«Ich weile gern, wo Ernst mit Scherz sich glücklich paart»: Das ist der letzte Satz in diesem Stück, ein Kanon von Joseph Haydn, gesungen im Verschwinden, oben auf der Kulissenwand. Ernst und Scherz paaren sich in Vrenelis Gärtli in knapp eineinhalb turbulenten Stunden tatsächlich immer wieder.
Und die Musik hat das erste und letzte Wort, sie walzert schon bevor das Publikum im Saal ist. Wie bei Hamlet, wo Marcello Wick als Sänger die Fäden zog, wie bei der Hamlet-Collage in der Lokremise mit Andi Peter als Multi-Musiker, sind es hier die beiden exzellenten Streicher Mathias Weibel (Geige) und Anna Trauffer (Kontrabass), die streichen, singen, perkussionieren, donnern und jodeln. Und mit ins Spiel eingreifen.
Die Musik ist der Motor
Das ist offensichtlich Teil der Knecht’schen Ästhetik: Musik nicht als Illustration oder Dekoration, sondern als gleichwertige Stimme neben dem Text. Mehr als das: Die Musik ist die eigentliche Verzauberungskraft. So hext die Musik, zusammen mit Lichtregie und irrwitziger Wandtrommlerei, ein gewaltiges Gewitter auf die Bühne. Ein andermal bläst die Berglertruppe auf Trinkflaschen einen uuchoge schönen Choral. Und noch ein andermal irrlichtert von Geige und Bass her ein verwehtes Motiv aus Schuberts Der Tod und das Mädchen über die Bühne.
Vrenelis Gärtli: 4. Dezember (14.30 und 19.30 Uhr), 12., 21. Dezember, 24. und 29. Januar
Das Schweigen der Schweiz: Premiere 15. Dezember
Durcheinandertal: Premiere 6. Januar
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Mittendrin in diesem klingenden Verwandlungszauber: Vreneli oder Vriine, die lieber ein Füchsli als ein Mäntsch sein will. Die kaum geboren schon herumchroslet und der im Glarnerschlitz alles zu eng ist, wie schon ihrer Mutter, dem Maarteli. Und die beim wildzottligen Bersiäneli in die Kunst des Hexens eingeführt wird.
Bis zur höchsten Stufe, dem Sachen-Zaubern, geht alles gut. Nur die verstorbene Mutter ist nicht mehr lebendig zu machen: Tot bleibt tot, da hilft kein Zaubern, auch am Ende nicht, wenn der Tod, wetterfest ausgerüstet mit Skistöcken und Norwegerpulli, das Vreneli abholt. Zum Glück lässt oben im Himmel der leicht angestaubte Herr Gott mit sich dealen.
Eine Schweiz, die ausschliesst
Es ist eine mittelalterliche Welt, die Autor Tim Krohn und Regisseur Jonas Knecht im Vrenelis Gärtli entwerfen. Es geht um Magie, schwarze und weisse, und es geht um Schuld. Es geht um eine Gesellschaft, in der sich schuldig macht, wer seinen eigenen Weg geht wie der Fessisbauer und das Vreneli. Wo einer rasch der Hexerei verdächtigt wird, wenn seine Kühe feister sind als die der Talbauern. Wo kein Platz ist für eine junge Frau, die es mehr mit den Gemsen als mit den Menschen hat.
Was diese magische Welt heute zu bedeuten haben könnte, bleibt allerdings vage. Was uns Regisseur Knecht und Dramaturgin Anita Augustin mit ihrer raffinierten Bühnenfassung des Romans sagen wollen, ist am Ende weniger ein Diskurs um Schuld und Sühne – dieser ernste Kern des Stoffs wird eher verklamaukt, der Hexer ist einem billigen Horrorfilm entsprungen, der Gott ein schussliger älterer Herr. Vielmehr geht es allem voran um die Verzauberungskraft des Theaters.
Die vier Spieler, Eleni Haupt, Anja Tobler, Matthias Flückiger und Mathis Künzler schlüpfen von einer Rolle in die nächste, stürzen sich mit vollem Körpereinsatz ins Berglerleben, klettern und jodeln und tanzen, gröölen und bislen sich durch den Stoff und den noch immer unübertroffenen Kunst-Dialekt, den Autor Tim Krohn für seine Glarner Heimatsaga und seine Quatemberkinder erfunden hat.
Vrenelis Gärtli, von Jonas Knecht für das freie Theater Konstellationen entwickelt und seit der Uraufführung 2010 in Chur vielerorts in kleineren Räumen gespielt, behält auch auf der grossen Bühne des Theaters St.Gallen seinen Zauber. Sechs Vorstellungen werden bis Ende Januar noch gespielt, zwei davon heute.
Theater als Gegenmacht
Nach der Hamlet-Trilogie, dem Kriegsmonolog Am Boden und Vrenelis Gärtli geht es in zehn Tagen mit der Schauspiel-Intendanz von Jonas Knecht definitiv zur Sache. Unter dem Titel Das Schweigen der Schweiz kommen fünf Kurzstücke zur Uraufführung, allesamt für diesen Anlass und zur Lage der Nation geschrieben. Mit dabei sind hochgelobte jüngere Bühnenstimmen: die bosnisch-zürcherische Autorin Danijela Janjic, Sabine Harbeke, Maxi Obexer, der Rheintaler Philipp Heule, der in der letzten Spielzeit Hausautor am Theater Basel war, sowie Andreas Sauter. Im Programmheft «Terzett» wird das Projekt als «Paukenschlag» angekündigt, mit dem Anspruch, St.Gallen als Autorinnen- und Autorentheater zu etablieren, das sich der Gegenwart stellt.
Theater sei ein Ort des Widerstands, «gegen die Hysterie und die Aufgebrachtheit, wie sie Politiker, Medien, der Mainstream verbreiten, bis sie zum Common Sense gehören», sagt Maxi Obexer. Dabei gebe es, «meist im Untergrund tätig», eine starke Zivilgesellschaft von Leuten, die sich entschieden hätten, menschlich zu denken und zu handeln. Ihr Stück heisst denn auch so: Im Schweizer Untergrund.
Philipp Heule packt das Thema gemäss Ankündigung sportlich an, mit Tennis. Nation. Danijela Janjic nimmt es umso politischer. Die Gesellschaft brauche Räume, die unabhängig von machtpolitischen Interessen der Herrschenden sind. Ein solcher Raum sei das Theater, sagt sie, die sich selber mit einer ironischen Nuance als «Autorin mit Hintergrund» bezeichnet. Sabine Harbeke beschreibt in kalter hund eine Gemeindeversammlung und verspricht einen «rasanten Galopp durch das Selbstverständnis der Schweiz», sagt die Autorin.
Andreas Sauter schliesslich hat Parat. Nienedmeh isch nüd geschrieben. Sauter war 2007 Co-Autor der «10 Wünsche für ein künftiges Autorentheater», in denen gegen «Uraufführungswahn und Frischfleischsucht» und für eine sorgsame Autorenpflege plädiert wird. Sauter hat das Schweigen-Projekt mit Schauspieldirektor Jonas Knecht entwickelt. In «Terzett» kritisiert Sauter an der Schweiz «das ganze Aushocken. Abwarten, Abschotten. Das im stillen Kämmerlein seine Geschäfte machen, aber möglichst niemanden daran teilhaben lassen.»
Premiere von Das Schweigen der Schweiz ist am 15. Dezember in der Lokremise. Drei Wochen später folgt der nächste helvetische «Paukenschlag»: Friedrich Dürrenmatts letzter Roman Durcheinandertal erstmals auf der Bühne.
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