«Eine Spezies / vergänglich, doch älter als unsereiner / Nur dass sie uns überleben wird / um ein paar Millionen Jahre / hin oder her, steht fest.» Diese Zeilen aus Hans Magnus Enzensbergers Geschichte der Wolken – als Spezies sind die letzteren gemeint – könnten geradezu als Motto über Monika Schnyders Gedichten stehen. Auch die weitgereiste und enorm belesene St. Galler Lyrikerin und Arabischlehrerin widmet Cumulus, Stratus und Cirrus einen Gedichtzyklus; auch sie greift zeitlich wie geografisch in weite Räume aus, ja, an einer Stelle steht gleich das ganze «eo-mio-plio-zän» vor ihrer Tür, und das sind immerhin so zwischen 5,5 bis 55 Millionen Jahre.
Monika Schnyder: Auch Götter haben Gärten, Gedichte, Wolfbach Verlag. Basel, Zürich, Rossdorf 2019. Fr. 26.90
In ihrem inzwischen sechsten Gedichtband und vier Jahre nach dem bisher letzten, Thetys, entfaltet Monika Schnyder erneut die stupende Weite ihres geistigen Terrains. Lässt man sich darauf ein und versucht, Knotenpunkte, Randlagen und Unbestimmtheitsstellen zu kartographieren, so braucht das zunächst etwas Geduld, doch dann öffnen sich Fenster ins Bezaubernde wie Fremdartige.
Sechs Abteilungen umfasst der Band, und jede besitzt ein Kernthema. Das beginnt etwa in Abteilung I mit einer botanischen Exkursion zu den Tulpen und dem Nachspüren ihrer kulturellen sowie etymologischen Wurzeln im türkischen Wort «Turban». Es führt weiter über die «MAGNOLIA MIT STAMM // baum», den Efeu und den Lorbeer: «EDLER LAURUS // triumphgewohnter / sag wie hältst dus mit den / frauen». Und dann, fast unvermittelt einbrechend in die kulturellen und botanischen Reflexionen: «saisonräumung artenschluss / verkauf».
Das Wissen um die gegenwärtigen Bedrohungen färbt mit «KERNSPALTUNG SCHOCK / wellen», wie könnte es anders sein, alles ein. Am Schluss des Gedichts «FORT DEIN ANGESTAMMTER» finden sich im Zusammenhang mit der Riesenlibelle MEGANEURA die für unsere Spezies wenig hoffnungsvollen Zeilen: «du überlebst auch uns am ende / hungerkünstler zuckergast / ich sah dich heute nacht».
Göttliches Knistern im Ohr
Finden sich die Botanik am Anfang und die Wolken am Ende des Buches, so bildet die Mitte (das Kapitel IV) so etwas wie das lyrische Epizentrum von Monika Schnyders Göttergarten: die altägyptische Mythologie. «BES will ich bleiben», heisst es dort, «BES-sein ist schön. Ich throne umgeben / von tieren». Gemeint ist mit BES die altägyptische Gottheit dieses Namens, welche als Schutz vor gefährlichen Wüstentieren bei der Geburt von Königin Hatschetpsut anwesend war und auch als Gott der Launen und Lustbarkeiten galt. Überkommenes deutet Schnyder poetisch und mit hintersinnigem Schalk neu: «ein paukenschlag. der könig ist eine / königin: die doppelkrone der königs- / bart!» Anubis, der Totengott mit den Spitzohren: Er, der Schakalgesichtige, sitzt adrett im Trägertop da und wägt «statt / bohnen / und / erbsen / herzen». Mythologisches und Ärchaologisches werden in diesem Hortulus neu ausgesät.
Buchvernissage: Mittwoch, 27. März, 19.30 Uhr Uhr, Keller zur Rose St.Gallen
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«am fenster stehn so / ist es sagt der regen / ich weiss» – lakonische Feststellungen wie diese, im kürzesten Gedicht der Sammlung, kontrastieren mit entlegenen, zumindest nicht auf Anhieb geläufigen Ausdrücken und Sequenzen. BASTET, CHNUM, SACHMET, THOERIS, THOT, TSCHINTSCH – schon einmal gehört? SKRIK? HEWISKRIK? Und erst die «kuruzen die unnutzen schkarnutzen»? Da und dort kann es vorkommen, dass einem beim Lesen durchaus jenes «grote god!» entschlüpft, das dem staunenden Betrachter im ersten Gedicht des Bandes vor der einstmals teuer gehandelten Tulpe SEMPER AUGUSTUS entfährt.
Andererseits macht genau dies, der Umgang mit dem Fremden, und eben auch: dem fremden Wort, den Reiz und die Schönheit von Monika Schnyders Poesie der kühnen Zeilensprünge aus. Das setzt Neugierde voraus – und erlaubt Betört-Sein von der Sprache und ihren mannigfaltigen Erscheinungen.
NARZISSE SÜSS
duftende orientalin ver führerin du doppelt gekrönte prinzessin in röcken schöner als salomonis seide scheine erscheine uns blume du reinweisse als trompete becher oder schale in schalen zusammen mit tulpen und hyazinthen oder alleine bloss: erscheine
«Round & Round & Round» geht es literarisch zu und her bei der Noisma-Veranstaltung im Kult-Bau.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann