, 25. Juni 2019
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Schubert: Wo die Zeit stillsteht

Liederabende sind in den Konzertsälen rar. An der Schubertiade im Vorarlberg dagegen sind sie, zusammen mit anderer Kammermusik, das Herz des Festivals. Am Auftakt des Juni-Zyklus‘ stand Schuberts vermächtnisartiges Streichquintett.

Kurz vor Konzertbeginn postiert sich das Hornduo (diesmal sind es Hornistinnen in Tracht) auf der Wiese vor dem Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg und bläst die immergleichen kurzen Duette. Zum Pausenschluss wiederholt sich das hornende Ritual, das seit Schubertiade-Gedenken dasselbe ist. Auch dass die Sonne scheint, gehört schon fast selbstverständlich zum Konzertbesuch im Bregenzerwald.

Das Schubertiade-Volk vor dem Konzert im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg – begrüsst vom Hornduo.

Drinnen ist beim Auftaktkonzert des diesjährigen Junizyklus’ des Festivals dann aber alle Routine wie weggeblasen. Stattdessen: Hochspannung bis zum Atemanhalten, Ensemblespiel auf höchstem Niveau, eine Hörschulung von seltener Perfektion, geboten von Vera Martinez Mehner und Abel Tomàs Realp (Violinen), Jonathan Brown (Viola) und Arnau Tomàs Realp (Cello).

Schuberts «tönendes Mysterium»

Das in Barcelona beheimatete Cuarteto Casals, 1997 gegründet, Kulturbotschafter Kataloniens und regelmässiger Gast an der Schubertiade, spielt vor der Pause zwei klangmalerische Quartette der Wiener Klassik. Das «Vogel-Quartett» aus den sechs Quartetten op.33 von Joseph Haydn, ein gewitztes Spiel mit Zwitschermotiven, zeigt Haydn auf der Höhe seiner heiteren Kunst. Mit ebenfalls sechs Quartetten knüpfte Mozart ein Jahr später, 1782, an die Gattung an; sein «Jagd-Quartett» KV 458 wirkt musikalisch aber für einmal konventioneller als das Haydn’sche Vorbild. Das Cuarteto Casals ist mit dem zupackenden Abel Tomàs an der ersten Geige mit gelöster Souveränität und lustvollem Zusammenspiel am Werk.

Nach der Pause übernimmt Vera Martinez Mehner das erste Pult, als zweiter Cellist stösst Clemens Hagen hinzu. Gespielt wird das Stück, das allein immer wieder die Landpartie nach Schwarzenberg lohnen würde: Schuberts Streichquintett C-Dur (D 956), zwei Monate vor seinem Tod 1828 vollendet, ein «tönendes Mysterium», beliebt auch als Filmmusik insbesondere dank seinem zweiten Satz, dem Adagio, in dem die Zeit stehen zu bleiben scheint.

Geigerin und Gastcellist werfen sich die stockenden Fragmente zu, wagen den von den Mittelstimmen grundierten Dialog, der immer wieder ins Unsagbare zu versiegen droht – bis zum gewalttätigen Ausbruch des Mittelteils. Hier und im ganzen, rund 50minütigen Stück führen die fünf Musiker ein so konzentriert wie entspannt wirkendes Gespräch, spinnen ihr musikalisches Netz, das noch lange über den Konzertschluss hinaus nachbebt – und hält.

Vom Aussterben bedroht?

Quartettkunst bietet auch das weitere Schubertiade-Programm dieser Woche, mit dem ehrwürdigen Hagen Quartett oder dem jungen polnischen Apollon Musagète Quartett, daneben Liederabende: André Schuen (mit Schuberts «Schwanengesang»), Elisabeth Kulman, Matthias Goerne, begleitet von Harfenistin Sarah Christ, oder Brahms’ «Liebesliederwalzer» mit einer solistischen Traumbesetzung. Hinzu kommt ein Klavierrezital von Till Fellner, ein Musikgespräch mit Alfred Brendel oder der Meisterkurs von Sir Andras Schiff, der das Programm am Sonntag mit einer Matinée abschliesst und am Freitag einen Liederabend mit acht Sängern und Schuberts Männerchören leitet.

2017 stand in der FAZ: «Die Prognose ist schlecht. Es heisst, der Liederabend sei vom Aussterben bedroht, wie Kaiserpinguin und Buckelwal. Überhaupt soll es heute nur noch zwei Inseln auf der Welt geben, zwei romantische Exklaven, in denen rund ums Jahr herum das Kunstlied blüht. Die eine Insel liegt ihrerseits auf einer Insel, der britischen nämlich, in Wigmore Hall, London. Die andere findet man in Vorarlberg in Österreich, bei den Schubertiaden.»

Ähnlich zitierte die NZZ Publikumsstimmen, die sagten, «die Schubertiade entschädige sie auf höchstem Niveau für all die Liederabende und Kammermusikkonzerte, die bei ihnen zu Hause in den Städten abgebaut worden seien».

In der Tat sind die Schubertiaden-Konzerte teils Monate im voraus ausverkauft – für die laufende Woche sind gemäss Auskunft der Pressestelle bis auf wenige Ausnahmen noch Restkarten verfügbar. Die restlos ausverkauften Ausnahmen sind die Konzerte mit Andras Schiff oder jenes des Hagen-Quartetts mit Schuberts populären Quartetten «Rosamunde» und «Der Tod und das Mädchen».

Erfolgsrezept: Neuerungsresistenz

Von Krise keine Spur, das Festival-Rezept funktioniert, und dies vermutlich gerade deshalb, weil es auf eine schon fast wieder avantgardistische Art neuerungsresistent ist. Die Musik steht für sich selber, unplugged und ohne alles Beigemüse, ohne Video-Begleitung oder Moderation, ohne originelle Locations oder sonstige Extras.

Schubertiade Schwarzenberg: bis 30. Juni und 24. August bis 1. September 2019

Schubertiade Hohenems: 20. September bis 9. Oktober 2019

Programm 2020: schubertiade.at

Mit fünf Spielzeiten in Hohenems (April bis Oktober) und zwei in Schwarzenberg (Juni und August/September) ist die Schubertiade zum sommerlichen Dauer-Festival geworden. Das Publikum ist mehrheitlich im Pensionsalter, aber es erneuert sich offensichtlich dennoch über die Jahrzehnte, in denen das 1976 von Hermann Prey gegründete Festival existiert. Studierende bis zum 26. Lebensjahr erhalten für ausgewählte Veranstaltungen Jugendtickets für 7 Euro – diese Woche ist es der Liederabend der experimentierfreudigen österreichischen Sängerin Elisabeth Kulman am Mittwoch.

Am Auftaktkonzert des Cuarteto Casals gab es trotz strapaziösem Konzertprogramm eine Zugabe, von der Geigerin angekündigt als ein kleines Stück, das alle kennen würden: Boccherinis Menuett. So war es denn auch, es ist beinah das Gesetz der Schubertiade: Man kennt jeden Ton und hört doch jeden Ton neu.

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