Ich bin ein Suchtmensch mit dem Aszendent exzessiv-obsessiv. Wenn ich also mit etwas Neuem beginne, habe ich ein sehr grosses Durchhaltevermögen. Darum ist immer etwas Vorsicht geboten beim Start von neuen Projekten. Projekte meint dabei alle möglichen Tätigkeiten: Küche streichen, aufräumen, neues Computerprogramm lernen, Fotografie-Skills durch Video-Tutorials verbessern, Behörden mit Anfragen drangsalieren oder auch lesen.
Ich verfolge diese Projekte nicht gleichzeitig. Sie lösen sich phasenweise ab und werden ausschliesslich vom Alltag unterbrochen. Also je mehr Freizeit ich habe, desto grösser ist die Chance, dass ich ein neues Projekt beginne oder ein altes wieder aufflammt. Und nur, weil ich ein Projekt lange nicht verfolgt habe, ist es nicht automatisch aus meiner Suchtdatenbank gelöscht.
Hätte ich das mit 18 gewusst, hätte ich mich wohl nicht auf das Terrain der Schundliteratur begeben. Jahrelang hatte ich mich mit einem Gefühl von jugendlicher Selbstgerechtigkeit über die Lesegewohnheiten meiner Mutter lustig gemacht. Sie las Ärzte- oder Liebesromane der schlimmsten vorhersehbar-romantischen Sorte freudig vor sich hin, und mein Spott war ihr sicher. Zu diesem Zeitpunkt war mir natürlich nicht bewusst, dass ich selber mal drei Wochen mit dieser leichten Literatur verbringen werde.
Das war genau die Zeitspanne, die zwischen meiner letzten schriftlichen Abiturprüfung und meiner mündlichen Abiturprüfung lag. Ich wurde zur Prokrastinationsleserin von «Julia», «Baccara» & Co. Meine Mutter hatte über die Jahre einen kleinen Vorrat angesammelt und so ging mir der Nachschub nie aus. Ich machte es mir auf dem Balkon gemütlich und folgte, auf rund 125 Seiten pro Ausgabe, Zoe, Miranda oder Ivy auf den «gewundenen Pfaden der Liebe». Das Prinzip ist immer dasselbe: Eine junge, gut aussehende Frau wird in der denkbar ungünstigsten Lebenssituation von Amors Pfeil getroffen, wehrt sich aus den unterschiedlichsten Gründen dagegen und gibt am Ende doch der Liebe eine Chance. Happy End garantiert.
Das war so herrlich einfach und absehbar, dass ich mich lieber damit beschäftigte, als die Aufzeichnungen aus fünf Jahren Biologie auswendig zu lernen. Ich baute mir auf dem Balkon eine gemütliche Leseecke mit allem Komfort: Liegestuhl, Kaffee, Knabberzeug und genug Heftchen in Reichweite. Für ein Büchlein habe ich etwa zwei
bis zweieinhalb Stunden gebraucht. Im Schnitt bin ich kurz nach 8 Uhr morgens auf den Balkon umgezogen und da bis kurz vor 16 Uhr geblieben. Dann kam meine Mutter nach Hause und ich musste Lernnormalität vortäuschen. Abends habe ich mich, natürlich nur zur Entspannung, noch einmal auf den Balkon zurückgezogen. Wie viele Stunden? So lange, bis ich fertig war. Beendet wurde diese Routine von zwei Freundinnen, die mich, natürlich gegen meinen Willen, in die reale Welt zurückgezwungen haben.
Doch der Grundstein für meine Lust an diesem Genre war gelegt – bis heute. So wähle ich zum Beispiel für zweistündige Zugreisen am Kiosk gern die «Hollywood-Romantik im Handtaschenformat» als Lektüre. Im Zug selbst kann man recht gut verstecken, was man liest. Der Moment der Wahrheit (zwischen Lektüreanspruch und -wirklichkeit) kommt nämlich vorher – an der Kasse. Diesen Moment der Beichte versuche ich jeweils so kurz wie möglich zu halten. Ich habe das Geld meist schon abgezählt und gehe gezielt zu einer bestimmten Kasse.
Für die «Recherche» zu diesen Zeilen musste ich natürlich überprüfen, ob noch alles so ist wie immer. Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich nicht lieber zum Bahnhof zu einem anonymen Kiosk fahre, anstatt die neueste Ausgabe der «Julia» an meinem Stammkiosk zu kaufen. Schliesslich kennt man sich. Aber das war mir dann doch zu anstrengend, denn ich wollte schnell «dieses berauschende Verlangen» («Julia», Ausgabe vom 2. Januar 2019) spüren. Schliesslich «Wartet am Ende das Glück» («Julia»-Collection, Band 128).
Judith Altenau, 1978, ist freie Redaktorin und lebt in Hamburg. Dieser Beittrag erschien im Februarheft von Saiten.
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