, 5. Mai 2016
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#Saitenfährtein: Es tätscht in Teufen

Mittwoch vor Auffahrt in Teufen, #Saitenfährtein und stellt fest: Die Ruhe nach der Entschädigungsaffäre im Gemeinderat war trügerisch…

«I will die Möglichkeit notze, ehne Tüüfe chorz vorzstelle: Mer hend das Johr 8,5 Millione Gwönn gmacht, mit dem hett Hondwil fascht viermol ehres Turnhälleli chöne saniere. Of St.Galle abe zom Schaffe het mä 15 Minute ond öseri Badi het 5 Badmeischter. (…) Jo, wa gets sös no öber Tüüfe. Ah jo, 50’000 Franke oder knapp 0,5 Prozent vom Johresgwönn hets es Speseskandäleli ggeh. I män klar, för Oswertigi ond Journalischte möged 50’000 Franke chli meh as es onderdurchschnettlechs Monetsghalt seh. Drom mömmer au Verständnis ha, wel da fö die viel Geld isch ond die Problem mömmer au ernscht neh. Jo, ond wa gets sös no öber Tüüfe z verzelle, ähm jo, me hend 5 Badmeischter und wäge chli Geld stoht mä voreme chline Scherbehuffe…».

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Der Scherbenhaufen, von dem hier am letzten Aprilsonntag bei Schneetreiben oben auf der Waldegg an der Narregmänd (Bild: Tüüfner Poscht) die Rede war, ist in der Tat eindrücklich. Umstrittene Weiterbildungszahlung, Affäre um zu Unrecht oder pauschal bezogene Entschädigungen, Rücktritte aus der GPK, Rücktritte aus dem Gemeinderat und zuletzt der abrupte Abgang des Gemeindepräsidenten, dem zuvor schon Führungsschwäche und jetzt Interessenkonflikte im Zusammenhang mit einer Erbschaft vorgeworfen wurden (Walter Grob war Präsident der von der Erblasserin begünstigten, gemeindeeigenen Stiftung, wurde als Privatperson ebenfalls bedacht mit einem «aussergewöhnlich hohen» Betrag und sass zugleich der Erbteilungskommission der Gemeinde vor.)

Teufen ist zur Zeit also ein explosives Pflaster. Heute, an diesem scheinbar friedlichen 4. Mai, dem Tag der Aktion #Saitenfährtein, am Tag, nachdem der Gemeinderat all seine Entschädigungen im Jahresbericht offengelegt hat, gut zwei Wochen nach dem Grob-Rücktritt und zehn Tage nach der Narregmänd – an diesem Tag knallt es schon wieder.

Diesmal zwar: nur Blechschaden.

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Auf der Hauptstrasse vor dem traditionsreichen «Anker» sind ein Auto und die Bahn zusammengestossen. Eine Stunde lang ist die Bahnlinie blockiert und stauen sich die Autos. Die Polizei klärt den Unfallhergang – drei ältere Passantinnen, die den Unfall wortreich kommentieren, reden von einem Missverständnis zwischen Automobilistin und Lokführer.

Ein anderer sagt: Hier tätscht es immer mal wieder.

Noch ein anderer sagt: Das ist wieder Wasser auf die Mühlen der Tunnelbefürworter. Gerade erst 2015 ist ein neues, das xte Tunnelprojekt abgelehnt worden. Die zahlreichen Bahnübergänge im langgestreckten Dorf sind seit 50 Jahren ein Politikum.

Ein paar Stunden später an zufällig genau der gleichen Stelle vor dem «Anker» ein neuerlicher Zusammenstoss. Diesmal freundschaftlich: mit dem Künstler Hans Schweizer und dem Leiter des Zeughauses Teufen, Ueli Vogt.

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Vogt zeigt in der aktuellen Ausstellung «Teufen Factory» u.a. Werke von Hans Schweizer. Das Zeughaus ist der momentan im Dorf wohl lebendigste Ort kultureller Zusammenstösse und spannender Konstellationen zwischen Baukultur, Design und Kunst.

A propos Baukultur:

Auch in dieser Hinsicht ist die Lage in Teufen explosiv. Am Schützenberg zum Beispiel wird zwar nicht mehr geschossen, aber aus dem Boden schiessen klotzige Maximalrenditenhäuser wie die Alpstein Residenz, Eigentumswohnungen ab 1,36 Millionen Franken. Das Dorf der Millionäre erhält Zuwachs, hoch am Hang, Säntisblick im Preis inbegriffen.

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Das Klischee vom seelenlosen Dorf der Reichen und Steuerflüchtlinge relativiert später im Gespräch Erich Gmünder. Der langjährige Fernsehjournalist ist seit 2010 Chefredaktor der Tüüfner Poscht. Er hat den Skandalreigen der letzten Jahre dokumentiert, kommentiert, hat Hintergründe gesucht und auch mal Akteneinsicht durchgesetzt. Und er will trotz allen Schattenseiten das Dorf nicht schlecht reden. Ihm gefällt die Vielfalt der Haltungen und Lebensentwürfe, die grosse Zahl engagierter Leute quer durch alle Schichten beeindruckt ihn. Jüngstes Beispiel, in seiner Dorfzeitung auch rapportiert, war ein Hilfskonvoi für Flüchtlinge ins kurdische Dohuk, von der katholischen Kirchgemeinde angeregt und von über 80 Freiwilligen unterstützt.

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In Teufen prallt allerhand zusammen. Wohlfeile Klischees prallen auf eine Realität, die entschieden mehr und vielfältigere Facetten hat, findet Gmünder, der seine Rolle als «Moderator und Dorfchronist» versteht.

Vielgestaltig sind auch die kulturellen Pfade, die durchs Dorf führen – ein Hörpfad und ein Kulturpfad, auf denen Vergangenheit und Gegenwart inspirierend und intelligent dokumentiert zusammenprallen.

Mehr dazu und zu weiteren Teufner Aussichten und Anstössen im Juniheft von Saiten.

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