, 3. Dezember 2017
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Same Same But Different

Aus dem Dezemberheft: Nadja Keusch regt sich in ihrer ersten Hässig-Kolumne über Influencer-Opfer und den Wannabe-Chic von Michael Kors­-Taschen auf. «Warum tut ihr euch das an?»

Nadja Keusch, fotografiert von Andri Bösch.

Ich habe letztens ein Spiel gespielt, während ich auf eine Freundin gewartet habe am Marktplatz. Die Spielregeln: Menschen zählen, die genau gleich ausschauen wie alle anderen auch. Sogenannte SSBD’s (Same Same But Differents), wie ich sie nenne. Dazu gehö­ren eine Michael Kors­-Tasche, schwarze Skinny Jeans mit Löchern an den Knien, schwarze Lederjacke, weisse Stan Smiths oder Huarache Shoes der Marke Nike. Falls ihr zum älteren Publikum dieses Magazins gehört: Google hilft.

Innerhalb von zehn Minuten kam ich auf 28 gleich aussehende Menschen. Warum tut ihr euch das an? Diese kastenförmigen Taschen, die euch Luxus für wenig Geld versprechen, schauen schlicht und einfach miserabel aus. Ich weiss auch gar nicht, woran das liegt, vielleicht am Goldklunker «MK», der an eurer Tasche runterhängt, oder am Wannabe-­Chic, den ihr damit ausdrücken wollt.

Vielleicht überkommt mich auch ein Gefühl von Mitleid, wenn ich sehe, dass ihr euch lieber ein Designertäschchen gönnt statt eine ganze Jeans, ohne Löcher. Und überhaupt, was stellen denn die Löcher dar? Ist es eine Art Ausdruck von Nudismus? Denkt ihr, es ist heiss, wenn ihr eure Hühnerhaut im Winter zur Schau stellt? Stellen Löcher eine Art Ausbruch aus der Gesellschaft dar, die immer nach Perfektionismus schreit? Dabei seid ihr vermutlich die Ersten, die einen Aufschrei erzeugen, wenn eine nicht ganz so dünne Frau zu viel Haut zeigt.

Ich bezweifle, dass ihr mit eurem Look ein politisches Statement setzen wollt. Vielleicht zeigt es einfach nur auf, dass ihr ein gewaltiges Opfer der Gesellschaft seid. Bloss nicht auffallen, bloss nicht anders sein. Follow the Hype. Gleichzeitig wollt ihr aber stylish sein und schaut euch täglich die neusten Instagram Stories von fancy Influencern an, die euch mit ihrem Fake­-Lächeln catchen, damit auch die Jugend von St.Gallen noch ein kleines bisschen Hollywood­-Glamour abbekommt.

Wie wärs mit ein wenig Individualität? Aber wehe man läuft anders rum, dann erntet man nämlich genau von euch langweiligen Gesellschaftsspiessern angewiderte und arrogante Blicke. «Omg, lueg die ah, lauft huere strange ume!» Fickt euch. Nur weil ihr euch lieber anpasst als ausbrecht, müsst ihr uns – die Alternativen oder wie man uns halt nennt – nicht behandeln, als wären wir Abschaum. Und eure passende Michael Kors­Tasche oder Daniel­ Wellington-Uhr dazu und das Paco Rabanne-­One­-Million-­Parfüm machen den ganzen Scheiss nicht besser! Auch ein Fjällräven­-Rucksack nicht.

Übrigens: Ein geklauter Mercedes­-Stern statt «MK»­Klunker sieht an euren Taschen bestimmt um einiges besser aus. DIY und so.

Nadia Keusch, 1994, arbeitet Vollzeit und beschäftigt sich in ihrer Freizeit gerne bei einem Glas Rotwein mit gesellschaftlichen Niedergängen. Sie plant gerne das Auswandern, zieht es aber nie durch. Sie lebt in St.Gallen und schreibt die Hässig-Kolumne in Saiten.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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