Es war nicht das erste Mal, dass der Schwarze Engel, die alternative Traditionsbeiz in der St.Galler Altstadt, gerettet werden musste. Aber es war wohl noch nie so knapp wie im vergangenen Herbst. Innert fünf Tagen mussten 30’000 Franken her, ansonsten hätte die Genossenschaftsbeiz ihre Bilanz deponieren müssen. In der eiligst auf die Beine gestellten öffentlichen Rettungsaktion kamen 150’000 Franken zusammen. Damit hätte wohl niemand gerechnet. Der Engel war mehr als saniert.
Trotzdem stellt sich die Frage, wie die Genossenschaft in den vergangenen Jahren gewirtschaftet hat. Klar, da war Corona. Aber das allein erklärt die Beinahekonkurs nicht. Schon 2019 gab ein Genossenschafter an einer ausserordentlichen GV zu Protokoll, dass die Finanzen «drastisch» aussehen. Nur hat scheinbar niemand ernsthaft auf diese Warnung reagiert. Aussenstehende wunderten sich denn auch über den plötzlichen Hilferuf aus der Engelgasse. Denn die Beiz schien hervorragend zu laufen. Gerade an den Wochenenden ist drinnen und draussen manchmal kaum ein Durchkommen.
Wo es genau hakte, ist immer noch Gegenstand interner Abklärungen der mittlerweile neu besetzten Genossenschaftsverwaltung. Das ist auch fürs Kollektiv ein schmerzhafter Prozess, denn dabei werden auch alte Konflikte hochgespült, die man lieber vergessen würde. Aber die Misswirtschaft der Vergangenheit lässt sich in einem gemeinschaftlich organisierten Betrieb wie dem Schwarzen Engel eben nicht losgelöst vom Zwischenmenschlichen aufarbeiten.
Saiten hat mit diversen Personen aus dem Umfeld des Engels gesprochen, mit heutigen und ehemaligen Mitarbeitenden. Da war von informellen Hierarchien die Rede, gar von Mobbing. In den letzten zehn Jahren kam es zu drei höchst umstrittenen Entlassungen, unter anderem aufgrund nie bewiesener Diebstahlanschuldigungen. Jene, die damals den Ton angaben, hatten auch das landwirtschaftliche Biohofprojekt Grüner Engel ins Leben gerufen, von dem der Schwarze Engel jahrelang einen kleinen Teil seines Gemüses bezog – eigentlich eine hübsche Idee. Wie gross der Anteil des Grünen Engels, dessen Auflösung im Mai beschlossen wurde, am Beinahekonkurs des Schwarzen Engels ist, muss im Detail abgeklärt werden. Saiten liefert ab Seite 17 eine erste Auslegeordnung.
Corinne Riedener war rund um den zweiten Wahlgang der türkischen Präsidentschaftswahlen in Ankara und Diyarbakır unterwegs im Rahmen einer Delegationsreise. Sie hat ein Beobachtungsteam auf seinem Gang durch die Wahlstuben begleitet und mit Journalist:innen, Anwält:innen und Politiker:innen über das «System Erdoğan» gesprochen, das in alle Winkel des Staates und der Gesellschaft reicht. Ergänzt ist der Türkeischwerpunkt mit zwei einordnenden Beiträgen von Rojda Oğuz und Ronî Riha.
Ausserdem im heissen Sommer: die Saiten-Sommertipps aus allen Ecken der Ostschweiz und darüber hinaus, zwei Repliken auf die Textilmuseumskritik aus dem letzten Heft und – leider, leider – zum allerletzten Mal die Warum-Kolumne von Jan Rutishauser. Danke, Jan, für 48 Mal «warum?» und «wieso?» und «überhaupt!».
Roman Hertler
Reaktionen/PositionenIn eigener Sache: Zur JubiläumsumfrageStimmrecht von SangmoWarum? Von Jan RutishauserAusblicke aufs Paula-Festival mit Michael FingerNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Recherche
Das landwirtschaftliche Genossenschaftsprojekt Grüner Engel ist Geschichte. Wie kams dazu? Und was hat sein Ende mit dem Beinahekonkurs der Genossenschaftsbeiz Schwarzer Engel in St.Gallen zu tun? Saiten hat sich durch den Mulch gewühlt.
von David Gadze und Roman Hertler, Illustrationen: Ladina Bösch
Reportage
Erdoğan hat die Türkei fest im Griff. Sein Herausforderer in der Präsidentschaftswahl, Kemal Kılıçdaroğlu, hatte einen demokratischeren Kurs versprochen, doch der erhoffte Systemwechsel ist ausgeblieben. Die Reportage aus Ankara und Dyarbakır in den Tagen rund um die Stichwahl am 28.Mai.
von Corinne Riedener, Bilder: Luca Isepponi
Erdoğan hat gewonnen, aber die Türkei hat verlorenvon Ronî Riha
Journalistinnen unter Druckvon Rojda Oğuz
Sommertipps: Musik, Kino, Theater, Literatur und Kunst in Rorschach, Arbon, Wil, Schwellbrunn, Eggersriet, Herisau, Rapperswil-Jona, St.Margrethen, Kreuzlingen, Islikon, Vaduz, Winterthur, Appenzell, Lichtensteig, Feldkirch, Bonaduz, Chur und St.Gallen.von Larisa Baumann, David Gadze, Roman Hertler, Andres Kneubühler, Corinne Riedener, Kristin Schmidt, Franziska Spanner und Peter Surber
Plattentipps: Analog im Sommervon Lidija Dragojevic, Magdiel Magagnini und Philipp Buob
Gutes Bauen Ostschweiz (X): Schwarz ist nicht gleich schwarz.von Stefanie Haunschild
Kellers GeschichtenPfahlbauer jr.Comic von Julia Kubik
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
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