«Say: diverse community!»
Fabienne Steiner zeichnet in ihrem ersten Langfilm eine wichtige Debatte auf: Den Versuch junger Studenten, mit der rassistischen Vergangenheit ihres Wohnheims in Südafrika zu brechen. Fitting in zeigt, wie diese Strukturen bis heute die Gesellschaft prägen und wie schwierig es ist, sie loszuwerden.
Farbenderby im Wohnheim Eendrag. (Bild:pd)
Stellenbosch ist eine Studentenstadt im afrikanischen Vorzeigeland – aus westlicher Perspektive natürlich – Südafrika. Umgeben von Hügeln, auf denen Wein angebaut wird, stehen weisse oder beige Häuser mit Säulen aus der Kolonialzeit. Die Stadt ist eine der ersten, die von den Europäer:innen besiedelt wurden. Unweit der Universität befindet sich das Wohnheim Eendrag. Hier leben ausschliesslich Männer. Doch seit etwa 30 Jahren nicht mehr nur weisse.
«Ich hätte damals nicht hier sein dürfen», kommentiert einer der Studenten die Ankunft ehemaliger Alumni des Jahrgangs 1965 (mitten in der Apartheid) – und: «Ich will mit diesen Leuten nicht sprechen.» Die Alumni hingegen kommentieren hingegen ihre Willkommensrede – gehalten von einem jungen Sprecher – mit Zwischenrufen, er solle doch Afrikaans sprechen. Der Student fährt unentwegt in Englisch fort mit seiner Rede: «Vieles hat sich verändert.»
Es sind leise Momente, die Fabienne Steiner in ihrem Dokumentarfilm Fitting in laut werden lässt. Ihr erster Langfilm feierte unlängst seine Weltpremiere in Nyon am Filmfestival Visions du réel. Vergangene Woche startete er in St.Gallen im Kinok.
Darin zeigt die Tochter einer Südafrikanerin und eines Appenzellers das Hadern und das Kämpfen junger Studenten mit der rassistischen Vergangenheit und den kolonialen Traditionen ihres Wohnheims. Über ein Jahr lang hat Steiner im Rahmen ihres Master-Programms an der Zürcher Hochschule der Künste die jungen Männer begleitet. Viele von ihnen wollen alte Strukturen brechen, möchten dabei aber nicht auf die Traditionen ihres Hauses verzichten. Und alle stossen auf Widerstand.
Bestimmt und ungetrübt lässt die knapp 40-Jährige in ihrem Film die Studenten selbst sprechen – und vor allem die vielsagenden, präzisen und oft irritierenden Bilder. So sieht man in beinahe lautlosen Aufnahmen, wie People of Color die Flure wischen oder Badezimmer putzen, während über ihnen die Köpfe weisser Kolonialherrscher auf Postern prangen oder sich überwiegend weisse Jungs in oranger Farbe wälzen.
Filmtrailer zu Fabienne Steiners Fitting in
Am ersten Studientag werden die Erstsemestler auf die Gepflogenheiten im Wohnheim Eendrag hingewiesen. Sie sollen sich zu unbekannten Jungs setzen: «sit diversly». In der nächsten Sequenz sitzen weisse Jugendliche nebeneinander, ein nicht-weisser Student sitzt derweil alleine. Später, in einer weiteren Rede des Hauskomitees, motiviert der Sprecher die Anwesenden immer wieder dazu seine Worte zu wiederholen: «flush the toilet!», «say: diverse community!»
Fitting in begleitet junge Männer aus der vermutlich ersten Generation, welche die Apartheid nicht mehr miterlebt hat – oder zumindest sehr jung war, als sie 1994 offiziell als beendet galt. Es sind aber Generationen, die noch immer von dieser beeinflusst sind, sei es durch gelebte Strukturen überall in Südafrika, durch ihr Aufwachsen oder die Geschichten ihrer Eltern und Grosseltern. Dabei ist der Film nicht aufregend (auf eine gute Art!) und nicht aufdringlich. Denn die spannendsten Szenen und interessantesten Aussagen geschehen beinahe beiläufig. Auch weil die Studierenden selbst die viel gepriesenen Traditionen, die oft beschworene Diversität und den Wunsch nach Inklusion kritisch miteinander diskutieren und hinterfragen – manche mehr, manche weniger.
Steiner begleitet mit ihrer Kamera hauptsächlich junge People of Color, aber auch einige queere Studenten, die motiviert sind, den Status quo zu ändern. Doch während viele der weissen Studenten oft unbewusst kontroversen Traditionen nachhängen, berichten auch jene aus anderen Kulturen davon, wie sie bewusst und unbewusst Vorstellungen von ihren Kommilitonen und den Universitäten hatten, bevor sie nach Eendrag kamen: Die weissen Jungs seien aber «eigentlich gar nicht so ... anders», sagt einer der Studenten.
Fabienne Steiner ist selbst in Südafrika aufgewachsen, kam als 13-Jährige in die Schweiz. Auch sie habe ihre privilegierte Stellung und die Auswirkungen der Apartheid erst viel später in ihrem Leben reflektiert, sagte sie kürzlich gegenüber «20 Minuten». Denn wie viele der jungen Männer in Eendrag stammt Steiners Mutter aus einer weissen Farmer-Familie – oft werden sie als «Buurs» bezeichnet. Es ist die Bevölkerungsschicht, die während langer Zeit durch die «Nasionale Partei» der Afrikaans sprechenden Europäischstämmigen bevorzugt wurde.
Bilder der früheren Studenten in Eendrag. (Bild:pd)
Eine Angestellte putzt nach dem Farbenderby die Bäder. (Bild:pd)
Wer schon einmal in Südafrika war, kennt die bis heute sichtbaren sozialen Strukturen, die sich wie offene Wunden durch die Gesellschaft ziehen: Weisse (oft reiche) Menschen haben oft nicht-weisse Angestellte und umzäunte Häuser, gute Lehrer und gute Schulen. Weil es letztere aber nur für (viel) Geld gibt, sitzen in den öffentlichen Schulen kaum weisse Kinder. So haben People of Color oft weniger Chancen und Möglichkeiten. Gleichzeitig ist Südafrika auch ein Land voller verschiedener Kulturen. Denn neben den Europäer:innen haben sich auch sehr viele Menschen aus zahlreichen anderen afrikanischen Ländern im südlichsten Land des Kontinents niedergelassen. Viele von ihnen leben in sogenannten Townships an den Rändern der hübschen Städte.
Auch das zeigt Fitting in, als sich einige der Jungs darüber unterhalten, wie Nachbarschaft in ihren Kulturen gelebt wird und wie wichtig ihnen diese Nähe ist – ein Umstand, der in der oft westlich geprägten Kultur der südafrikanischen Stadtzentren kaum stattfindet. Zudem hat das Land über zehn offizielle Amtssprachen. Dazu kommen zahlreiche weitere, die von den Bewohner:innen des Landes gesprochen werden.
Damit ist die von den Studierenden geforderte «unity» auch eine Aufgabe, mit der sich das ganze Land konfrontiert sieht. Steiner zielt mit ihrem Film aber weiter, denn sie möchte Menschen weltweit dazu motivieren, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um «sinnvolle Lösungen zu finden». Und so gibt auch das letzte Bild von Fitting in einen subtilen und doch direkten Blick auf einen möglichen Schritt zur Lösung. Denn die drei Tugenden des Hauses Eendrag – «Karakter», «Styl» und «Tots» – stehen nun neben Afrikaans und Englisch, also «Character», «Style» und «Pride», auch in Xhosa auf der Fassade: «Isimilo», «Isimbo» und «Ibongo».
Fitting in: 27. September, 11.15 Uhr; 2. Oktober, 17 Uhr; 8. Oktober, 18.45 Uhr; 19. Oktober, 13 Uhr. Weitere Vorstellungen im Novembersaiten.ch/kalender/fitting-in-158708
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