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Schwarzes Gold, schwarzes Gift

Eine Reise nach Frostburg, einer Stadt in den Appalachen, deren Geschichte eng mit der Kohleindustrie verflochten ist. von Miriam Rizvi
Von  Gastbeitrag
Die Main Street in Frostburg. (Bilder: Miriam Rizvi)

Wenn Sie jemals in Washington, D.C. sind, sollten Sie eine Fahrt in den Westen zu den Appalachen unternehmen, (nachdem Sie das Smithsonian-Institut besucht und den Nationalpark entlang gegangen sind). Steigen Sie in ein Auto, in wenigen Stunden befinden Sie sich in West-Maryland. Dort befindet sich auch der Bezirk Alleghany, der Ort meiner Kindheit.

Ich wurde in Cumberland, MD, im Sacred Heart Hospital geboren, einem katholischen Krankenhaus, das später geschlossen wurde, da alle drei kleinen Bezirkskrankenhäuser zu einem grossen Gesundheitszentrum zusammengefasst wurden. Aber hier soll es nicht um die hitzigen Diskussionen und die endlose Geschichte des US-amerikanischen Gesundheitssystems gehen. Wir konzentrieren uns auf eine andere wichtige Akteurin im Bezirk Alleghany: Kohle.

Allein in Frostburg, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, hatten wir im goldenen Zeitalter zwölf Kohlebergwerke der Industrie. Frostburg wurde direkt auf einem Netzwerk von verlassenen Minen erbaut. Unter den meisten Häusern in Frostburg findet man Tunnels, die geschlossen und vergessen sind.

Wenn Sie eine Wanderung in die bewaldeten Berge rund um die Stadt machen, können Sie überall sogenannte Sinkholes finden, die von einem Absperrband umgeben sind. Ein Sinkhole kommt häufig vor in den Appalachen: ein Punkt über einem (häufig) eingestürzten verlassenen Tunnel, der im Boden versinkt und einen instabilen Krater zurücklässt.

Die Geschichte Frostburgs ist mit dem schwarzen Gold eng verflochten oder wie andere sagen: mit dem schwarzen Gift. Die Kohleindustrie ist die treibende Kraft der Stadt, prägt sie wirtschaftlich und ist auch Teil der lokalen Identität. Die High-School-Fussballmannschaft zum Beispiel heisst Frostburg Miners, eine Hommage an die Bergleute.

Heute beherbergt Frostburg noch drei aktive Kohlebergwerke, von denen eines vorübergehend stillgelegt ist. Als ich noch in der Stadt lebte, waren es vier. Eines war direkt gegenüber unserer Veranda auf einem Berggipfel. Es war eine Bergmine und somit eine der zerstörerischsten Arten, den Bergen ihren Reichtum zu nehmen. Diese Methode schädigt die Appalachen – eines der ältesten Gebirge der Welt – nicht nur, sondern sie zerstört sie vollständig. Durch den Abbau auf der abgerundeten Bergspitze und das Graben im Inneren ruiniert eine Bergmine den ganzen Berg.

Die Kohlemine gegenüber Miriam Rizvis ehemaligem Haus.

Mit der Technik des Surface Mining werden Kohleflöze gewonnen, indem «überschüssiger» Boden entfernt wird, um Zugang zur profitablen Ressource zu erhalten. Der Überschuss – der Berggipfel oder in anderen Fällen der gesamte Grat – wird oft in nahegelegene, tiefere Täler geworfen.

Nachdem der Berg seines Reichtums beraubt ist, wird ein Teil der Abraumhalde wieder auf die Mine abgekippt. Ein Versuch, einen Teil der entstandenen Schäden zu beheben. Aber niemand kann einen über Jahrmillionen gewachsenen Berg wiederaufbauen.

Der Abbau erfolgt mit Sprengstoff, den sie in den frühen Morgenstunden (ca. 4 Uhr) zünden. Wir hatten oft Nachrichten im Briefkasten, die uns wissen liessen, dass wir in der Nacht mit einer lauten Explosion rechnen sollten, so dass wir keine Angst haben mussten.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich als Kind nachts aufgeschreckt bin, weil meine Eltern mir nichts von den Sprengungen erzählten. Ich dachte immer, es habe ein Erdbeben gegeben. Diese regelmässigen nächtlichen Explosionen gehörten mit zu den unangenehmsten Auswirkungen des Kohlebergbaus auf unsere Gemeinde.

Die Berggipfel verschwinden: Surface Mining in Frostburg.

Beim Sprengen gelangt Kohle und Schmutz in die Luft, die gesamte Stadt wird mit einer glatten Staubschicht bedeckt. Beim Waschen der Fenster, einer Arbeit, mit der meine Schwester und ich oft beauftragt wurden, kämpften wir jedes Mal mit unendlichen Kohlenstaubschichten. Mit unseren Fingern zeichneten wir oft Dinge auf die dreckigen Fensterscheiben, bevor wir sie sauber wischten.

Der Staub wurde von der Mine zu unserem Haus getragen und – viel alarmierender – in die Lunge. Black Lung nannte man das früher: eine Krankheit, die viele Bergleute und die Bevölkerung eines Grossteils der Appalachen heimgesucht hat. Der Staub dringt in die Körper der Bergleute ein und verteilt schwarzen Schmutz in den Atemwegen.

Zu den ersten Symptomen gehört starker Husten, der zu einer allgemeinen Schwäche führt, vergleichbar mit der Wirkung des Kettenrauchens. Die Black Lung Disease hat einen Grossteil der Arbeiterklasse der Appalachen geschwächt. Heute ist die Krankheit durch staatliche Massnahmen und ein erhöhtes Bewusstsein zwar seltener geworden, aber die Auswirkungen des Kohlenstaubs sind immer noch zu spüren.

Ich verliess Frostburg vor fünf Jahren und während meiner Abwesenheit lernte ich den Ort am besten kennen. Abseits zu sein und aus der Ferne zu beobachten, wie sich die Heimatstadt entwickelt, schafft eine Verbindung. Meine Mutter, meine Schwester und ich versuchen immer, die Ereignisse in der Stadt zu verfolgen.

Vor einigen Jahren wollte Shell beispielsweise in dem Gebiet Fracking betreiben und so die Wasserversorgung gefährden. Das Volk lehnte sich dagegen auf – und kürzlich wurde meine alte Schreiblehrerin in den Stadtrat als Energiechefin gewählt. Als ich sie diesen Sommer besuchte, erzählte sie mir begeistert von den Plänen zum Bau einer Windfarm in der Region.

Ich habe drei Wochen im Alleghany County verbracht, bei alten Freundinnen und Bekannten gewohnt und all die Orte besucht, die ich von früher noch in Erinnerung hatte. Einige haben nicht überlebt, auch der Berggipfel gegenüber von unserem alten Haus ist weg – die Mine ist verlassen. Das macht mich traurig.

Zum Glück gab es auch kleine Flammen der Hoffnung. Ich kann zum Beispiel kaum beschreiben, wie begeistert ich war, als ich ein Poster für eine Gay-Pride-Parade in der Nachbarstadt entdeckte – in einem rein republikanischen County.

Miriam Rizvi, 2001, ist im dritten Jahr an der Kantonsschule am Burggraben St.Gallen, Juso-Nationalratskandidatin (Liste 3b) und Mitglied des Kollektivs Klimastreik Ostschweiz.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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