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Schimmelznacht im Hühnerturm

Die Ausstellung «Food Revolution 5.0» im Gewerbemuseum Winterthur zeigt Konzepte und Utopien zur Zukunft des Essens – nicht gerade aamächelig. von Valérie Hug
Von  Gastbeitrag
Austin Stewart: Second Livestock, 2014 (Bilder: Gewerbemuseum Winterthur)

Hoch ragen sie über die Dächer der Städte, die riesigen, zylinderförmigen Wolkenkratzer. Auf mehreren Dutzend Stockwerken verteilt leben Abertausende von Hühnern auf engstem Raum zusammen. Glaubt man den Verantwortlichen des Projekts Second Livestock, dann ist diese Art Hühnerstallhaltung «menschlich, ethisch und profitabel». Denn die Hühner leben in virtueller Freiheit. Eingeschlossen in einer Art Vitrine mit Laufband und ausgestattet mit einem Virtual Reality Headset, bekommen die Hühner nichts von ihrer realen Umgebung mit, sondern leben und bewegen sich vermeintlich auf dem Freiland in artgerechter Zucht und sind glücklich. Wenn es nach Austin Stewart geht, sieht so die Landwirtschaft der Zukunft aus: Bürotürme für die Massentierhaltung.

Second Livestock ist eines der rund 50 Forschungs- und Designprojekte der Ausstellung Food Revolution 5.0 im Gewerbemuseum Winterthur. Wie alle Arbeiten beschäftigt es sich mit der Frage, was und wie wir in Zukunft essen wollen. Wie aber so manch andere, gehört es zu jenen Projekten, die an unseren Essgewohnheiten festhalten. Die Möglichkeit, dass der Mensch selbst um- und seinen (Fleisch)-Konsum überdenkt, scheint gar nicht erst eine Option. Sondern das gewünschte Produkt – in diesem Fall Hühnerfleisch – muss her, und das um jeden Preis. Die Möglichkeit einer wirklichen Food Revolution wird in solchen Modellen aussen vorgelassen. Und das, obwohl sich immer mehr Menschen für eine vegetarische oder vegane Ernährungs entscheiden, sich mehr Gedanken über ihre Essgewohnheiten machen und bewusster mit Lebensmitteln umgehen.

Michael Burton & Michito Nitta: Near future algae symbiosis suit, 2010

Fortschrittlich ist einzig die Art und Weise, wie mit dem Problem des wachsenden Fleischkonsums umgegangen werden könnte, und zwar lediglich auf der Ebene der Lebensmittelbeschaffung. Dass der Hühnerkot zu Dünger weiterverarbeitet werden soll, macht das ganze Projekt in der Konzeption zwar runder, nicht aber wirklich revolutionär. Trotzdem schaffen es genau solche Projekte wie die von Stewart, einem die Notwendigkeit und die Dringlichkeit einer globalen Food Revolution noch deutlicher vor Augen zu führen.

Das Fleisch von morgen

Was aber, wenn es gar nicht so weit kommen muss? Was, wenn nicht neue Möglichkeiten für die Massentierhaltung, sondern die Alternativen dazu über das grössere Lösungspotenzial für die Probleme unserer heutigen Esskultur verfügen? Unser wachsender Fleischkonsum ist gekoppelt an viele weitere Problemfelder, Herausforderungen und Folgen, beispielsweise den Lebensmitteltransport, den Wasserkonsum oder die Treibhausgase. Auch in Food Revolution 5.0 kommt dem Fleischkonsum besondere Aufmerksamkeit zu. 2016 ist in der Schweiz doppelt so viel Fleisch gegessen worden wie noch vor 100 Jahren. Wenn man bedenkt, dass hier 1916 gemäss Bundesstatistik lediglich 3,861,000 Personen lebten – weniger als die Hälfte der Bevölkerungszahl von 2016 (8,327,000 Einwohner) – hat sich de facto die benötigte Menge an Fleisch vervierfacht.

Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen:
bis 28. April 2019, Gewerbemuseum Winterthurgewerbemuseum.ch

Damit Hand in Hand gehen die Mengen an Wasser und Futtermittel sowie der CO2-Ausstoss. Allein für die Produktion eines Stück Steaks wird so viel CO2 in die Atmosphäre freigesetzt wie bei einer Autofahrt über 250 Kilometer – das entspricht etwa der Strecke von Winterthur nach Lausanne. Auch hier wird äusserst schmerzlich bewusst: Wächst die Bevölkerung weiter und ist der Mensch nicht bereit, umzudenken, werden diese Werte noch weiter steigen, noch mehr Land für Futterpflanzen wird benötigt und noch knapper wird das Wasser werden. Lösungen müssen her, und zwar sofort. Prominent sind darum in der Ausstellung vor allem auch Konzepte und Ideen, die sich mit der Problematik des wachsenden Fleischkonsums auseinandersetzen und/oder Alternativen dazu bieten.

Paul Gong: Human Hyena, 2014

Eine der wohl kritischsten Antworten liefert Chloé Rutzervelds Arbeit In Vitro Me. Wie weit würde ein Mensch gehen, um weiterhin Fleisch zu essen in einer Welt, in der Fleisch Mangelware wird? Würde er sich ein Bioreaktor-Amulett umhängen, das sich an die eigene Brust anschmiegt und körpereigenes Muskelgewebe kultiviert? Würde er es essen?

Seetang aus der Metzgerei

Weniger kritisch und sehr nahe am Fleisch, dafür umso tauglicher als Alternative könnte das Projekt Meat the Future des Industrial Designers René Kuntzag sein. In-Vitro-Fleisch soll die Herstellung von Fleisch ermöglichen, ohne Tiere zu schlachten. Über eine Biopsie (Gewebeprobe) werden dem Tier Zellen entnommen, die über ein spezielles Verfahren vermehrt und schliesslich zu Fleisch gezüchtet werden. Kuntzag bemerkt in seiner ausgestellten Arbeit aber zurecht, dass der Erfolg seiner Idee abhängig von der Wirtschaftlichkeit und der Akzeptanz der Konsumenten ist.

In dieselbe Schublade gehört SEA-MEAT Seaweed von Hanan Alkouh aus Kuwait. Auch er hat begriffen, dass Fleischverzehr nicht mehr wirklich nachhaltig und einer der Haupverursacher der gegenwärtigen Umweltbelastung ist. Alkouh geht in seiner Arbeit jedoch einen Schritt weiter. Er will nicht einfach nur das Fleisch ersetzen, sondern er schaut sich die Industrie hinter der Fleischproduktion an. Sein Ziel ist es, dass Dulse-Seetang, der gebraten wie Schinkenspeck schmeckt, in seiner Aufbereitung dieselben Schritte durchläuft, die in der Fleischproduktion üblich sind. Damit könnten die reichhaltige Kultur und traditionelle Berufe wie Metzger erhalten bleiben.

Algen, Insekten, Tofu, Quorn – Alternativen zum Fleisch gibt es haufenweise. Das macht Mut. In einem anderen Szenario heisst das Fleisch von Morgen: Licht. Der Weg dazu: Einige unserer Organe werden mit Algen angereichert, die es uns ermöglichen, uns semi-photosynthetisch zu ernähren. Wir sind Symbioten, leben in wechselseitiger Abhängigkeit mit den Algen in uns. Das CO2 unseres Atems regt das Algenwachstum an, diese wiederum führen dem Körper wichtige Nährstoffe zu. Irgendwann werden sich daraus gänzlich neue Organe mit Algen bilden, so dass wir uns – wenn es nach Michael Burton und Michiko Nitta geht –in Zukunft von Licht ernähren können. Solche Konzepte wie Near Future Algae Symbiosis Suit sind äusserst interessant und in der Idee durchaus fortschrittlich, scheinen in ihrer Umsetzung aber reichlich utopisch. Denn Essen ist auch immer eine kulturelle Sache. Wenn wir etwas an unserem Essverhalten ändern wollen, müssen wir beim kulturellen Verständnis von Essen ansetzen.

In dieselbe Kategorie wie der Algenanzug fallen die Projekte von Paul Gong aus Taipeh/Taiwan und Pei-Ying Lin aus Taiwan/London. In ersterem, genannt Human Hyeana, schlägt Gong den Verzehr von verfaulten und verschimmelten Lebensmitteln vor, der durch neue entwickelte Bakterien im menschlichem Verdauungssystem und der Einnahme von Synsepalum Dulcificum (eine Wunderbeere, die saures Essen in süsses verwandelt) ermöglicht wird. Lin hat sich in ihrem Konzept dagegen komplett von unseren Essgewohnheiten verabschiedet. In Minimal Nano Diet passen alle essentiellen Nährstoffe, die der Körper braucht, auf einen Löffel.

Unterwegs mit der Brennnessel-Schere

Nebst solchen futuristischeren Modellen und Ideen bietet Food Revolution 5.0 auch Konzepte und Projekte, die bereits heute schon in der Praxis Anwendung finden. Ein solches Beispiel ist das Projekt Stadtnessel des St.Gallers Noël Hochuli. Für seine Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern hat sich Hochuli mit Urban Foraging – der Nahrungssuche im städtischen Raum – auseinandergesetzt. Inspiriert hat ihn das Kochbuch Essbare Stadt von Maurice Maggi. Er fragte sich, ob urbane Brennnesselernte einen realen Nutzen hinsichtlich Ökologie, Ökonomie und Ernährung haben könnte. Dazu hat er eine Brennnessel-Sammeltasche sowie eine passende Schere entworfen, mit der die Brennnesselernte gemeistert werden kann. Was das Projekt eindrücklich zeigt ist, dass man mit ein wenig Initiative ein kleines bisschen mehr zur Selbstversorgerin werden und einiges verändern kann – vorausgesetzt, man ist bereit dazu, bei sich selbst anzufangen.

Hanan Alkouh: Sea-Meat Seeweed, 2016

Klar, es braucht sie auch, die grossen Konzepte, Modelle und Ideen, die auf einer weiteren Ebene unsere Esskultur in Frage stellen und neue Lösungen für zukunftsweisende Produktion und Konsum aufzeigen. Im Fall der industriellen Landwirtschaft aber ist genau ein solches grosses Konzept gescheitert. Auf deren Konto gehen nämlich rund ein Drittel der zivilisationsbedingten Treibhausemissionen sowie über 70 Prozent des Süsswasserverbrauchs. Darüber hinaus ist sie Mitverursacherin der schwindenden Biodiversität.

Wie vielfältig die Welt sein könnte, zeigt Pro Specie Rara, die Stiftung für kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, am Beispiel des Apfels: Sie pflegt eine Sammlung von 365 Apfelsorten. Durch anbaufreundliche, gewinnbringende und dem Durchschnittsgeschmack entsprechende Sorten wurde diese einstige Vielfalt jedoch massiv verkleinert. Heute stammen über drei Viertel aller Lebensmittel auf der Welt von nur 12 Pflanzen- und fünf Tierarten. Trotzdem gelingt es nicht, alle Menschen zu ernähren. Und das, obwohl theoretisch genug Essen für alle da ist. Es ist nicht etwa ein Produktions-, sondern vielmehr ein Distributionsproblem: Essen im Überfluss an einem, Knappheit am anderen Ort.

Im Kleinen Grosses bewirken

So fordert denn auch die Food Revolution 5.0: Es braucht wieder mehr kleinbäuerliche, arbeitsintensivere und auf Vielfalt ausgerichtete Strukturen. Und es braucht die Bereitschaft der Menschen, etwas zu tun. Denn Konzepte und Projekte, die beim Menschen selbst anknüpfen und ihm aufzeigen, was er allein beitragen und bewirken kann, gibt es bereits. Zum Beispiel die Zero Waste Bewegung. Ihr Ziel ist es, möglichst wenig Abfall zu produzieren und Rohstoffe nicht zu verschwenden. Das fängt schon bei der Wasserflasche an. Warum nicht etwas mehr Geld in eine wiederverwendbare Flasche investieren, statt tagein tagaus PET-Flaschen mit abgefülltem Wasser zu kaufen? Ist es wirklich nötig, dass wir hier in der Schweiz vulkanisch mineralisiertes Fidji-Wasser aus Plastikflaschen trinken und damit unsere Umwelt bis zu 450 Mal mehr belasten, statt Trinkwasser in guter Qualität direkt vom Hahn zu beziehen?

Noël Hochuli: Die Stadtnessel, 2015

Und warum nicht der Lebensmittelverschwendung entgegentreten und Zweitklass-Gemüse kaufen, das sonst in der Biogastonne landen würde? Möglich ist das etwa beim Verein Grassrooted (die Retter der 30 Tonnen Tomaten), jeweils jeden Donnerstag und Freitag am Zürcher Hauptbahnhof. Verpackung vor Ort gibt es keine; nach dem Motto Zero Waste sollen eigene Säckli und Stoffbeutel mitgebracht werden. Komplett ohne Verpackung und somit ohne Abfall kann in diversen Package-Free-Läden eingekauft werden. So zum Beispiel im Bio Ohne in Trogen. In der Stadt St.Gallen bietet der Stadtladen an der Katharinengasse 12 ein breites Sortiment an Bio-Gemüse, das verpackungsfrei angeboten wird.

In kleinen Schritten kann Grosses bewirkt werden. Denn dass es so nicht mehr lange weitergehen kann, das macht einem die Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur eindrücklich bewusst. Es braucht eine globale Food Revolution. Und eine globale Ernährungsdemokratie.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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