Kategorie
Autor:innen
Jahr

Schaffhausens kultureller Aufbruch nach dem Bombardement

Vor 75 Jahren ist Schaffhausen bombardiert worden. 40 Menschen starben, zahlreiche Bilder und andere Kulturgüter wurden zerstört. Eine Ausstellung im Museum zu Allerheiligen erinnert an die beispiellose Kulturspendenaktion, die auf den Angriff folgte.
Von  Roman Hertler
Ein Pfadfinder rettet Exponate aus den Trümmern des Naturmuseums am Herrenacker in Schaffhausen. (Bild: Stadtarchiv Schaffhausen)

Der Brand der Notre-Dame in Paris hat exemplarisch gezeigt: Werden bedeutsame Kulturgüter zerstört, brandet in der Gesellschaft unmittelbar danach eine Welle der Solidarität auf – zumal in den begüterten Kreisen. Schaffhausen erlebte Ähnliches 1944, nachdem am 1. April amerikanische Bomben versehentlich auf das Städtlein am Rhein niedergingen und 40 Menschen in den Tod rissen. In Mitleidenschaft gezogen wurden auch das Naturmuseum am Herrenacker und das erst 1938 im Sinne der geistigen Landesverteidigung erbaute Museum zu Allerheiligen.

 

75 Jahre nach dem Luftangriff widmet das Museum zu Allerheiligen dem Thema eine interdisziplinäre Sonderausstellung unter dem Titel «Kunst aus Trümmern». Bis 20. Oktober ist die multimediale Ausstellung, kuratiert von Kulturhistoriker Daniel Grütter und Kunsthistoriker Andreas Rüfenacht, zu besichtigen; nicht nur in der oberen Kammgarnhalle, sondern auch an den Orten der Dauerausstellung, die 1944 verwüstet worden waren.

Bilder in Flammen, ein Bär auf dem Herrenacker

Kunst aus Trümmern: bis 20. Oktober, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

allerheiligen.ch

Gerademal 43 Sekunden dauert es, bis das amerikanische Geschwader an jenem Aprilvormittag über Schaffhausen hinweggeflogen ist und sich seiner Tod bringenden Fracht entledigt hat. Am meisten Tote gibt es am Bahnhof, wo ein abfahrbereiter Zug getroffen wird. Mindestens eine Brandbombe fällt auf das Naturmuseum, das schliesslich abgebrochen werden muss. Herbeigeeilte Helfer können einige wenige Exponate aus den Trümmern retten. So etwa den ausgestopften Braunbären, der dann auf dem Herrenacker steht, als ob er selbständig aus den Trümmern gezottelt wäre, und so zur Kinderattraktion wird.

Also ob lebendig wäre: Kinder bestaunen den ausgestopften Braunbären. (Bild: Stadtarchiv Schaffhausen)

Die Bomben treffen auch die historischen Zimmer und die Kunstabteilung im Westflügel des Museums zu Allerheiligen. Das Dach stürzt ein. Neun Portraits von Tobias Stimmer, dem bedeutendsten Renaissance-Künstler Schaffhausens, und das Bildnis Martin Luthers von Lucas Cranach dem Älteren werden ein Raub der Flammen. Ein grosser Teil der Schaffhauser Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts ist vernichtet.

79 Kunstwerke werden als zerstört deklariert. Dem Restaurator Hans Herder gelingt es allerdings, 13 Gemälden in akribisch dokumentierter Feinarbeit wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Beispielsweise dem Jünteler Epitaph: Durch die Hitze und das Löschwasser hat der schützende Harzfirnis Blasen geworfen. Harder löst den geschmolzenen Firnis ab und festigt die unzähligen Bläschen und losen Farbschollen. 1952 kann die Tafel wieder gezeigt werden.

Zerstört: Bildnis Martin Luther, Lucas Cranach der Ältere, 1528.

Beispiellose Spendenaktion

Ein Grossteil der Werke blieb jedoch unwiederbringlich zerstört. Der Angriff auf Schaffhausen löste landesweite Empörung aus. Die mediale Berichterstattung – insbesondere jene der NZZ – gipfelte im Aufruf zur Solidarität und zur Kulturspende. Private, Stiftungen, Kantone und Gemeinden schenkten Schaffhausen 74 Gemälde, diverse Möbel, eine frühbarocke Tapisserie, kleine und grosse Kunstgegenstände. Genf übermachte ein Selbstbildnis von Hodler und eine Landschaft von Barthélemy Menn; die Stadt Basel einen Rheinfalls von Ferdinand Schalch, eine Winter-Allegorie des Schaffhausers Daniel Lindtmayer des Jüngeren und einen Holzschnitt der Kreuztragung von Martin Schongauer; der Kanton Bern, Vevey und eine Privatperson spendeten je einen Albert Anker. Auch die Ortsbürgergemeinde St.Gallen schickte ein Möbelstück. Unter den Spendern figurierte ebenso Divisionär Eugen Bircher, erbitterter Landesstreikgegner, elitärer Sozialdarwinist und rechtsbürgerlicher Demokratiekritiker, der sich nach dem Geschmack einiger Kommentatoren nie richtig von den Frontisten distanziert hat.

Spende der Stadt Genf: Selbstbildnis mit Rosen, Ferdinand Hodler, 1914.

Auch sogenannt einfache Leute spendeten dem Museum, was sie geben konnten: Gemälde, Porzellan und anderes. Vieles wurde direkt magaziniert und wird jetzt im Rahmen der Ausstellung erstmals öffentlich ausgestellt. Darauf legen die Kuratoren Daniel Grütter und Andreas Rüfenacht besonders wert: Die gespendeten Bilder werden unabhängig ihrer Provenienz und ihres künstlerischen oder materiellen Werts allesamt nebeneinander ausgestellt. Ohne Hervorhebungen oder sonstige Wertungen. Der Solidaritätsgedanke steht im Zentrum, nicht der Klassenunterschied.

Spende der Stadt Vevey: Böckligumpis, Albert Anker, 1866.

1946 gründeten Nachkommen des alten Schaffhauser Adelsgeschlechts Peyer die Tobias Stimmer-Stiftung aus Geldern der amerikanischen Reperationszahlungen. Denn fünf der zerstörten Bilder waren im Besitz der Familie Peyer. Zweck der Stiftung: Bewahrung des Schaffhauser Kulturerbes. Die USA bezahlten 350‘000 Franken, welche die Peyers in die Stiftung gaben. Bis heute liegt der Schwerpunkt der Stiftung auf der Beschaffung von Werken aus der Zeit und dem Umkreis Stimmers. Wie stark sich die Familie Peyer auch am Wiederaufbau der Stadt beteiligte, ist nicht bekannt.

Eines der geretteten Werke: Bildnis Conrad Gessner, Tobias Stimmer, 1564.

Schaffhausen wird zur Kulturstadt

Während das Naturmuseum zerstört blieb, konnte das Museum zu Allerheiligen dank der zahlreichen Kulturspenden in Form von Geldern und Gütern bereits 1946 wiedereröffnen. Seit den 1980er-Jahren vereint es alle klassischen Museumssparten – Kunst, Kulturgeschichte, Geschichte und Natur – in einem Haus. Es hat sich so vom einstigen Heimatmuseum zum Universalmuseum gewandelt.

Kulturell bedeutete die Nachkriegszeit für Schaffhausen einen beispiellosen Aufbruch. Unter Walther Bringolf, einst KP-Mitglied, später sozialdemokratischer Schaffhauser Stadtpräsident von 1933 bis 1968, stieg Schaffhausen zu einem kulturellen Zentrum des Landes auf: Gleichzeitig mit der Neueröffnung des Museum wurde das biennale internationale Bach-Fest ins Leben gerufen. Für das Museum war es die Zeit der «grossen Ausstellungen»: zu Rembrandt, zu Tizian oder 1968 zu Munch. Zu letzterer erschien in Glanz und Gloria und mit militärischen Ehren empfangen gar der schwedische König.

Dieser Beitrag erschien im Mai-Heft.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49