, 7. Dezember 2018
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Schiller geht ihnen am Arsch vorbei

«Lehrerin zwingt Schüler mit Waffengewalt zum Schiller-Spielen». So etwa hiesse die Schlagzeile zum Jugendstück «Verrücktes Blut», das am Donnerstag in der Lokremise St.Gallen Premiere hatte. Chefdramaturgin Anja Horst inszeniert den harten Stoff mit Migrationshintergrund – sehenswert.

Und bist du nicht willig...: Lehrerin (Pascale Pfeuti) und Musa (Kay Kysela). (Bilder: Tanja Dorendorf)

Gründe, sich Verrücktes Blut anzutun, gibt es mehrere. Zum einen lernt man eine Menge wüster Wörter. Das Stück schmeisst mit Schlampen, Nutten, mit Eiern und Schwänzen, mit Fick deine Mutter und Leck mich am Arsch um sich, dass es im Ohr des wohlerzogenen Abopublikums vermutlich pfeifen würde wie zwischendurch im Stück, wenn eine Szene auf dem Höhepunkt angelangt ist. Pädagogisch wertvoll? Zumindest kann es nicht schaden, bei Gelegenheit ein paar heftige Flüche intus zu haben.

Zum zweiten erlebt man starke Schauspieler. Drei von ihnen sind gestandene Profis im Ensemble des Theaters, die andern vier kommen von den Schauspielschulen von Bern und Zürich, aber von «Anfängern» ist nichts zu merken, sie schmeissen sich mit Spiellust und ihrer ganzen Körperlichkeit in den Text.

Kay Kysela und Stefan Schönholzer (vorne), Pascale Pfeuti, Lucas Riedle, Silvio Kretschmer und Jessica Cuna.

Und zum dritten hat das Stück eine Pointe, die vielleicht weniger die Kids, aber Bildungspolitikerinnen, Eltern und Freunde des Schönen und Wahren beglücken wird. Diese Moral heisst: Die Klassiker sind nicht tot, sie handeln von heute. «Steht alles schon drin» im Schiller, konstatiert Lehrerin Sonia Kelich mehr als einmal entzückt. «Es funktioniert»: Schillers Dramen lassen sich bei aller Altertümelei der Sprache engführen mit der Gegenwart von Migrationskids des 21. Jahrhunderts.

Um den Preis der Gewalt

Das bringt das schlaue Stück tatsächlich fertig; die «wilden Jungen» um die Räuber Franz und Karl Moor sind von heute, hier und jetzt versammelt in der Klasse, mit der die Lehrerin ihren Schiller durchnehmen will. Und Liebe und Verrat wie in Schillers Kabale und Liebe prallen wie von selber aufeinander zwischen Latifa und Musa, den türkischen Secondos. «Es funktioniert». Mit Schiller scheint auch anno 2018 eine «ästhetische Erziehung» selbst der erziehungsresistentesten Jugendlichen möglich – aber der Preis ist hoch.

Dieser Preis heisst Gewalt. Der Lehrerin fällt, nachdem der Unterricht komplett aus dem Ruder gelaufen ist, noch ehe er begonnen hat, eine Pistole in die Hand. Dem härtesten der harten Jungs, Musa, ist sie aus der Tasche gefallen. Und die Lehrerin packt ihre Chance: Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Ihren Reclam-Schiller peitscht sie von jetzt an durch mit der Pistole im Anschlag, auf Leben und Tod.

Die Versuchsanordnung des türkisch-deutschen Autorenduos Nurkan Erpulat und Jens Hillje ist grotesk und wirkt anfangs eher läppisch: Lehrerin Kelich, von Pascale Pfeuti mit der passenden, schneidenden Humorlosigkeit gespielt, ist das totale pädagogische Antitalent, wie man es in Wirklichkeit in keinem Schulzimmer finden würde. Sie hält verbissen an ihrem Schiller-Programm fest, schraubt an den weichen «ch» von Schülern herum, für die nicht nur das Wort «unaussprechlich» unaussprechlich ist, sondern denen die ganze Schule samt dem ollen Friedrich am Arsch vorbeigeht.

Die Kids sind ihrerseits eine irrwitzige Ladung von Klischees, allen voran Musa (Kay Kysela), der sich penetrant im Schritt kratzt und nur «Nutte» und «Fick dich» über die Lippen bringt – dabei aber die Klassengang mit seiner rohen Gewalt kontrolliert: die schöne Latifa (Seraphina Maria Schweiger), Mariam, Kopftuchträgerin aus Überzeugung (Jessica Cuna), den latent gewalttätigen Bastian (Stefan Schönholzer), den listigen Ferit (Lucas Riedle) und den verschreckten Kurden Hasan (Silvio Kretschmer), den die türkischen «Brüder» mobben.

So fängt das an, und man kratzt sich nicht grad im Schritt, aber am Kopf ob dem Bombardement an Klischees, schlechten Witzen und Gewaltexzessen. Und dann fällt der erste Schuss, und das Stück nimmt eine Wendung, die mehr und mehr in Bann schlägt.

Verrücktes Blut, nächste Vorstellungen 6., 12., 16., 20. Dezember, Theater St.Gallen, Lokremise

theatersg.ch

Schillers Idealismus kommt einerseits gewaltig ins Scheppern; dass «der Mensch nur dort ganz Mensch ist, wo er spielt», wird vor geladener Pistole zur hohlen Phrase. Aber zugleich passiert in den Jungen etwas, eine und einer nach dem andern kommt über die «Räuber» ein Stück mehr zu sich. Das ist manchmal zum Lachen und im Ganzen doch ernst. Die Frauen nehmen die Knarre in die Hand, Hasan schiesst sich am Ende aus seiner Opfer-Rolle (vielleicht) frei, selbst Macho Musa stösst an seine Grenzen.

Gespielt wird mit hohem, auch körperlichem Risiko, Regisseurin Anja Horst fordert ein rasantes Tempo, und Ausstatter Andreas Walkows hat einen Laufsteg gebaut, der auf Spucknähe ans Publikum heranführt und das seine dazu beiträgt, dass einem die Figuren nahe kommen.

Keine simple Polit-Moral

Ein Triumph des Theaters also – fraglich allerdings, ob das in Deutschland zum Bestseller gewordene Stück auch zur Integrationsdebatte etwas beiträgt. Die Islam-Verwünschungen der Lehrerin sind tiefster SVP-Sumpf, und die Volkslieder vo «Dött äne am Bergli» bis zu «Im Aargau sind zwei Liebi», beim Szenenwechsel jeweils gemeinsam angestimmt, taugen höchstens ironisch als helvetische Chörli-Gegenwelt.

Am ehesten «funktioniert», um es mit der Lehrerin zu sagen, das Stück als Sympathie-Vehikel: Rasch einmal hat man es als Zuschauer mit den Grobheiten der Jungs und nicht mit der hysterischen Besserwisserei von Frau Kelich mit weichem Schluss-«ch». Und zum Glück endet das Stück offen und ohne Politmoral.

Verrücktes Blut ist ein Angebot zum Weiterdiskutieren – für die St.Galler Schülerinnen und Schüler, die teils bereits während der Proben und jetzt auch an der Premiere dabei waren, genauso wie für Erwachsene.

 

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