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Sandwürmer und Pillendreher

Wo es manch einem vor Ekel kalt den Rücken hinunterläuft, findet die Kunst einen anderen Zugang: Sie bringt Würmern, Spinnen, Käfern und Molchen Wohlwollen entgegen. Ein Beitrag aus unserem Sommerheft.
Von  Wolfgang Steiger

Die Truppen des sadistischen Barons Vladimir Harkonnen besetzen den Wüstenplaneten Arrakis. Auf dem öden Himmelskörper graben grosse Bergbaumaschinen nach dem wertvollen Rohstoff «Spice», einerseits eine bewusstseinserweiternde Droge, andrerseits aber auch Treibstoff für die interstellare Raumfahrt, um Überschallgeschwindigkeit zu erreichen.

Würmer

Beim Wegräumen der zerfledderten Strohballen der Strohsofas vom Gartenfest entstand ein länglicher Haufen, der mit viel Fantasie an die Sandwürmer im Film Der Wüstenplanet erinnerte. Paul, der Sohn des rechtmässigen Herrschers von Arrakis, flieht mit seiner Mutter Jessica zu den Fremden. Bei den Bewohnern der Wüste lernt er, den riesigen Sandwurm zu reiten.

Die Verfilmung der Science-Fiction-Saga Dune kam 1984 in die Kinos. Regisseur David Lynch erntete zwar wegen den ziemlich wirren Handlungssträngen viel Kritik, trotzdem gehört der Film zu den unvergänglichen Meisterwerken. Bilder wie die Reiter auf den riesigen Sandwürmern mit den weit aufgerissenen Schlünden vergisst man eben nie wieder.

Beim Strohaufräumen setzte sich die gut gelaunte J. auf den Strohwurm, schwang eine imaginäre Peitsche und ahmte Paul beim Angriffsritt nach, wie er mit Dutzenden von Sandwürmern zusammen die Hauptstadt Arrakeen erstürmt. Eine anwesende Künstlerin fotografierte die Szene und bearbeitete das Bild anschliessend in Bad-Painting-Manier.

Spinnen

Einer der beliebtesten Superhelden ist Spider-Man. Die von Stan Lee geschaffene Comicfigur hatte ihren ersten Auftritt im «Amazing Fantasy»-Heft Nr. 15 im August 1962. Der Waise Peter Parker wächst bei seiner gütigen Tante May und dem Onkel Ben auf. Er ist ein schüchterner Tollpatsch. An einem Schulausflug ins Naturhistorische Museum beisst ihn eine radioaktiv verseuchte Spinne.

Peter Parker entwickelt in der Folge Superkräfte, wie die Fähigkeit, Wände hochzuklettern und aus Drüsen im Handgelenk seildicke Spinnenfäden herauszuschiessen. Er spinnt damit auch Fangnetze, um Verbrecher einzuschnüren.

Die Übertragung der Fähigkeiten von Spinnen in proportionaler Vergrösserung auf den Menschen faszinierte Generationen von Comiclesern und Kinogängerinnen, auch wenn dies völlig unrealistisch ist. Dagegen befasste sich eine berühmte Künstlerin des 20. Jahrhunderts mit der Spinne auf eine berührende Art, ohne in die Fantasy-Trickkiste zu greifen.

Die französische Bildhauerin Louise Joséphine Bourgeois starb 2010 im hohen Alter von 98 Jahren in New York. Spinnen treten in ihrem Werk als wiederkehrende Motive auf. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entstanden mehrere grossdimensionierte Bronzegüsse von Spinnen, die sie Mamans nannte. Die Version vor dem Guggenheim Museum in Bilbao ist 9 Meter hoch und besitzt einen Beutel mit 26 Marmoreiern.

Die bronzene Spinne vor dem Guggenheim Museum in Bilbao.

Für Louise Bourgeois ging von der Spinne etwas Mütterliches aus, sie empfand sie als hilfreich und beschützend. Die Ursache dafür lag in ihrer Kindheit. Die 1911 in Paris geborene Tochter einer Weberin und eines Restaurateurs hatte ein gespanntes Verhältnis zum Vater, dieser hätte an ihrer Stelle lieber einen Sohn gehabt. In der Weberei ihrer Mutter, mit Nadeln, Stoffen und Teppichen, fühlte sie sich geborgen.

Käfer I

Der wohl berühmteste Käfer in der Literatur kommt in Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung von 1912 vor. Gregor Samsa erwacht eines Morgens im Zimmer in seiner elterlichen Wohnung und muss mit Erschrecken feststellen, dass er sich über Nacht in einen Käfer verwandelt hat. Die Geschichte nimmt für den Armen kein gutes Ende. Zuerst verletzt ihn eine herunterfallende Flasche, dann bewirft ihn sein Vater mit Äpfeln, wobei einer im Panzer stecken bleibt. In Kafkas Erzählung entpuppen sich die Familienangehörigen als Monster, während der harmlose Käfer ihnen ausgeliefert ist und kläglich umkommt.

1978 erfand der Zeichner Will Eisner im fortgeschrittenen Alter von 60 Jahren eine völlig neue Literaturgattung, die er Graphic Novel nannte, den gezeichneten Roman. Ein Vertrag mit Gott beruht auf den Erinnerungen des Autors und Zeichners.

Die Handlung ist in einem Mietshaus in der Bronx in New York, die Dropsie Avenue 55, angesiedelt. Eine Episode erzählt vom Zwiegespräch des alten Bauhandwerkers Jacob Shtarkah mit der Küchenschabe Izzy:

Es ist Freitagabend. Auf dem Heimweg von der Synagoge bricht Jacob erschöpft und verzweifelt in der kleinen Gasse beim Mietshaus zusammen. Seine Frau Rifka schüttelt in diesem Moment hoch über ihm den Küchenteppich aus, da landet Izzy neben Jacob auf dem Pflaster. Während dem Zwiegespräch mit dem Insekt, in dem Jacob über die Lebenskraft von Menschen und Küchenschaben reflektiert, trampelt ein Rüpel vorbei. Jacob rettet Izzy das Leben, indem er diesen daran hindert, auf sie zu treten.

Käfer II

Der heilige Pillendreher oder Skarabäus (Scarabaeus sacer) ist ein Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer. Er ernährt sich vom Kot pflanzenfressender Tiere und war im alten Ägypten ein göttliches Tier. Er wird etwa drei Zentimeter lang, der Körper ist oval, sein Chitin-Panzer ist schwarz glänzend mit einem grünlichen Schimmer. Kunsthandwerker stellten während Jahrtausenden Skarabäen-Amulette und Skulpturen aus erlesenen Steinen her, die auf der Bauchseite mit Schriftzeichen versehen waren.

Der Skarabäus formt eine Kugel aus Dung, die er im Boden vergräbt. Sie dient den Larven als Nahrung, nachdem sie aus den Eiern geschlüpft sind. Die Fürsorglichkeit und die Fähigkeit der Skarabäen, das Nilhochwasser frühzeitig zu spüren, machten sie zum Glücksbringer und Schutzsymbol. Zudem symbolisierte der Skarabäus den Sonnenlauf. Die Dungkugel, die der Käfer vergräbt, ist die Sonne, was im alten Ägypten mit dem Sonnenuntergang gleichgesetzt wurde.

Molche und Echsen

Es ist ein Märchen für Erwachsene, der erfolgreiche und vielgelobte Spielfilm The Shape oft the Water von Guillermo del Toro. Er lief 2018 in den Kinos. Die stumme Reinigungskraft Elisa putzt in einem Geheimlabor im Baltimore USA der 1960er-Jahre. Sie verliebt sich in einen Amphibienmann, der dort gefangen gehalten wird. Skrupellose Wissenschaftler brachten ihn aus dem Amazonasgebiet und machen nun im Laborbecken geheime Experimente mit ihm.

So unrealistisch die Vorstellung eines Amphibienmenschen ist, völlig absurd scheint die Idee nicht. Die Evolution hätte durchaus einmal eine ganz andere Richtung einschlagen können und wäre doch zu etwas Ähnlichem wie die Hominiden gekommen. Der kanadische Paläontologe Dale Russell befasste sich Anfang der 1980er-Jahre mit einem zweibeinigen Dinosaurier von Menschengrösse mit Namen Troodon. Er hatte im Verhältnis zu allen anderen Dinosauriern ein grösseres Gehirn.

Russell stellte sich einen heutigen Nachkommen des Troodon vor, diesen nannte er «Dinosaurid». Gesetzt der Fall, der Asteroid aus der Kreidezeit, der für das Verschwinden der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren verantwortlich ist, hätte die Erde verfehlt: Ohne dieses einschneidende Ereignis wäre, dem Gesetz der konvergenten Evolution folgend, so etwas wie ein humanoides Reptil entstanden.

Der Mensch hätte ohne Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren auch so rauskommen können: gemäss Paläontologe Dale Russell als «Dinosaurid».

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