Kategorie
Autor:innen
Jahr

«schöner / als salomonis seide»

Monika Schnyders neuer Gedichtband «Auch Götter haben Gärten» spannt weite Felder auf, mythologische, botanische, erdgeschichtliche. Am 27. März ist Buchvernissage in St.Gallen. von Clemens Umbricht
Von  Gastbeitrag , 

«Eine Spezies / vergänglich, doch älter als unsereiner / Nur dass sie uns überleben wird / um ein paar Millionen Jahre / hin oder her, steht fest.» Diese Zeilen aus Hans Magnus Enzensbergers Geschichte der Wolken – als Spezies sind die letzteren gemeint – könnten geradezu als Motto über Monika Schnyders Gedichten stehen. Auch die weitgereiste und enorm belesene St. Galler Lyrikerin und Arabischlehrerin widmet Cumulus, Stratus und Cirrus einen Gedichtzyklus; auch sie greift zeitlich wie geografisch in weite Räume aus, ja, an einer Stelle steht gleich das ganze «eo-mio-plio-zän» vor ihrer Tür, und das sind immerhin so zwischen 5,5 bis 55 Millionen Jahre.

Monika Schnyder: Auch Götter haben Gärten, Gedichte, Wolfbach Verlag. Basel, Zürich, Rossdorf 2019. Fr. 26.90

In ihrem inzwischen sechsten Gedichtband und vier Jahre nach dem bisher letzten, Thetys, entfaltet Monika Schnyder erneut die stupende Weite ihres geistigen Terrains. Lässt man sich darauf ein und versucht, Knotenpunkte, Randlagen und Unbestimmtheitsstellen zu kartographieren, so braucht das zunächst etwas Geduld, doch dann öffnen sich Fenster ins Bezaubernde wie Fremdartige.

Sechs Abteilungen umfasst der Band, und jede besitzt ein Kernthema. Das beginnt etwa in Abteilung I mit einer botanischen Exkursion zu den Tulpen und dem Nachspüren ihrer kulturellen sowie etymologischen Wurzeln im türkischen Wort «Turban». Es führt weiter über die «MAGNOLIA MIT STAMM // baum», den Efeu und den Lorbeer: «EDLER LAURUS // triumphgewohnter / sag wie hältst dus mit den / frauen». Und dann, fast unvermittelt einbrechend in die kulturellen und botanischen Reflexionen: «saisonräumung artenschluss / verkauf».

Das Wissen um die gegenwärtigen Bedrohungen färbt mit «KERNSPALTUNG SCHOCK / wellen», wie könnte es anders sein, alles ein. Am Schluss des Gedichts «FORT DEIN ANGESTAMMTER» finden sich im Zusammenhang mit der Riesenlibelle MEGANEURA die für unsere Spezies wenig hoffnungsvollen Zeilen: «du überlebst auch uns am ende / hungerkünstler zuckergast / ich sah dich heute nacht».

Göttliches Knistern im Ohr

Finden sich die Botanik am Anfang und die Wolken am Ende des Buches, so bildet die Mitte (das Kapitel IV) so etwas wie das lyrische Epizentrum von Monika Schnyders Göttergarten: die altägyptische Mythologie. «BES will ich bleiben», heisst es dort, «BES-sein ist schön. Ich throne umgeben / von tieren». Gemeint ist mit BES die altägyptische Gottheit dieses Namens, welche als Schutz vor gefährlichen Wüstentieren bei der Geburt von Königin Hatschetpsut anwesend war und auch als Gott der Launen und Lustbarkeiten galt. Überkommenes deutet Schnyder poetisch und mit hintersinnigem Schalk neu: «ein paukenschlag. der könig ist eine / königin: die doppelkrone der königs- / bart!» Anubis, der Totengott mit den Spitzohren: Er, der Schakalgesichtige, sitzt adrett im Trägertop da und wägt «statt / bohnen / und / erbsen / herzen». Mythologisches und Ärchaologisches werden in diesem Hortulus neu ausgesät.

Buchvernissage: Mittwoch, 27. März, 19.30 Uhr Uhr, Keller zur Rose St.Gallen

buchhandlungzurrose.ch

«am fenster stehn so / ist es sagt der regen / ich weiss» – lakonische Feststellungen wie diese, im kürzesten Gedicht der Sammlung, kontrastieren mit entlegenen, zumindest nicht auf Anhieb geläufigen Ausdrücken und Sequenzen. BASTET, CHNUM, SACHMET, THOERIS, THOT, TSCHINTSCH – schon einmal gehört? SKRIK? HEWISKRIK? Und erst die «kuruzen die unnutzen schkarnutzen»? Da und dort kann es vorkommen, dass einem beim Lesen durchaus jenes «grote god!» entschlüpft, das dem staunenden Betrachter im ersten Gedicht des Bandes vor der einstmals teuer gehandelten Tulpe SEMPER AUGUSTUS entfährt.

Andererseits macht genau dies, der Umgang mit dem Fremden, und eben auch: dem fremden Wort, den Reiz und die Schönheit von Monika Schnyders Poesie der kühnen Zeilensprünge aus. Das setzt Neugierde voraus – und erlaubt Betört-Sein von der Sprache und ihren mannigfaltigen Erscheinungen.

 

NARZISSE SÜSS

duftende orientalin ver
führerin du doppelt gekrönte
prinzessin in röcken schöner
als salomonis seide scheine
erscheine uns blume   du
reinweisse als trompete becher
oder schale in schalen
zusammen mit tulpen und
hyazinthen oder alleine bloss:
erscheine

 

 

 

 

 

 

 

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller