, 26. September 2014
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Schulqualität verlangt Quartierqualität

Es wird wieder diskutiert an der erfreulichen Universität im Palace. Eine der wichtigsten Lektionen dieser Woche war vermutlich jene über den Zusammenhang von Schule und Stadtentwicklung am Dienstag.

«Gute Stadtentwicklung ist auch ein Standortfaktor. Ich bin absolut der Meinung, dass die öffentliche Hand ihre Verantwortung wahrnehmen muss», sagt Markus Buschor im Palace. Eine Stadt habe das Recht, Investoren willkommen zu heissen, sie müsse ihre Anliegen aber vertreten. «Man darf keine Ängste haben, dass sie nur dann kommen, wenn ihnen freie Hand gelassen wird. Eine Stadt darf ruhig sagen: So und so können wir uns das allenfalls vorstellen – und sonst suchen wir weiter.»

Mit derart klaren Worten aus dem Mund eines Stadtrates hat wohl niemand gerechnet am Dienstag, denn eigentlich ist die städtische Schulpolitik das Thema der Veranstaltung. Der Palace-Saal ist gut gefüllt, im Publikum sitzen viele aus dem Bildungsbereich, das «Stadtgespräch» vorne führen zwei Väter: Architekt und Stadtrat Markus Buschor, seit zwanzig Monaten Leiter der Direktion Schule und Sport, vis-à-vis sitzt der Publizist und Lehrer Rolf Bossart.

Von den Schulhäusern zur Baupolitik

Die Diskussion ist angeregt, Erkenntnisgewinn und Wortmeldungen dieser «erfreulichen Universität» übertreffen jene regulärer Vorlesungen. Es geht vom Schulhaus Rotmonten übers Wirelessnetz zu den Talschulhäusern und weiter in die städtischen Lehrer- und Schulzimmer mit ihren Fremdsprachen, Tablets und Grippeviren – müsste man bei diesen Themen einen gemeinsamen Nenner finden, es wäre wohl der Wandel. Wie man von der Schul- schliesslich zur Baupolitik kommt? Hier die Kurzversion:

Das Projekt «Oberstufe 2020» soll helfen beim Wandel, erklärt Buschor zu Beginn, da es dort am ehesten Defizite gebe. Die Stadt strebe damit ein integratives Schulmodell an – ohne die Trennung von Sek- und Realschule, wie vom Kanton nach wie vor gepflegt. Man wolle diese beinahe Stigmatisierung aufheben, deshalb soll es künftig gemischte Oberstufenzentren geben. «Wir verstecken uns derzeit noch hinter separativen und unzeitgemässen Modellen», sagt er.

Reale und andere Distanzen überwinden

So weit so gut, aber neben der vermeintlich intellektuellen müssen auch noch soziale und kulturelle Distanzen überwunden werden. In der Flade-Frage zum Beispiel, aber auch zwischen den Berg- und Talschulhäusern. Dazu hat die Stadt verschiedene Hebel. Offene Jugendarbeit etwa, oder ein Förderkonzept, nachdem die städtischen Gelder seit einigen Jahren über soziodemografische Kriterien verteilt werden. Flexiblere Einzugsgebiete sollen zusätzlich für eine bessere Durchmischung sorgen.

Ansonsten habe man wenig Hebel, sagt Buschor. Aber Heterogenität beginne ohnehin in den Quartieren – diese müssten durchmischter sein. Damit sagt er eigentlich nichts anderes als die US-amerikanischen Soziologen Saskia Sassen und Richard Sennett tags darauf im Interview mit Radio SRF 2 Kultur. «Durchmischung ist eine Frage des physisches Designs einer Stadt», so Sennett. Besonders Orte wie Schulen seien wichtig für das Zusammentreffen verschiedener Gesellschaftsgruppen.

Mit rein baulichen Massnahmen sei Vielfalt leider «unglaublich schwer» zu erzeugen, bedauert Buschor im Palace und verweist auf die Überbauung beim Engelwies-Schulhaus. Dort seien faktisch gar keine Familienwohnungen geplant. Oft liege das Problem bei den Investoren, sagt er. «Ihnen gegenüber ist man sehr eingeschränkt, was Auflagen angeht – obwohl solche Projekte die Heterogenität in den Quartieren fördern würden.»

Verhandeln statt hofieren

«Gibt es Investoren gegenüber denn Ängste im Stadtrat?», hakt Bossart nach. Buschor weicht aus. Man habe vielleicht ein wenig das Gefühl, dass man sie hofieren müsse. Vermutlich fehle es aber auch noch am Verständnis – «einerseits für den Wert, den qualitativ gute Entwicklungen und Investitionen für eine Stadt haben können, andererseits für das Recht, diese Dinge auch einzufordern und nicht nur stur der Bauordnung zu folgen.»

Diese Forderung kommt spät angesichts der Diskussionen um Klubhaus und Bahnhof Nord – zumal Doris Königer und Gallus Hufenus nur Stunden zuvor die Motion «Neustart Bahnhof Nord» eingereicht haben. Sie wurde von über 30 Parlamentsmitgliedern unterzeichnet. Fraglich ist auch, ob das nahegelegene Schulhaus St.Leonhard, über dessen Gesamterneuerung am Wochenende abgestimmt wird, wirklich zu einem Begegnungsort werden kann, wenn es mehr oder weniger inmitten von Geschäftshäusern steht – oder vielleicht gerade weil?

 

Weitere Anlässe der erfreulichen Universität:
Dienstag, 7. Oktober, 20.15 Uhr: Theodor W. Adorno – «Kulturindustrie»
Dienstag, 14. Oktober, 20.15 Uhr: Eric J. Hobsbawm – «Die Künste 1914 – 45»
Dienstag, 21. Oktober, 20.15 Uhr: Herbert Marcuse – «Über den affirmativen Charakter der Kultur»

 

Das Banner zum erfreulichen Herbstsemester 2024/15 stammt übrigens von der Künstlerin Cosima von Bonin:

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