu mir ans Bett, half mir aus der Hose, schob mir das «Schiffli» unters Füdli und holte nachher das Teil wieder ab.
Berührt hat mich nicht die Tatsache, dass mich diese Frau – mit ihrer jahrelangen Fachausbildung und Erfahrung – so gutgelaunt bei den stupidesten Körpervorgängen unterstützt hat, sondern dass sie auf Anhieb und im Halbdunkeln registrierte, wie schampar unangenehm mir diese Abhängigkeit von einer Fremden war. Dass sie mich direkt darauf angesprochen hat, einen flotten Spruch machte und mir so jegliches Unbehagen nahm. Später erzählte sie mir, wie heiss sie ihren Job liebt und dass sie die vollen Bettpfannen und vielen Begegnungen für keinen Chefinnensessel der Welt aufgeben würde.
Auch das gehört zur Pflege: Beziehungen aufbauen, Gespräche führen, Ängste nehmen, Menschen abholen und anleiten. Im öffentlichen Bewusstsein geht das vielfach unter, «die Pflege» wird zuerst mit medizinischen und körperhygienischen Leistungen assoziiert. Auch das Gesundheitssystem trägt der Breite des Berufs zu wenig Rechnung: Vieles, was Tag für Tag geleistet wird, ist nicht abgebildet im Leistungskatalog und kann darum nicht abgerechnet werden.
Es fehlen aber nicht nur Zeit und Geld – es fehlen vor allem die Leute. Der Berufsverband SBK schätzt, dass in der Schweiz bis 2030 rund 65’000 Pflegefachleute fehlen. Schon jetzt geben über 2400 Pflegende pro Jahr ihren Beruf auf, viele der Aussteiger:innen sind unter 35. Das hat viel mit den Arbeitsbedingungen zu tun. Hier setzt die Pflegeinitiative an, über die wir im November abstimmen: Sie fordert eine Ausbildungsoffensive, mehr berufliche Autonomie, fairere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Abgeltung der Pflegeleistungen – damit die Pflegequalität weiterhin gewährleistet werden kann.
Diese Forderungen stammen noch aus präpandemischen Zeiten. Die vergangenen eineinhalb Jahre haben uns nochmal in aller Deutlichkeit spüren lassen, wie unverzichtbar die Pflege ist. Gründe genug also für dieses Heft: Julia Sutter pendelt zwischen Geburtshaus und Hospiz, das St.Galler Betagtenheim Halden hat uns einen Einblick in den Arbeitsalltag gewährt, Roman Hertler beschreibt, wie die Arbeitsbedingungen unter dem politischen gewollten Kostendruck leiden, Peter Surber geht der Frage nach, woher die tausenden zusätzlichen Pflegefachleute herkommen sollen, und Monika Müller-Hutter erklärt im Interview, was es braucht, damit eine Spitexfusion nicht zu Kündigungswellen führt. Illustriert wurde das Titelthema von Nino Christen. Seine Pflegesuperheld:innen bilden zusammen ein unschlagbares Team.
Ausserdem im Septemberheft: die satirische Stadtrevue HotSpotOst am Theater St.Gallen, wandeln auf Walser-Spuren, der neue Dokfilm über die vergessene Heldin Gertrud Woker, Anna Rosenwassers Brandrede für die Ehe für alle und Franziska Rysers Antworten, wie es nach dem Nein zum CO2-Gesetz weitergehen könnte.
Corinne Riedener
ReaktionenViel geklicktWunderbarRedeplatz mit Meret TröschNeustartNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan Rutishauser
Pendeln zwischen Geburtshaus und Hospiz: Wo die Pflegenden das Sagen und die Patient:innen alle Zeit der Welt haben. Von Julia Sutter
Was ist gerontopsychiatrische Arbeit, was leistet überhaupt die Pflege und wieviel davon ist Büroarbeit? Besuch im Betagtenheim Halden. Von Corinne Riedener
Die Arbeitsbedingungen leiden massiv unter dem politisch gewollten Kostendruck. Drei Beispiele aus der Region. Von Roman Hertler
Applaus genügt nicht. Die Schweiz braucht in den kommenden Jahren tausende zusätzliche Pflegekräfte. Und der Kanton knausert. Von Peter Surber
Was braucht es, damit bei einer Spitex-Fusion keine Kündigungswelle droht? Organisationsentwicklerin Monika Müller-Hutter im Interview. Von Roman Hertler und Corinne Riedener
llustrationen: Nino ChristenFotos: Hannes Thalmann
Offene Menschen und geschlossene Grenzen: Die Flaschenpost aus der Osttürkei zwischen Idyllen und Kriegsspuren. Von Daniel Bindernagel
Nicht wegen Toleranz – es gibt bessere Gründe, am 26. September Ja zu sagen zur Ehe für alle. Eine Brandrede. Von Anna Rosenwasser
Nach dem Nein zum CO2-Gesetz: «Wir bleiben dran». Franziska Ryser über die Klippen der Realpolitik und die Dringlichkeit, vorwärts zu machen mit dem Klimaschutz.
St.Gallen soll es endlich schaffen und zum HotSpot-Ost werden: Das Theater St.Gallen nimmt die Gallenstadt satirisch aufs Korn. Uraufführung ist am 15. September. Von Peter Surber
Nastassja Martin überlebte einen Bärenangriff. Ihr Buch «An das Wilde glauben» stellt Fragen zu unserem Verhältnis zur Natur – und zum Wappentier. Von Katharina Brenner
Die Galerie vor der Klostermauer zeigt sich «In neuem Licht»: 90 Kunstschaffende, die irgendwann im kleinen Kunstort ausgestellt haben, zeigen je ein Werk. Von Richard Butz
Die Propstei St.Peterzell lädt wieder zur Sommerausstellung: Im riesigen Dachstock sind diesmal Schiffe und Matrosen gelandet. Das Meer kommt ins Neckertal. Von Kristin Schmidt
Sie war eine brillante Chemikerin – doch als Pazifistin und Frauenrechtlerin den Männern ein Dorn im Auge. Ein Film erinnert an die «vergessene Heldin» Gertrud Woker. Von Corinne Riedener
Der Dichter würde sich wundern: Vier Tage im September steht das Appenzellerland im Bann von Robert Walser. Von Peter Surber
Corona hat auch das Kulturprogramm im St.Galler Bahnhof Bruggen ausgebremst. Jetzt wird es neu aufgegleist, mit einem Verein und inspirierenden Quartier-Ideen. Von Roman Hertler
Contrapunkt, die Konzertreihe für zeitgenössische Klassik, erfindet sich einmal mehr neu. Ein Gespräch mit Präsident Charles Uzor und Trompeter André Meier. Von Bettina Kugler
Christine Fischer erzählt in ihrem neuen Buch «Herz. Kranz.Gefäss.» die Geschichte eines Abschieds. In das «Mutterbuch» der Tochter mischt sich die Pandemie. Von Peter Surber
Seit drei Jahren gibt es das Pilotprojekt «Kulturagent.innen für kreative Schulen». Kunst ist hier nicht Nebensache, sondern Lernmethode – z.B. in St.Margrethen. Von Peter Surber
Kellers Löwen, Kesslers Schopfe, Rosis Sünden, Eggenbergers Nachtigallen und Sommers Lyrik: der Kulturparcours.
Abgesang
Kehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann