, 30. November 2017
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Sanfte Tigerin

Susanna Kulli hat ihre 33 Jahre als Galeristin in St.Gallen und in Zürich dokumentiert: Zeitungsberichte, Essays, Künstlergespräche und die Hirschhorn-Debatte von 2004/05 erinnern an ihr Wirken und die Umbrüche im Kunstbetrieb. Am Samstag ist Buchvernissage.

Der Blick ins Buch.

St.Gallen habe «einen weiteren Ort des Sinnierens und der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ausdrucksformen» erhalten: So stand es am 18. April 1983 in der «Ostschweiz». Der «neue Ort» war die Galerie von Susanna Kulli an der Rosenbergstrasse. Am 28. April 2017 berichtet die NZZ vom Finale der Galerie Kulli in Zürich unter dem Titel «Abschied der sanften Tigerin». Die beiden Texte sind der erste und der (bislang) letzte Zeitungsbericht über Susanna Kullis Galerietätigkeit in St.Gallen und Zürich – dokumentiert im eben erschienenen «Materialbuch» über die Galerie.

Das Material ist umwerfend: Hunderte von faksimilierten Berichten aus Zeitungen und Zeitschriften lassen nicht nur die Ausstellungstätigkeit der Galerie Revue passieren, sondern spiegeln auch die Veränderungen in der Zeitungsgestaltung und der Tonalität der Kunstkritik.

Willkürlich herausgegriffen:

Im März 1988 schreibt Beda Hanimann in der «Ostschweiz» auf der Lokalseite über den Umzug der Galerie von der Rosenbergstrasse ins städtische Lagerhaus an der Vadianstrasse: Kulli könne sich jetzt rühmen, die einzige Galerie weitherum mit Gleisanschluss zu sein.

Im gleichen Jahr lobt Claudia Kühner in der «Annabelle» Kullis Leistung, sich in St.Gallen durchgesetzt zu haben – «ein wahrlich nicht grad einladendes Pflaster für zeitgenössische Kunst». Dabei ist das auch in St.Gallen die grosse Zeit der Galerien, mit Kulli, mit Wilma Lock, mit Erker und anderen.

Im Juni 1993 publiziert die «Bilanz» ihr erstes Rating der 50 wichtigsten Künstler. Auf Platz 1: Fischli/Weiss. Auf den Plätzen 2, 6, 8, 12 und 31 findet man Künstlerinnen und Künstler, die Susanna Kulli vertritt: John M. Armleder, Helmut Federle, Adrian Schiess, Olivier Mosset und Annelies Strba. Die Galeristin, die all dies minutiös archiviert hat, hat die Namen mit gelbem Leuchtstift angemalt.

Die erste Ausstellung 1983: Susanna Kulli und Giuseppe Spagnulo.

1996 schwärmt Johannes M. Hedinger in Saiten über die Hirschhorn-Ausstellung bei Kulli: «Hingehen und erleben!».

2004 berichtet Marcel Elsener im «Tagblatt» über die Neueröffnung an der Dienerstrasse in Zürich, dem vierten Domizil nach Rosenbergstrasse, Vadianstrasse und Davidstrasse: «Ihren Weggang aus St.Gallen, der auch schon als ‹Trotzreaktion› bezeichnet wurde, möchte sie nicht kommentieren.» In der «Handelszeitung» äussert sich die Galeristin selber im Interview dann doch dazu: 1983 seien das Umfeld und die kulturelle Stimmung in St.Gallen anders gewesen: «Es herrschte Um- und Aufbruchstimmung.» 2003 dagegen fiel das massive Nein der Stimmbürger zum Kunstmuseums-Ergänzungsbau: «Daraufhin überlegte ich mir den Standort für meine Galerie neu.»

«33 Jahre Galerie Susanna Kulli»
Buchvernissage:
2. Dezember, ab 16.30 Uhr, Kunstbibliothek Sitterwerk St.Gallen
susannakulli.ch

Galeriegeschichte als Stadtgeschichte als Mediengeschichte: Das Buch ist aber noch mehr. Neben der Chronik widmet sich ein ausführliches Kapitel der Debatte um Thomas Hirschhorns Ausstellung «Swiss Swiss Democracy» 2004/05 im Centre culturel in Paris, die damals zur Subventionskürzung für die Stiftung Pro Helvetia führte. Ausserdem bringt der 500 Seiten dicke Band, für den Hirschhorn den Einband gestaltet hat, Essays und alle Künstlergespräche, eines der Markenzeichen der Galerie.

Ausführlicheres dazu wird im Januarheft von Saiten zu lesen sein. Jetzt am Samstag ist Buchvernissage im Sitterwerk.

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