, 5. Februar 2016
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Schwarzer Mann (auf weissem Grund) im roten Kreis

Ein Verbotsschild zeigt exemplarisch zwei Probleme dieses Landes: die pathologische Angst vor Eindringlingen und die Hegemonie des Eigentums. von Roman Rutz

Zwischen der Teufenerstrasse und dem Tal der Demut gibt es einen Weg. Er eignet sich vorzüglich für Spaziergänge. Jenen Weg pflegt man zu nehmen, wenn man Fussball spielen geht, den Bus verpasst (oder das Ticket nicht bezahlen kann) und knapp dran ist. Jener Weg ermöglicht es einem auch, noch eine Zigarette – kurz vor dem Fussballspielen – zu rauchen.

Selbstverständlich kann man sich fragen, ob das Rauchen einer Zigarette kurz vor dem Sport gesundheitstechnisch Sinn ergibt, doch darum soll es hier nicht gehen. Jener Weg nämlich ist privat. Neulich auch offiziell gekennzeichnet. Mit einem in unseren Breitengraden sehr beliebten Schild.

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Natürlich kann man mir Kleinbürgerlichkeit vorwerfen, denn es gibt es wahrlich andere Probleme auf der Welt als eine Privatstrasse – und das ist genau der Punkt. Andere, wichtigere Probleme die sich an ebendiesem Schild exemplarisch aufzeigen lassen: die pathologische Angst vor Eindringlingen und die Hegemonie des Eigentums in unserem Land.

Wie kommt man auf die Idee, einen Weg für seine Mitbürger*innen zu sperren? Woher kommen die Gesetze, die so etwas überhaupt zulassen? Ist es nicht langsam an der Zeit, solche Gesetze zu überdenken?

Eigentlich sind das gar nicht die spannenden Fragen. Spannender wäre es darüber zu diskutieren, wie man sich gegen diesen schweizerischen Unsinn wehren kann. Wie man teilen lernt! Und dabei – um richtig verstanden zu werden – geht es nicht darum, so hippiemässig alles zu teilen.

Meine Zahnbürste zum Beispiel gebe ich höchst ungern her (obwohl es auch schon vorgekommen ist. War gar nicht schlimm und ich trug auch keine Langzeitschäden davon) Aber ein «Wägli», dessen ursprünglicher Zweck es ja wohl war, Menschen den Weg von A nach B zu erleichtern, nicht mit ebendiesen Menschen teilen zu wollen, ist schlicht dämlich.

Während sich die Mumins an der Riviera über eine Privatpalme wundern und ich mich über eine Privatstrasse in St.Gallen ärgere, hat Rousseau schon viel früher Kritik am Eigentum geübt und es als Hauptursache für Ungleichheiten festgemacht. So schrieb er:

«Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‹Das ist mein› und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‹Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde keinem›.»

Verloren sind wir nach Rousseau also ohnehin schon. Was bleibt uns, wenn wir verloren sind? Zeit für Spaziergänge vielleicht…?

Mumins II

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