, 28. Oktober 2019
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Schweizer Sklavereigeschichte in der Karibik

Was ein Historiker aus einem kleinen, weissen, unschuldigen, neutralen, alpinen Binnenland, das 700 Kilometer vom nächsten Atlantikhafen entfernt ist, an einer Konferenz auf der Antilleninsel Antigua über die Wiedergutmachung der karibischen Sklaverei macht. von Hans Fässler

Historikerinnen der University of the West Indies (Jamaika): Kathleen Monteith (Department of History & Archaeology) und Verene A. Shepherd (Centre for Reparations Research). (Bilder: Hans Fässler)

2013 hat die CARICOM, die Gemeinschaft von 14 Staaten der Karibik, eine Initiative für die Wiedergutmachung der Sklaverei lanciert, unter der die Region während Jahrhunderten – und auch noch über die Emanzipation hinaus – gelitten hat. Unter dem Vorsitz des renommierten Historikers Sir Hilary Beckles aus Barbados, Vizekanzler der University of the West Indies in Mona (Jamaika), entstand die CARICOM Reparations Commission (CRC), und die Regierungen der klassischen Kolonialmächte Portugal, Spanien, Grossbritannien, Frankreich, Holland und Dänemark bekamen Post und wurden aufgefordert, an einer gemeinsamen Konferenz mit der CARICOM zu beraten, wie eine materielle Wiedergutmachung aussehen könnte.

Die CARICOM besteht aus den Ländern Antigua und Barbuda, den Bahamas, Barbados, Belize, Dominica, Grenada, Guyana, Haiti, Jamaika, St.Kitts und Nevis, St.Lucia, St.Vincent und den Grenadinen, Suriname, Trinidad und Tobago sowie Montserrat; assoziierte Mitglieder sind die Turks- und Caicosinseln, Anguilla, die Cayman Islands und Bermuda; Beobachterstatus haben Aruba, die Dominikanische Republik, Mexiko, Puerto Rico und Venezuela. Die Schweiz pflegt ihre diplomatischen Beziehungen zur CARICOM über ihren Botschafter in Venezuela.

Die gewichtigen 2 bis 3 Prozent

Fünf Jahre lang habe ich vergeblich versucht, mit der CARICOM Reparations Commission Kontakt aufzunehmen, weil ich sie davon überzeugen wollte, bei ihrem Projekt auch die Schweiz ins Visier zu nehmen, weil diese auch eine koloniale Vergangenheit in dieser Region hat.

Die Fakten sind nämlich mittlerweile klar: Schweizer Geschäftsleute, Firmen, Handelsbankiers, Familienunternehmen, Intellektuelle, Soldunternehmer und Offiziere haben sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in der Karibik (und darüber hinaus) an allen für die Sklaverei relevanten Aktivitäten beteiligt und davon profitiert: Sie haben mit Sklavinnen und Sklaven gehandelt, Sklavenplantagen besessen und verwaltet, in Dreieckshandels-Expeditionen investiert, Kolonialgebiete verwaltet, mit Gütern aus dem und für den Sklavenhandel Geschäfte gemacht und spekuliert, die Sklaverei militärisch abgesichert und den Anti-Schwarzen-Rassismus entwickelt und gefördert. Die karibischen Schwerpunktregionen waren dabei Saint-Domingue (Haiti), Suriname und Guyana (d.h. die Kolonien Berbice, Essequibo und Demerara), wo insgesamt 110 Plantagen ganz oder teilweise in Schweizer Händen nachgewiesen sind.

Verschiedene Schweizer Historikerinnen und Historiker haben versucht, den Schweizer Anteil am Menschheitsverbrechen Sklaverei im Kontext der europäischen Kolonisation in Amerika (the Americas) zu quantifizieren. Mir scheint heute eine vorsichtige Schätzung von 2 bis 3 Prozent realistisch, was nach wenig aussieht, wenn man es etwa mit den Anteilen von Portugal (ca. 30 Prozent) oder Frankreich (ca. 20 Prozent) vergleicht. Es ist aber unendlich viel, wenn man es mit den 0 Prozent in Beziehung bringt, von denen die Schweizer Öffentlichkeit (inklusive die meisten Historikerinnen und Historiker) bis in die 1990er-Jahre ausgegangen ist. Es ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass hinter diesen 2 bis 3 Prozent Zehntausende von versklavten und geschundenen Menschen stecken, und es ist ebenfalls überraschend viel, wenn man ausrechnet, dass der Pro-Kopf-Anteil für die kleine Schweiz etwa doppelt so hoch war wie für das grosse Frankreich.

Als meine Mails an die CRC unbeantwortet blieben, wandte ich mich an jenen Rechtsanwalt, der die CARICOM-Kommission in ihren Anfängen beraten und auch die Möglichkeit abgeklärt hat, die sechs Kolonialmächte vor einem Gericht einzuklagen. Martyn Day von der Londoner Anwaltskanzlei Leigh Day hatte sich einen Namen gemacht, als er es 2013 schaffte, für die Folteropfer des Ausnahmezustandes 1952–1960 in Kenia im Kontext des sogenannten «Mau-Mau-Aufstands» eine Wiedergutmachungszahlung durch die britische Regierung durchzusetzen.

Day fand den Einbezug der Schweiz bedenkenswert, leitete mein Anliegen an die CRC weiter und – hörte nichts mehr davon. Erst als ich die Geschichte beim jährlichen Gedenkanlass für Toussaint Louverture auf dem Fort de Joux dem US-amerikanischen Historiker Chandler B. Saint erzählte, der sich durch die Erhaltung des Hauses von Harriet Beecher Stowe (Uncle Tom’s Cabin) einen Namen gemacht hatte, kam der Durchbruch. «Wende dich an die Vizepräsidentin der Kommission», sagte er, «sie macht die Arbeit!»

Dann ging alles ziemlich schnell. Vizepräsidentin Verene A. Shepherd, jamaikanische Sozialhistorikerin und frühere Präsidentin der UNO-Kommission Working Group of Experts on People of African Descent, antwortete Ende 2018 innert Stunden auf mein Mail, wollte mehr Material und lud mich schliesslich ein, an zwei Videokonferenzen mein Anliegen zu vertreten: an einer Sitzung des CRC und an einem Treffen des jamaikanischen National Council on Reparations. Später folgte dann noch ein Interview in Shepherds wöchentlicher Sendung «Talking History» auf dem jamaikanischen «Radio Nationwide».

Das geschah alles Ende Januar 2019. Bald folgte eine erste provisorische Einladung, im Herbst an einem Symposium in Antigua zu «Western Banking, Colonialism and Reparations» teilzunehmen und dort in einem Hauptreferat die koloniale Rolle der Schweiz noch einmal darzustellen.

Kolonialismus und Klima-«Hiroshima»

Ich gebe zu, dass ich auch noch einmal nachschauen musste, wo genau Antigua liegt, und dass der Flug dorthin mir ökologisches Bauchweh verursachte. Doch dann entschloss ich mich, erstens eine Ökobilanz meines bisherigen Lebens zu erstellen und online zu stellen, und zweitens, die Einladung anzunehmen.

Dienstagabend, 8. Oktober 2019 Abflug in Zürich, Umsteigen in London (während die Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion die Strassen in der Innenstadt blockierten!), Abflug am Mittwochvormittag, Ankunft in Antigua am Mittwochnachmittag. Das Symposium fand am Donnerstag statt, am Freitag folgten Besprechungen, die abschliessende Pressekonferenz und eine kurze Inselrundfahrt, und dann am Abend wieder die Abreise nach London mit Ankunft in Zürich am Samstagabend.

Der Präsident der CARICOM Reparations Commission, der Historiker Sir Hilary Beckles eröffnet das Symposium.

Was bleibt von der ganzen Unternehmung? Viele neue Erkenntnisse aus den grossartigen und faktenreichen Referaten der Historiker-Kolleginnen und -Kollegen sowie ein eindrücklicher Positionsbezug des Premierministers von Antigua und Barbuda. Gaston Browne von der dortigen Labour Party, im Amt seit 2014, hatte schon im September vor der UNO-Vollversammlung ein pointiertes und aufrüttelndes Referat gehalten, in dem er auf die katastrophalen Folgen der Hurrikans Irma für Barbuda (2017) und Dorian für die Bahamas (2019) aufmerksam gemacht und diese unter dem provozierenden Begriff «an annual Hiroshima» in direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel brachte.

Nun, im einleitenden Referat am Symposium in seinem Heimatland, dessen Antigua and Barbuda Reparations Support Commission Gastgeberin des ganzen Treffens war, brachte er nochmals alles zusammen: die existenzielle Bedrohung kleiner Inselstaaten durch den Klimawandel, den unaufhaltsamen Strom von Klimaflüchtlingen in die entwickelten Länder des Nordens, das verheerende Erbe der Sklaverei und des Kolonialismus sowie die finanziellen Probleme der kleineren karibischen Staaten durch den Rückzug der grossen Banken aus der Region im Rahmen der sogenannten «de-risking-Strategie». Notabene jener Banken, die im 17. und 18. Jahrhundert aus der Ausbeutung der versklavten Arbeitskräfte hervorgegangen und als Trägerinstitutionen des «racial capitalism» ungeheuer reich geworden sind.

 

Was bleibt weiter? Viele eindrückliche Begegnungen mit engagierten Historikerinnen, Politikern und Künstlerinnen sowie mit Aktivisten von Basisbewegungen wie den Kalinago People (indigene Bevölkerung der kleinen Antillen) oder dem Rastafari Movement. Begegnungen, die zu weiteren Projekten und Vernetzungen führen werden und die einmal mehr deutlich gemacht haben, wie wichtig es für die postkolonialen Organisationen der schwarzen Karibik und für die Nachkommen der Opfer von Genozid und Sklaverei ist, zu wissen, dass es auch in Europa Genossinnen und Genossen gibt, oder, wie es auf Antigua jeweils hiess: «brothers and sisters», die ihre Anliegen aufnehmen und weitertragen.

Die Schweiz ist auf der Liste

Wie geht es weiter? An der Pressekonferenz war vom Präsidenten der CRC zu erfahren, dass die Kommission schon im Juni 2019 beschlossen hatte, die Liste der anvisierten Länder zu erweitern. Diese Erweiterung hatte sich einerseits auf mein Material zur historischen Rolle der Schweiz in der Karibik, andererseits auf die Slavery Voyage Database gestützt, eine gigantische Materialsammlung, welche Details zu allen 36’000 bekannten Sklavenschiffen auflistet und online zur Verfügung steht. Die zweite Runde der anvisierten Länder umfasst nun also Schweden, die Schweiz, Russland, Norwegen, Brandenburg und das Herzogtum Kurland (heute Teil von Lettland).

An der Pressekonferenz vom Juni war es dann, wie mir kichernd erzählt wurde, zu einem kleinen diplomatischen Eklat gekommen. Der Presseattaché und Leiter der konsularischen Abteilung der russischen Botschaft in Jamaika, Alexei Alexejewitsch Sasonow, war eingefahren und hatte die Seriosität der CRC-Recherchen in Frage gestellt: Dass das Schiff Голубчик (Taube), das 1838 von Odessa ausgelaufen und mit 306 noch lebenden Sklavinnen und Sklaven (von ursprünglich 340 verschifften) in Matanzas (Kuba) eingetroffen sei, unter russischer Flagge gesegelt sei, bedeute noch gar nichts. Ich konnte in meinem Referat am Symposium beruhigend darauf hinweisen, dass die Schweizer Komplizenschaft mit der Sklaverei dann doch auf viel breiterer Basis wissenschaftlich belegt sei als die russische.

Erhaltene Windmühlen auf der Zuckerplantage «Betty’s Hope», wo 1680 393 Sklavinnen und Sklaven arbeiteten.

Der Brief an den schweizerischen Bundesrat, so war auf der Pressekonferenz schliesslich zu erfahren, ist nun entworfen und geht an das Prime Ministerial Sub-Committee on Reparations, in dem zur Zeit Barbados den Vorsitz hat und das entscheidet, ob und in welcher Form er abgeschickt wird. Wann das sein wird, weiss ich nicht. Die politischen Mühlen der Karibik mahlen manchmal schneller, manchmal langsamer, je nachdem wie der Wind weht. Das galt auch für die 170 Windmühlen, welche 1705 auf der Zuckerinsel Antigua die Räderwerke antrieben, mit denen die Sklavinnen und Sklaven den Saft aus dem Zuckerrohr herauspressten.

Hans Fässler, 1954, ist unter anderem Autor des Buchs Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine zur Sklaverei (Rotpunktverlag 2005).

Dieser Beitrag erscheint im Novemberheft von Saiten.

4 Kommentare zu Schweizer Sklavereigeschichte in der Karibik

  • […] Konferenz auf der Antilleninsel Antigua über die Wiedergutmachung der karibischen Sklaverei macht.https://www.saiten.ch/schweizer-sklavereigeschichte-in-der-karibik/ Wo Sklaverei lange ausgeblendet wurde Auch Schweizer Unternehmerfamilien wie die Eschers und die […]

  • Michael Zeuske sagt:

    Sehr guter Artikel

  • […] Basler Fasnacht wegen Rassismus von der UNESCO-Liste streichenEine belgische Fastnacht könnte demnächst von der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes gestrichen werden. Die UNESCO hat die rassistischen und antisemitischen Sujets, die an dieser Fasnacht zu sehen waren, scharf verurteilt. Trotzdem haben die Organisator*innen im Vorfeld  der diesjährigen Ausgabe 150 antisemitische Karrikaturen veröffentlicht. Die UNESCO diskutiert an der nächsten Sitzung vom 9. bis 14. Dezember in Kolumbien über den Fall. 2017 hat die UNESCO 2017 entschieden, die basler Fasnacht auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO zu setzen. Just die Fasnacht, die in den vergangenen Jahren mit rassistischen Sujets Aufmerksamkeit erlangte. Es wäre also logisch über die Streichung der basler Fasnacht von der UNESCO-Liste zu entscheiden. https://fr.timesofisrael.com/un-carnaval-belge-imprime-caricatures-antisemites-pour-les-participants/Forderungen nach Reparaturzahlungen für den Schaden der Kolonialzeit unterstützen2013 hat die CARICOM, die Gemeinschaft von 14 Staaten der Karibik, eine Initiative für die Wiedergutmachung der Sklaverei lanciert. Die CARICOM forderte in einem ersten Schritt klassische Kolonialmächte wie Portugal, Spanien, Grossbritannien, Frankreich, Holland und Dänemark auf, sich mit ihnen für eine materielle Wiedergutmachung für den Schaden der Sklaverei zu einigen. Seit Juni dieses Jahres steht nun auch die Schweiz auf dieser Liste. Nicht zuletzt ist dies dem antirassistischen Historiker Hans Fässler zu verdanken, der zusammen mit einer jungen Generation von Historiker*innen auf die Rolle der Schweiz während der Kolonialzeit aufmerksam macht. Die jüngere Forschung zeigt deutlich: schweizer Geschäftsleute, Firmen, Handelsbankiers, Familienunternehmen, Intellektuelle, Soldunternehmer und Offiziere haben sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in der Karibik (und darüber hinaus) an allen für die Sklaverei relevanten Aktivitäten beteiligt und davon profitiert. Familien wie Eschers, Villigers und die Guisans haben mit Sklav*innen gehandelt, Sklav*innenplantagen besessen und verwaltet, in Dreieckshandels-Expeditionen investiert, Kolonialgebiete verwaltet, mit Gütern aus dem und für den Sklav*innenhandel Geschäfte gemacht und spekuliert, die Sklaverei militärisch abgesichert und den antischwarzen Rassismus entwickelt und gefördert. Dafür sollen sie endlich eine Entschädigung bezahlen. https://www.saiten.ch/schweizer-sklavereigeschichte-in-der-karibik/https://blog.derbund.ch/historyreloaded/index.php/4818/schweizer-heldengeschichten-mit-dunklen-flecken/ […]

  • Jürg Hadorn sagt:

    Agassiz wurde auch mit einer Schlange Phylodrias agassizi geehrt.

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