, 15. Juni 2016
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Schatten über der EM

Russen, Franzosen und Engländer prügeln sich in Marseille, in Nizza stossen einheimische Fans mit Nordiren zusammen und vor dem Spiel Deutschland gegen die Ukraine kommt es in Lille ebenfalls zu unschönen Szenen. Die Europameisterschaft in Frankreich ist noch keine Woche alt, und schon gibt es die ersten Skandale.

Alles andere als freidlich: russische Hooligans (Bild: Screenshot YouTube)

«Chlöpfts oder chlöpfts nöd. Und wenn ja, warum?» Vor wenigen Tagen haben wir auf unserem Blog einen Gastbeitrag von Alain Brechbühl zu diesem Thema veröffentlicht. Der Berner Sportwissenschaftler hat in einer für die Schweiz einmaligen Studie untersucht, warum kritische Situationen rund um Spiele der Super League eskalieren und warum nicht.

Brechbühl und die Uni Bern beliessen es aber nicht bei der Publikation der Ergebnisse. Zu Beginn des Monats luden sie zu einem Symposium über die «Dynamik der Gewalt bei Sportveranstaltungen» nach Bern. Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung, darunter Vertreter des SFV, des Fedpol und verschiedener Polizeikorps sowie Fanarbeiter und Fanverantwortliche verschiedener Clubs.

Wie reagiert die Polizei?

Neben einer Präsentation von Brechbühl, bei der er seine Resultate zeigte, konnten die Teilnehmer auch einem Referat von Clifford Stott beiwohnen. Stott ist Professor der Sozialpsychologie an der University of Keele in England und einer der profiliertesten Kenner von Massendynamiken bei Fussballspielen. Entsprechend war eine seiner Kernaussagen, dass es gar nicht so sehr darum gehe, wie und warum Hooligans zu Spielen reisten. Vielmehr gehe es um die Dynamiken, die in einer Masse entstehen können. Und darauf aufbauend: Wie reagiert die Polizei?

Nach vielen Jahren der Forschung kam er auf einen relativ einfachen Befund: «Low risk, low profile. High risk, high targeted profile.» Solange das Risiko klein ist, sollten sich Polizisten in Ordnungsdienstausrüstung im Hintergrund halten. Wenn das Risiko steigt und eine Intervention unerlässlich ist, sollte diese gezielt vonstatten gehen.

Brechbühl kam, zusammen mit seiner Forschungspartnerin Annemarie Schumacher, zu ähnlichen Resultaten. Die beiden Wissenschaftler haben ihre Erkenntnisse in ein Modell verpackt, das sich, vereinfacht, auf Risikofaktoren vor dem Entstehen einer kritischen Situation und auf Warnzeichen während einer solchen reduzieren lässt.

Zu den Risikofaktoren gehören Vorzeichen (beispielsweise eine bestehende Rivalität zweier Teams) und ein Auslöser (beispielsweise eine Verhaftung). Zu den Warnzeichen gehören die Reaktionen der beteiligten Parteien (beispielsweise Vermummung) und die sich daraus ergebenden Konsequenzen (beispielsweise Kontaktaufnahme). Interventionen seien vor allem dann problematisch, sagen sie, wenn sie von der anderen Partei als illegitim bewertet würden. Wichtig sei deshalb vor allem eine informative Kommunikation, die eine Erhöhung der Legitimität ermögliche.

Etliche Risikofaktoren

Wenn wir nun exemplarisch das Spiel England gegen Russland in Marseille herausgreifen, muss man nicht lange suchen, bis man Risikofaktoren findet – es gäbe für unzählige weitere Paarungen ähnliches zu berichten: Die Türken sollen bei vielen Franzosen in Ungnade gefallen sein, die Deutschen mag man sowieso nicht, die Polen seien von den Russen angestachelt und so weiter.

 

Was aber an dieser EM dazu kommt, ist die französische Polizei. Im britischen Telegraph wird mit Geoff Pearson eine Koryphäe auf dem Gebiet zitiert, der die französischen Polizeitaktiken als «outdated», also überholt, bezeichnet: «Pearson hat in der Vergangenheit die Französische Polizei höchst kritisch betrachtet und argumentiert, dass diese im Gegensatz zu anderen Europäischen Polizeikräften nicht überholte Massen-Kontroll-Methoden hinter sich gelassen hat, welche die Situation oft verschlimmern.»

Er bestätigt auch, was Stott, Brechbühl und Schumacher wissenschaftlich herausgearbeitet hatten: «‹Einige Engländer schmissen Flaschen zurück und die Polizei bewegte sich zurück ins Blickfeld›, sagte Pearson. ‹Im Kontext, was geschehen war in dieser Woche, wurde ein Polizist mit einem Schild zu einem Ziel. Bis zur ersten Intervention wäre das nicht der Fall gewesen. Die Beweislage zeigt, dass die Menge keine Flaschen wirft, wenn die Polizei keine Helme und Schilder trägt. Die Polizei lag so falsch, dass es einen Wunder nimmt, ob das Endresultat das war, was sie wollten.›»

«Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt»

Gehört wird diese Sichtweise kaum. Zumal es für viele Medien schon schwer zu begreifen scheint, dass die Engländer – wenn auch keine Unschuldslämmer – eher nicht als Auslöser der Krawallen zu bezeichnen sind. Die Football Supporters’ Federation sagt in einer Stellungnahme gar: «Was auch immer die Geschichte ist – und da gab es genug in den vergangenen Jahren, was uns einen schlechten Ruf beschert hatte – dieses Mal sind diese Anschuldigungen weit verfehlt».

Natürlich, einfach den Engländern, den Russen oder der Polizei die Schuld zu geben – von den Einheimischen, die bei den Ausschreitungen mitmischen haben wir noch gar nicht gesprochen – wäre zu einfach. Und aus der Ferne so oder so nicht zu beurteilen. Zu oft haben wir nach Spielen des FC St.Gallen schon erlebt, dass die tatsächlichen Zustände eben doch ganz anders waren, als sie im Nachhinein von Leuten beschrieben wurden, die davon gar nichts mitgekriegt haben.

Es scheint eben doch so, dass die Franzosen vor lauter Terrorangst vergessen haben, dass unzählige Menschen aus den 24 Teilnehmerländern sich während der EM auf relativ kleinem Raum aufhalten. Solche Ansammlungen sind per se schon nicht einfach zu managen, wenn auch noch Rivalitäten ins Spiel kommen, erst recht nicht mehr. Und in Zeiten des wieder erstarkenden Nationalismus wäre es auch vermessen zu glauben, dieser mache vor der EM halt.

Nicole Selmer, stellvertretende Chefredakteurin des ballesterers hat schon vor vier Jahren geschrieben: «Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt.» Die Aussage dürfte heute nicht minder wahr sein.

Und trotzdem: Sich die Freude an der Europameisterschaft verderben zu lassen, wäre falsch! In unserem ersten Public Viewing-Bericht haben wir einleitend gesagt: «Man darf von der EM halten, was man will» Damit spielten wir aber nicht auf die Ausschreitungen an, sondern wir meinten viel eher zwielichtige Sponsoren und zwielichtige Funktionäre.

Die EM: eine vierjährliche Gelegenheit

Wir halten trotzdem daran fest: Auch in Zeiten, in denen die internationalen Fussballverbände kaum je mit Sportlichem für Aufregung sorgen, interessiert die EM als Wettkampf, den es so eben nicht jedes Jahr gibt. Und auch in diesen Zeiten bringt der Fussball Menschen vor den Bildschirmen zusammen. Und er bringt sie nicht nur vor den Bildschirmen zusammen, er bringt sie zuweilen eben auch ganz generell zusammen.

Im Internet kursieren fast ebenso viele Videoclips mit überschwänglichen Verbrüderungen über die Landesgrenzen hinweg, wie man fliegende Plastikstühle durch die Gassen Marseilles fliegen sieht. Nordirische Fans zum Beispiel – eigentlich ja auch irgendwie Engländer und deshalb per se Risikofans – bringen ihren polnischen Kollegen – polnisch! Nochmal Risiko! – den aktuellen Gassenhauer in Belfasts Strassen «Will Griggs on fire!» bei.

 

In diesem Sinn ist eine Europameisterschaft vielleicht nicht einfach nur ein vierjährliches Risiko von gewalttätigen Ausschreitungen im jeweiligen Gastgeberland. Vielleicht ist eine Europameisterschaft auch die vierjährliche Gelegenheit, Mauern einzureissen und einander kennenzulernen. Vielleicht müssen wir einfach noch ein wenig üben. Dazu bleiben noch fast vier Wochen Zeit!

Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

Hier ein weiterer kluger Text zum Thema.

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