, 11. August 2015
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Sauberes Pflaster, sauberes Image

Das JungKult-Festival will mit den Vorurteilen gegenüber Jugendlichen aufräumen und hat sich dafür eine besondere Werbestrategie ausgedacht. Eine ziemlich gelungene – der St.Galler Stadtpolizei sei Dank.

Bilder: JungKult

Es war wieder einiges los am Wochenende. In St.Gallen zum Beispiel hatte man fast das Gefühl, dass die schönen Pflaster immer so fleissig gebraucht werden: Bei der Klostermauer eröffnete die «Galerie uf dä Gass», auf dem Pico-Bello-Platz feierte das Splügeneck Jubiläum, im St.Leonhardspark wurde trotz Affenhitze fleissig getanzt, und in der Innenstadt fand währenddessen das zweite JungKult-Festival statt.

«Die Negativ-Schlagzeilen überwiegen»

Das JungKult heisst nicht nur so. Niemand im OK ist älter als 25. Entstanden ist das Festival 2014, aus einer gewissen Not heraus: «In den Medien heisst es ständig, wir Jungen hätten nur Chabis im Kopf», erklärt Simone Meyer, die Frau im vierköpfigen Kernteam. «Die Negativ-Schlagzeilen überwiegen – natürlich zu Unrecht. Deshalb gibt es viele Vorurteile uns gegenüber, das wollten wir ändern.»

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Im letzten Jahr hat das ziemlich gut geklappt: Über 200 Jugendliche haben sich am JungKult-Festival beteiligt und ihre Hobbys der Öffentlichkeit vorgestellt. Den ganzen Tag lang haben sie gesungen, gemalt, getanzt, gesiebdruckt, gesprayt und gerappt in der Marktgasse, haben Bühnen, Tische und Stände aufgestellt, Getränke ausgeschenkt und danach schön brav den Abfall aufgelesen.

Trotzdem: Man sollte sie gut im Auge behalten, die Jugend von heute, denn sie übertreibt es nur allzu schnell mit der Narrenfreiheit. Wie die JungKult-Leute in diesem Jahr: Die wurden nämlich ertappt am vergangenen Mittwoch, in flagranti, als sie sich am Stadtbild zu schaffen machten. Was passiert ist? Sie haben sich erdreistet, für ihren Anlass zu werben. Einfach so – ohne Bewilligung. Quasi illegal. Mit Kreide (!).

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Die Poststrasse: einer der Tatorte

Zum Glück hat die Polizei dem bunten Treiben ein schnelles Ende bereitet. Nicht nur das: Sie drohte dem JungKult-OK sogar mit einer Ordnungsbusse, wenn die Kreide nicht subito wieder entfernt wird vom städtischen Boden. Weil man sich vor Nachahmungstätern fürchtet (O-Ton hier).

Allright, Nachahmer kann’s geben. (Gab es zumindest früher einmal, sagt die Stadtpolizei). Trotzdem ist das Argument schwach: Als würde irgendein «Grosskonzern» (mit etwas Sinn für Effizienz) Mittel verschwenden, um in St.Gallen mit handgemalten Einwegbildern für seine Produkte und Dienstleistungen zu werben. Der Osten gilt ja nun nicht gerade als Sonnenstube der Schweiz. Da wäre die allfällige Busse ja geradezu ein Schnäppchen im Vergleich zu den Löhnen, die für das ständige Neumalen ausgegeben werden müssten…

Wieso nicht nachträglich eine Bewilligung ausstellen?

Die eigentliche Frage ist, wieso man überhaupt so einen Aufriss macht wegen einer unkonventionellen Idee. Immerhin kam die Initiative fürs Festival einst vom St.Galler Jugendsekretariat und sowohl die Stadt als auch der Kanton greifen den Jungen finanziell unter die Arme. Mit etwas Goodwill hätte man doch sicher ein Auge zudrücken können. Oder nachträglich eine Bewilligung ausstellen. Andernorts geht das auch. Aber nein, sie mussten sie auch noch putzen. Die Kreide!

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Später haben die Jungen mit einem Meme auf den Drill reagiert und für ordentlich Gesprächsstoff gesorgt auf den einschlägigen Kanälen. Zielgruppe erreicht – ein PR-Profi hätte es kaum besser planen können.

Ihre Kreidelogos scheinen aber auch ohne den polizeilichen Turboboost eine ziemlich clevere Strategie zu sein. Weil sie damit ein lokales Publikum ansprechen konnten (theoretisch) und gleichzeitig die Ressourcen schonten, die finanziellen und die ökologischen. Immerhin kostet das Festival etwa 20’000 Franken laut OK – ohne die zwanzig Helfer und Sachspenden von externen Unterstützern.

JungKult Nummer 2: Super gelaufen

«Gewinne haben wir dabei nicht einkalkuliert», sagt Simone Meyer. Dieses Jahr sei es «super gelaufen», genaue Zahlen habe man aber noch nicht. «Falls etwas übrig bleibt, investieren wir es ins nächste Festival.» Das Geld sei jedoch zweitrangig, betont die angehende Sozialpädagogin, schliesslich gehe es ihnen ums Engagement und den Spass an der Sache. «Am Samstag sind die Leute überall stehen geblieben, sie waren neugierig und hatten grosse Freude an unserer Arbeit. Genau das wollen wir.»

Etwas fürs Image tun also. Es braucht (hoffentlich) kein Strassenfest, um zu erkennen, dass die Jungen mehr sind als moralflexible Online-Zombies. Schön anzuschauen ist es trotzdem, wie der Opa mit dem Postbüechli anerkennend durch die Zahnlücke pfeift, wenn sich die Breaker am Bärenplatz batteln, wenn alles rundherum stehen bleibt, johlt und klatscht. Vom Quartier-Securitas bis zum kurzhosigen Stadtrat.

Mission geglückt, könnte man sagen. Jetzt könnten die Jungen eigentlich der Polizei helfen beim Aufpolieren ihres angekratzten Images.

Ach ja, zum Schluss noch: das.

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