, 30. Juni 2020
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Schon wieder Dachs

Juhu, wir dürfen wieder headbangen, zu pfundigen Beats steppen und Lieder mitgrölen. Zum Beispiel in der Kleberei Rorschach, im Eisenwerk Frauenfeld, am Poolbar-Festival in Feldkirch, im Kammgarn Schaffhausen und am Kulturfestival St.Gallen.

Bilder: pd

Die einen genossen die coronabedingte musikkulturelle Auszeit: Nicht ständig das Gefühl haben, etwas zu verpassen, nicht ständig irgendwo smalltalken oder anstossen müssen, nicht ständig an ein Konzert rennen, das man «auf keinen Fall verpassen» darf, nicht ständig schmierige Oropax im Bettlaken finden.

Die anderen vermissten genau das: Bässe, die in der Lunge beben, Schweiss, der in den Bauchnabel tropft, tanzen und vor der Bühne Luftgitarre spielen, bis das Licht angeht, im Sound schwelgen, den man sonst nur ab Konserve kennt, einen allerletzten Drink nehmen, den man im Nach- hinein gar nicht mehr gebraucht hätte.

Zum Glück hat diese Durststrecke langsam ein Ende. Und jene, die in den letzten Monaten wenig vermisst haben, werden sicher auch wieder auf den Geschmack kommen, sonst wären sie schon vor der Pandemie stubenhöcklerischer gewesen. Trotz Lockdown-Lockerung fällt der musikalische Sommer 2020 aber vergleichsweise schmal aus. Die ganzgrossen, schweisstreibenden, feuchtfröhlichen, rauchgeschwängerten Live-Orgien müssen noch warten. Dennoch kommt wieder langsam Leben in die Ostschweizer Buden und nachbarschaftlichen Orte.

Rorschach: Wo die Kultur klebt

Beginnen wir am See. Dort kommt gerade ein Projekt in Gang, das seine Anfänge im letzten Sommer nahm: die Kleberei. Weil es eine Schande wäre, das geschichtsbeladene Feldmühle-Areal in Rorschach bis zur Sanierung leerstehen zu lassen, hat der Kulturverein «nebelfrei» von Richard Lehner und Maria Schnellmann die riesige Industriehalle zwischen Pestalozzi- und Feldmühlestrasse im August und September 2019 für allerhand Kulturelles zwischengenutzt. Mit dem Schwerpunkt «Geschichte des Areals und seiner Arbeiter/ innen» veranstalteten sie Konzerte, zeigten die Fabrikgeschichte im Film, liessen Tänzerinnen im dreigeteilten Raum schweben, Literatur vorlesen und Politikinteressierte über Wohnen und Arbeiten im heutigen Rorschach diskutieren.

Sommer-Programm Kleberei Rorschach: 2. Juli bis 29. August

kleberei.ch

Dieses Jahr nutzt «nebelfrei» einen kleineren Raum zwischen. Früher wurden dort die Cellux-Klebebänder hergestellt, jetzt soll die Kultur eine Weile im knapp 140 Quadratmeter grossen Raum kleben. Musikalisch gestartet wird am 10. Juli mit zwei Frauen: Agnieszka Gorgon (Vocals/Piano) und Julia Herkert (Violine). Am 4. August lädt das Ostschweizer Jazz Kollektiv unter der Leitung von Claude Diallo zum Jam, abgeschlossen wird die Woche stilverwandt mit regionalem Blues, Funk und Soul von Groove Reaction, das sind Andy Leumann (Drums), Sebastian Lorenz (Guitar) und Lorenzo «Muki» Wilson (Bass/Vocals).

Ein Highlight dürfte der Gig von The Roman Games am 14. August werden. Für Ostschweizer Verhältnisse hatte es die Band um den Seebueb Roman Elsener ziemlich weit gebracht Mitte der 90er. Ihre Songs wurden am Schweizer Radio gespielt, das Fernsehen produzierte einige Videos. Dann zog Elsener von Rorschach nach New York. Konzerte von The Roman Games sind selten geworden. Wer an diesem Abend nicht kann, sollte sich darum den 31. Juli vormerken, dann spielen Elsener und seine Bandkollegen auf Einladung des Treppenhauses auf dem Kirchplatz in Rorschach.

The Roman Games 1995, v.l.n.r.: Roman Elsener, Peter Niedermaier, Fredy Stieger und Oli Rohner.

Weiter im klebrigen Seesommer: Am 21. August laden Roman Rutishauser (Piano/Vocals), Paul Mattle (Saxophon) und Rolf Preisig (Bass) zum Italienischen Abend, zwei Tage später tritt das Barockorchester Il Prete Rosso auf und am 28. August – in Zusammenarbeit mit «Rorschach kocht» – sind Töbi Tobler (Hackbrett) und Patrik Sommer (Bass) zu Gast.

Zum Schluss gibt es noch einmal hohen Pop-Besuch auf der Kleberei-Bühne: Dachs spielen am 29. August. Beat Breu haben sie diesmal vermutlich nicht im Schlepptau, aber vielleicht wagt sich sein Kollege Niki Rüttimann in die Niederungen. Der ehemalige Radsport-Profi aus Untereggen hat es ja nicht weit.

Frauenfeld: Americana und Mani Matter

Wir bleiben am See, zumindest in der Nähe, denn bald wird auch das «Sommerloch» im Frauenfelder Eisenwerk wieder zelebriert. Vom 6. bis 22. August findet dort jeweils von Donnerstag bis Samstag ein Garten-Konzert statt. Das vollständige Programm war bei Redaktionsschluss für dieses Heft noch nicht bekannt, aber die Programmgruppe hat doch schon einiges auf den Weg gebracht.

Sommerloch im Eisenwerk Frauenfeld: 6. bis 22. August

eisenwerk.ch

Den Auftakt am 7. August macht Ueli Schmezer mit seiner Mani-Matter-Coverband. Darauf folgt eine von Blues und Americana geprägte Woche: Am 13. August serviert Gigi Moto ihren rohen, bluesigen Soul, tags darauf sind Suzie Candell & The Screwdrivers zu Gast, «die vielversprechendste Americana-Band der Schweiz», wie es in der Ankündigung heisst, und am 15. August zaubern Pink Pedrazzi & The Big Easy schönen Töne aus dem Zylinder.

1993 gaben Gigi Moto ihr erstes Konzert.

In der letzten August-Woche dürfte der Garten nochmals ziemlich voll werden, wenn die kongolesisch-schweizerische Sängerin Nicole Herzog und der Berner Pianist Stewy von Wattenwyl auf der Bühne stehen. Die beiden konspirieren seit Jahren musikalisch zusammen und präsentieren am 26. August «Lieder aus dem Great American Songbook». Herzog ist im Thurgau aufgewachsen und lebt heute in Dänemark, hat aber immer noch eine grosse Fangemeinde im Kanton der Öpfelköniginnen. Darum: frühzeitig Tickets holen bei Frauenfeld Tourismus.

Feldkirch: Alles bleibt anders

Schräg rüber ins umtriebige Vorarlberg. «Nischen entdecken, Weltstars hautnah erleben!» So lautet jährlich das Motto des Poolbar-Festivals in Feldkirch. Heuer findet es vom 23. Juli bis 30. August jeweils von Mittwoch bis Sonntag statt.

Die grossen Konzerte im Alten Hallenbad müssen zwar noch warten, aber die Krise wird «als besondere Herausforderung verstanden, als Möglichkeit, die Vielseitigkeit des Festivals zu zeigen und als Chance, seine Stärken nicht nur sichtbar zu machen, sondern aktiv einzusetzen», wie das OK schreibt. Das Festival erfindet sich jedes Jahr neu – in diesem besonders. Es bleibt also alles anders.

Poolbar-Festival Feldkirch:
23. Juli bis 30. August

poolbar.at

Der Reichenfeldpark, der das Alte Hallenbad umgibt, ist seit Jahren ein Hingucker und wird rund um das Festival rege genutzt und gestaltet. In diesem Sommer spielt er die Hauptrolle. Die Konzepte für den Park, die jeweils im Frühling im sogenannten Poolbar-Generator, dem Labor für Festivaldesign in Bregenz und Wien extra für das Festival erarbeitet wurden, gehen auch dieses Jahr auf: Freut euch auf Architektur, Grafik, Produktdesign, Visuals, Street Art und Public Art en masse. Und natürlich auf Konzerte.

Geplant sind Freibadkonzerte lokaler und nationaler Bands sowie sonntägliche Jazz-Frühstücke mit anschliessenden DJ-Sets. Allerwärmstens zu empfehlen ist das Konzert des österreichischen Soul/R’n’B-Wunders Lou Asril, kaum 20, aber schon ein Standing wie die ganz Grossen. Sky is the limit.

Lou Asril.

Ebenfalls eine Reise wert sind Oehl und Manu Delago. Oehl, das sind der Wiener Liedermacher Ari Oehl und der isländische Multiinstrumentalist Hjörtur Hjörleifsson. Eine lohnende Mischung aus Musik, Literatur und Kunst. Wer es lieber ohne Stimme mag, dürfte bei Manu Delago, dem aus Tirol stammenden Hangspieler und YouTube-Click-Millionär bestens aufgehoben sein.

Und wer auf reinste Stimmakrobatik ohne musikalischen Schnickschnack steht, sollte sich unbedingt das Wiener Duo Maschek geben, bekannt aus «Willkommen Österreich» – eine Wucht, dafür bürge ich. Lachmuskelkater garantiert. Ein ziemlich männliches Lineup bisher, aber auch in Feldkirch war das definitive Programm bei Redaktionsschluss Mitte Juni noch in der Mache. Kann also noch werden.

St.Gallen: Kulturfestival-Light

Auch das Kulturfestival musste coronabedingt umdisponieren. «Das Line-Up ist uns völlig auseinandergefallen, auch weil viele internationale Acts gar nicht nach Europa oder in die Schweiz einreisen dürfen», sagte Organisator Lukas Hofstetter Ende Mai zu Saiten.

Jetzt beweisen er und sein Team, dass es für einmal auch ohne eingeflogene Acts geht, weil die erweiterte Ostschweiz musikalisch doch einiges zu bieten hat. Das Programm liest sich wie ein Klassentreffen der strebsamsten Ost-Jahrgänge. Oder wie die Standortförderung sagen würde: Sankt Naheliegend.

Kulturfestival St.Gallen «light»:
26. Juni bis 18. Juli

kulturfestival.ch

Eröffnet wurde das «Kulturfestival-Light» letzten Freitag von Dachs und Simon Hotz, gefolgt von einem technoiden Samstag mit Manuel Moreno, Törs, Soda und DJ Ela. In der ersten Woche im Museumsinnenhof: das Gangster-Plastic-Space-Pop-Power-Frauen-Duo Ikan Hyu mit Support von Femi Luna, das Klezmer-Kollektiv Pätschwerk, Trash Percussion mit Bubble Beatz, Irish Rock vom Saint City Orchestra und Dream-Poppiges von Mischgewebe mit Support von We Are Ava.

Die zweite Woche startet gemütlich, mit Soul, Funk und Reggae von William White. Am Mittwoch stürmen dann die Rapper der Jas Crw und DJ The Dawn die Bühne, zur Beruhigung gibt es tags darauf ein Poetry Slam-Intermezzo, bevor es dann elektronisch ins Wochenende geht: Klangforscher, Pa-Tee und Farbenklang werden dem Publikum wie gewohnt ordentlich einheizen.

Wer am Samstag trotzdem früh aufstehen mag (oder Kinder und darum keine Wahl hat), kann sich mit Marius und seiner Jagdkapelle vergnügen, der «schrägsten und lustigsten Kinderpopband der Schweiz». Oder erst am Abend aufschlagen, wenn uns Crimer mit seinem 80er-Wave dieses verflixte 2020 für eine Weile vergessen lässt.

Crimer spielt am 11. Juli am Kulturfestival.

Woche drei startet mit harten Riffs. Owen Kane und Tüchel gehören zwar nicht mehr gerade zu den Jungspunden, lassen uns aber trotzdem alt aussehen, spätestens am andern Tag. Am Mittwoch geht es dann ruhiger weiter mit bandXost-Gewinnerin 2018 Riana und den sympa Porschten von Fraine.

Tags darauf zeigt Manuel Stahlberger sein drittes Soloprogramm Eigener Schatten, und dann geht es auf ins Abschlusswochenende: Am Freitag geben sich die Velvet Two Stripes wiedermal die Ehre, sekundiert von Obacht Obacht, und den Abschluss dieses sehr lokalen Kulturfestivals 2020 am Samstag machen Panda Lux und der Rapper Megan samt Band.

Schaffhausen: Akustik-Terrasse 2020

Zum Schluss nochmal schräg rüber an die andere Grenze. «Schnabulieren, Trinken, Live-Musik», so das Motto im Kammgarn Schaffhausen, bereits seit Anfang Juni.

Akustik-Terrasse Kammgarn Schaffhausen: bis 27. August

kammgarn.ch

Die Betreiberinnen des hübschen Ladens freuen sich sehr, dass der Kammgarn-Sommer 2020 nicht gänzlich gestrichen ist, und haben «das Who-Is-Who der jungen Schweizer Pop-Musik- szene» eingeladen, wie sie in der Ankündigung schreiben. Dazu gehören unter anderem: Meimuna (9. Juli), DAENS (23. Juli), Bandit Voyage (13. August), Little Fellow (20. August), Brainchild (27. August) und – natürlich – schon wieder Dachs (30. Juli).

Auch wenn der Musik-Sommer dieses Jahr schmal ausfällt und wir auf den krassen Scheiss aus Übersee und sonstwo noch warten müssen, so hat er doch auch sein Gutes: Der CO2-Abdruck hält sich einigermassen in Grenzen. Sorry. Irgendwie muss man sichs ja schönreden.

Meimuna spielt am 9. Juli im Kammgarn

 

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