Draussen! Endlich! Frische Luft, offener Himmel, unberührte Natur, da wird der Mensch erst richtig Mensch. Und umso besser, wenn man noch ein paar gäbige Dinge mit dabei hat, den mobilen Grill, die Vakuum- Isolierflasche für kühle und heisse Getränke, das Jack-Wolfskin-Zelt und «Rumpl», die Picknickdecke, unsere neuste Errungenschaft, strapazierfähig und farbenfroh. So macht das Leben ultimativ Spass.
Ob das die Natur genauso sieht? Der moderne Freizeitmensch hält es drinnen mit sich selber immer weniger aus. Er will ins Freie. Und erobert bikend, rennend, kletternd, kitend und picknickend bald noch die letzten unerschlossenen Quadratmeter. Man kann das in vielerlei Hinsicht begrüssen: Wer die Natur liebt, macht sie weniger leichtsinnig kaputt, frische Luft ist gesund, wer wandert, macht nichts Dümmeres … und so weiter. Man kann es auch kritischer sehen: Der Outdoor-Boom bedroht und verdrängt andere weniger expansive Lebewesen, er zeugt ganze Freizeitindustrien und pervertiert die Umwelt mehr und mehr zum Konsumgut.
Raus! heisst diese Saiten-Sommerausgabe. Fotograf Ueli Steingruber ist dafür an den Seealpsee hochgewandert und hat die Ströme von Berggänger:innen mit der Kamera ins Bild geholt. Rund um sein per Fotomontage entstandenes Wimmelbild weitere Facetten der Sommer-Realität anno 2022: Ein Verkäufer erzählt aus erster Hand, was im Outdoor-Shop gerade am meisten gefragt ist. Eine Klimagerechtigkeits-Aktivistin erklärt, warum sie Bäume besetzt und warum das alle tun sollten. Das Klima steht auch bei der Vision «Grünes Gallustal» im Zentrum: Holt die Natur in die Stadt zurück, dann wird sie wieder zum Lebensraum und nicht zum Hitze-Alptraum! Weiter im gut durchlüfteten Sommerheft: ein Lob auf Balkonien, eine Ode an die sommerlichen Körperrundungen – und ein paar kritische Fragen, ob die «mediterranen Nächte» in der Stadt nicht bloss den Konsum anheizen, statt den öffentlichen Raum aufzuwerten. Das Schlusswort hat der Dichter, den beim Thema Outdoor noch etwas ganz anderes sticht.
Was der Sommer an Kino, Musik, Theater, Kunst und Literatur zu bieten hat, versammelt der Kulturteil dieser Doppelausgabe für Juli und August quer durch die Ostschweiz und darüber hinaus. Ein Grossereignis ist die Eröffnung des Radwegs «Über die Grenze» zum Thema Flucht: Vom Bodensee bis ins Montafon erzählen über 50 Hörstationen die Geschichte von Flüchtlingen und Fluchthelfer:innen im Zweiten Weltkrieg.
Debattenstoff schliesslich, trotz Sommerhitze, in zwei Doppelinterviews: Zum einen diskutieren Marina Widmer und Judith Grosse, die alte und neue Leiterin des Frauenarchivs, zum andern Daniel Kehl und Christian Huber, der alte und der neue Präsident der St.Galler Fussball-Fanarbeit. Und das Urgestein des Lokaljournalismus, «Tagblatt»-Stadtredaktor Reto Voneschen, erzählt zu seiner Pensionierung von den guten alten und nicht so üblen neuen Zeiten.
Auf bald also, in der Badi, auf dem Lisengrat, in Balkonien, im Hudelmoos oder auf dem Baum. Und mit der Frage im Hosensack oder auf dem Gepäckträger: Tuts dem Klima gut, was ich da grad tue?
Peter Surber
Reaktionen/PositionenViel geklicktBildfangIn eigener Sache: 103mal Danke!Redeplatz mit Reto VoneschenNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan Rutishauser
Naturbesetzungen sind mehr als Outdoor-Aktivismus. Eine Klimagerechtigkeits-Aktivistin berichtet, warum sie auf Bäume klettert, um das Klima zu retten.
Während der Freizeitmensch ins Grüne drängt, kommt die Natur in die Stadt zurück. «Grünes Gallustal» zeigt: Das ist nötig fürs Klima. Von Peter Surber
Sankt Schlafstadt, du durchreguliertes Pflaster: Trau dich endlich was, sonst wird das nichts mit deinen «mediterranen Nächten». Von Corinne Riedener
Eine Lobrede auf Balkonien, wo die wahren Abenteuer locken, wo Weltpolitik gemacht wird und du niemandem im Weg bist. Von Philipp Bürkler
Nackte Haut und Körperfülle: Sommerzeit ist für viele die Zeit der Scham. Eine Klarstellung, warum der Schlankheitswahn Bullshit ist. Von Veronika Fischer
Gadgets für City-Survivors: Das Wanderland Schweiz ist für die Bekleidungs- und Ausrüstungsindustrie ein Millionengeschäft. Ein Ladenverkäufer berichtet. Notiert von Roman Hertler
Ländliches Refugium: Ein Sommergedicht von Jan Herman erzählt von den stechenden Schattenseiten des Outdoor-Lebens. Von Florian Vetsch
Illustration: die Bildmontage vom sommersonntäglichen Gedränge am Seealpsee. Von Ueli Steingruber
Wo im August vor einem Jahr die Welt unterging: Die Flaschenpost aus dem türkischen Bozkurt, per Velo auf der Spur des Klimawandels. Von Florian Wüstholz
Die Bewegung am Laufen halten: Marina Widmer und Judith Grosse, die alte und neue Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte, im Interview. Von Corinne Riedener
Der Ball rollt weiter: Daniel Kehl und Christof Huber, der alte und der neue Präsident der St.Galler Fussball-Fanarbeit, im Interview. Von Matthias Fässler
«Hoffe euch alle gesund»: Ein Hörweg erzählt an 52 Stationen vom Bodensee bis ins Montafon von Fluchtschicksalen 1938 bis 1945. Von Urs Oskar Keller
Zum Beispiel Emilie Haas, zum Beispiel Arthur Vogt: Zwei von 52 Fluchtgeschichten.
Der Sommerführer: Musik, Kino, Theater, Literatur und Kunst in Appenzell, Arbon, Avers, Chur, Feldkirch, Frauenfeld, Gottlieben, Heiden, Kreuzlingen, Lech, Pfäffikon, Poschiavo, Riom, Rorschach, Schwellbrunn, St.Margrethen, St.Gallen, Teufen, Trogen, Vaduz, Vicosoprano, Walenstadt, Weiertal, Winterthur, Zürich. Von Andreas Kneubühler, Kristin Schmidt, Karsten Redmann, Corinne Riedener, Roman Hertler und Peter Surber
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.