, 10. November 2018
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Schwejk und das Ende der Apokalypse

Vor hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. Kaum ein Buch hat den Irrsinn des Kriegs so getroffen wie die «Abenteuer des braven Soldaten Schwejk» von Jaroslav Hasek. Eine Verbeugung. von Toni Saller

… Der Kot der Soldaten aller Nationen und aller religiösen Bekenntnisse lag hier nebeneinander oder türmte sich in Haufen aufeinander, ohne dass sich diese Haufen untereinander gestritten hätten.

Das schreibt Jaroslav Hašek in seinem berühmten Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, einer grandiosen Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren, am 11. November 1918 zu Ende gegangen ist. Das Buch ist fast 800 Seiten stark und unvollendet geblieben, Hašek starb bereits 1923 nicht einmal 40-jährig.

Die Waffe Humor

Als rätselnder Europäer, der immer noch keine schlüssigen Erklärungen dafür hat, dass sich 1914-18 die angeblichen Spitzen der Zivilisation gegenseitig in Schutt und Asche gelegt haben, wird man im Jubiläumsjahr auf allen Kanälen mit Belehrungen bedient. Der Kanal ZDF-History etwa bringt ganze Serien zum Thema, man begleitet dabei unter dem Stichwort «Apokalypse» die Kamera direkt in die Schützengräben. Ein Blick in die europäischen Abgründe, den man sich lieber nicht antut.

Schwejk-Skulptur von Adam Przybysz im polnischen Sanok.

Erklärungen sind die eine Möglichkeit, Distanz zu schaffen. Jaroslav Hašek, heisst es, habe mit seinem Schwejk einen zweiten Weg gefunden: den Humor. Das stimmt allerdings nur zum Teil, man ist bei ihm mittendrin:

… In Ostgalizien erstreckte sich diese Gerichtsbarkeit, je näher man zur Front kam, auf immer niedrigere Chargen, bis sich schliesslich Fälle ereigneten, wo ein Korporal, der eine Patrouille führte, einen zwölfjährigen Jungen hängen liess, der ihm verdächtig schien, weil er in einem verlassenen und ausgeplünderten Dorf in einer eingestürzten Hütte Kartoffelschalen kochte.

Das Image eine «Schwankes» bekam Schwejk durch seine mehrmaligen Verfilmungen. Dazu gehört auch Alfred Rassers HD Läppli, eine auf Schweizer Verhältnisse neutralisierte Version, die aber hierzulande immer noch so subversiv wirkte, dass die Offiziersgesellschaft sie zensurieren wollte. Rasser hat tatsächlich den Geist Schwejks gut eingefangen und umgesetzt: das Aufs-Korn-Nehmen des Offizierswesens und den absurden, entwürdigenden Kadavergehorsam, den die Untergebenen ihren psychopathischen Offizieren entgegenbringen mussten. Rasser hat Hašeks Buch an vielen Stellen wortwörtlich übernommen und dies im Vorspann auch korrekt deklariert – laut dem Bonusmaterial lag das Filmprojekt neun Jahre in der Schublade, weil sich Rasser mit den Erben Hašeks nicht einigen konnte.

Die Waffe Verwirrung

Schwejk ist eines der besten Antikriegsbücher. Man könnte sich zur Aussage versteigen: Was der Don Quijote von Cervantes für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit leistet, leistet Hašek für die Epoche des Zusammenbruchs der europäischen Monarchien samt ihrem Grössenwahn.

Werke wie Remarques Im Westen nichts Neues oder Humphrey Cobbs Path of Glory, genial verfilmt von Stanley Kubrick, haben uns natürlich auch von der Vorstellung befreit, dass 1914 ganz Europa freudentränend in seinen Untergang gezogen ist. Der Witz von Hašek spitzt die erzwungene Kriegseuphorie aber noch zu – etwa wenn eine nicht hundertprozentig ehrfurchtsvolle Geste vor dem Kaiserporträt in einem noch so schäbigen Wirtshaus mit hundertprozentiger Sicherheit von einem betrunkenen Spitzel der Geheimpolizei registriert und zur Anklage gebracht wird. Im Militär wird Humor zum Hochverrat.

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Ausgaben bei Rowohlt, Reclam u.a.

Wir sind mit Soldat Schwejk immer am Rande der Gräueltaten, einen Schritt hinter der Front. Der Vorhang zum Theater der Grausamkeiten wird nicht gelüftet. Nicht nur, um uns zu schonen, sondern Hašek weiss natürlich, dass das nicht Gezeigte in der Fantasie eine umso stärkere Wirkung erzielen kann.

Vor dem Vorhang erleben wir, wie die strenge und uniformierte Elite des Habsburgerreiches jeglicher Moral entledigt mordet und vergewaltigt. Durch die Szene stolpert Schwejk, der nicht nur seine Offiziere mit seiner Widerspenstigkeit zum Verzweifeln bringt. Seine ellenlangen Erinnerungen und Erzählungen, mit denen er jeden kleinsten Befehl der Obrigkeit kommentiert, sind so zusammenhangslos wie das Herumirren der Truppe auf der Suche nach ihrem Einsatzgebiet und haben beinah dadaistische Qualität.

Hašek reales Leben ging in ähnliche Richtung; so hat er eine Zeitlang für einen Tierbuchverlag gearbeitet, dabei neue Tierarten erfunden und sie in aller Ernsthaftigkeit einem erstaunten Publikum präsentiert.

 

 

 

 

 

 

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