, 30. Januar 2021
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Schwerer Stand in Bundesbern

Stefan Breitenmoser, Gründer der Herisauer domino Event SARL, produziert üblicherweise die Bühnen im Sittertobel oder andere mittlere bis grössere Bühnen der Schweiz. Im Moment beschäftigen ihn aber vor allem die Verbandsarbeit und die Bundespolitik.

Stefan Breitenmoser in der St.Galler Tonhalle. (Bilder: Hannes Thalmann)

Normalerweise läuft es so: Sobald Openair-Chef Christof Huber die Acts gebucht hat, übernehmen Stefan Breitenmoser und sein kleines Team von domino Event. Sie wickeln die Verträge ab, organisieren Catering, Transport, Technik, Crew und Unterbringung.

Breitenmoser wüsste einige Anekdoten zu erzählen, von den kalifornischen Nu-Metal-Stars auf dem Gesundheitstrip etwa, die vor ein paar Jahren ernsthaft gefragt haben, wie viele Stunden vor Konzertbeginn das Festival gedenke, den Alkohol- und Rauchwarenkonsum zu unterbinden. Derlei Spezialwünsche seien aber aus der Mode gekommen, sagt Breitenmoser, für ihn seien das normale Menschen, die den Kontakt oft scheuten. Dem 51-jährigen Ausserrhoder kanns recht sein. «Ich bewege mich lieber hinter der Bühne, sonst wäre ich Künstler geworden.»

Mit Züri West in der Chälblihalle

Mit Leuten, die er seit Jahren bucht, kommt es dennoch zum Austausch. Mit Philipp Fankhauser beispielsweise oder Patent Ochsner. Der erste grosse Act, den er organisierte, waren Züri West in der Chälblihalle in Herisau. Damals anfangs der 90er-Jahre war domino noch ein Verein, der zum Ziel hatte, möglichst viele Junge jeglicher politischer Couleur zu einer Kandidatur in den überalterten Herisauer Einwohnerrat zu bewegen. Allerdings wollte niemand einen entsprechenden Anlass organisieren. Breitenmoser dachte sich, okay, ich versuchs.

«Von Musik hatte ich eigentlich keine Ahnung. Ich besass wohl nicht viel mehr als eine Iron-Maiden-Kassette und Thriller von Michael Jackson.» Als der Sänger von Züri West als erster in der Chälblihalle eintraf, unterhielt er sich lange mit Breitenmoser. Als der Rest der Band eintraf und fragte, ob Kuno schon da sei, verneinte Breitenmoser, der nicht gemerkt hatte, dass er sich gerade mit dem Frontmann der Berner Mundartrocker unterhalten hatte.

Heute spricht Breitenmoser von einem verlorenen Jahr 2020. Die Pandemie respektive die Eindämmungsmassnahmen treffen die Veranstaltungsbranche mit voller Härte. Für domino, mittlerweile seine GmbH, bedeutet das einen Umsatzeinbruch von rund zwei Dritteln: von üblicherweise 2,5 bis 3,5 Millionen jährlich auf gut 1 Million für 2020. «Der Einbruch ist nicht noch grösser, weil in der kurzen Phase von September bis Oktober Grossanlässe wieder erlaubt waren und wir ein paar Veranstaltungen durchführen konnten», sagt Breitenmoser. Zwischen 60 und 100 Anlässe veranstaltet domino jedes Jahr. In diesem Jahr waren es noch drei Dutzend.

Auf dem Programm stehen vornehmlich Kassenschlager: Schweizer Acts wie Philipp Fankhauser, Patent Ochsner, Seven, 77 Bombay Street, auch die Chippendales oder Comedygrössen wie Hazel Brugger, Paul Panzer, Rüdiger Hoffmann und immer wieder Kaya Yanar, der deutsch-türkische Zotenreisser mit Schweizaffinität, der sämtliche domino-Anlässe im kurzen Coronaherbst bestritt.

Kein Verbot – zu wenig staatliche Unterstützung

Die Reaktionen, die Breitenmoser auf seine Comedy-Veranstaltungen im Herbst erhalten hat, waren unterschiedlich. «Viele haben sich über die Ablenkung gefreut: zwei Stunden lachen und abschalten.» Rasch seien aber auch die Medien und die Moralisten zur Stelle gewesen und fragten: Sind Grossanlässe in dieser Situation zu verantworten? «Bis heute ist nicht erwiesen, dass Grossanlässe, für die es notabene Behördenbewilligungen und ausgefeilte Schutzkonzepte gab, zu den wesentlichen Treibern der Epidemie zählen», entgegnet Breitenmoser.

Die Tickets für die Herbstveranstaltungen sind noch vor dem Lockdown im März verkauft worden, später sei der Vorverkauf natürlich komplett zusammengebrochen, egal wann der Anlass hätte stattfinden sollen. Für 2021 zu planen – fast ein Ding der Unmöglichkeit. «Solange Anlässe nicht staatlich verboten sind, ist man als Eventunternehmer praktisch gezwungen, sie durchzuführen. Die Verluste wären sonst zu gross.»

Damit trifft Breitenmoser den Kern der Debatten um staatliche Hilfsmassnahmen. Solange der Betrieb in Einzelbranchen – egal ob Sportverein, Gastronomie oder Konzertlokal – der Gesundheit zuliebe nur eingeschränkt, aber nicht verboten wird, besteht nur teilweise oder kein Anspruch auf staatliche Entschädigung. Das schont Bürgerblockgemüter und kurzfristig auch die Staatskassen. Fragt sich bloss, wie lange die Taktik aufgeht.

Wirtschaftsfaktor Eventbranche

Im Branchenverband Swiss Music Promoters Association haben sich 1991 die grössten Schweizer Konzert-, Show- und Festival-veranstalter zusammengeschlossen. Zu den Mitgliedern zählen alle grossen, teils internationalen Player wie Gadget abc Eintertainment, Good News, Live Nation Schweiz oder Mainland sowie sämtliche grösseren Musikfestivals. Gemeinsam setzen die Mitglieder 80 Prozent aller Konzert-, Show- und Festivaltickets in der Schweiz ab, organisieren jährlich 2000 Veranstaltungen mit 3400 Künstlerinnen und Künstlern und setzen direkt über 400 Millionen Franken um.

Zwar werden bis 80 Prozent des anerkannten Schadens vergütet. Die Kantone, die neben dem Bund für die Hälfte der Ausfallentschädigungen aufkommen, setzen aber eigene Prioritäten. Wer die vollen 80 Prozent erhalte, könne anders am Markt auftreten. In solch ausserordentlichen Situationen sei der «Föderalismus nicht das optimale System, vorsichtig ausgedrückt». Wettbewerbsverzerrung: Glücklich, wer im spendableren Kanton sitzt. Welcher Schaden seiner Firma von Appenzell Ausserrhoden anerkannt wird, wusste Breitenmoser zum Zeitpunkt des Gesprächs im alten Jahr noch nicht.

Ein weiteres Kuriosum ist das Firmensitz-Prinzip, bei dem es vor allem um die Wahrung der Verwaltungseffizienz geht: «Entschädigt wird nicht nach Ort der abgesagten Anlässe, sondern nach Firmensitz des Veranstalters», erklärt Breitenmoser. «Das Greenfield Festival in Interlaken hat seinen Firmensitz in Zürich. In guten Jahren zahlt die Firma zwar Steuern in die Zürcher Staatskasse. Aber jetzt berappen die Zürcher Steuerzahler eben auch die Ausfälle im Berner Oberland.»

2020 ist für den domino-Chef ein arbeitsintensives, aber verlustreiches Jahr. «Den Grossteil der Zeit bin ich für den Verband tätig.» Seit rund 15 Jahren ist er Geschäftsführer der Swiss Music Promoters Association (SMPA) und in dieser Funktion auch Teil der Taskforce Culture, die sich im März gebildet und sich seither mehrfach direkt mit den Bundesbehörden ausgetauscht hat.

«Nicht irgendwelche durchgeknallten Kulturfuzzis»

Am 28. Februar traf sich die SMPA am Nachmittag vor den Swiss Music Awards zur Mitgliederversammlung in Luzern. Um zehn Uhr morgens flatterte unangekündigt das Verbot für Grossveranstaltungen rein. «Da hat mein Leben eine Wende genommen», sagt Breitenmoser. Die Verbandsarbeit sei schlagartig explodiert. Schnell habe sich das grosse Manko der Kulturverbände gezeigt: Man hat bisher zu wenig miteinander geredet. Gegenüber Bern fehlte die geeinte Stimme einer an sich wirtschaftskräftigen Branche, die nun plötzlich am Abgrund stand.

Aus all den Kulturverbänden, die Mitte März vom Bundesamt für Kultur BAK angehört wurden, bildete sich ad hoc die Taskforce Culture, um die professionellen Kulturschaffenden und -unternehmen an einen Tisch zu bringen und in Bundesbern geeint aufzutreten. Die Laienkultur ist hier nicht vertreten, weil die Interessen doch zu unterschiedlich gelagert sind, «auch wenn ihre Anliegen natürlich genauso berechtigt sind wie unsere», betont Breitenmoser.

Erst nach und nach begriffen die Behörden und Politik die Eigenheiten dieses Wirtschaftssektors mit seinen vielfältigen und atypischen Arbeits- und Anstellungsverhältnissen. Langsam wurde der Kultursektor als Verhandlungspartner ernst genommen – zumindest vom BAK. «Sie merkten bald, dass wir nicht einfach irgendwelche durchgeknallten Kulturfuzzis sind.»

Neustart der Kultur

Der zweite Kulturgipfel mit Bundesrat Alain Berset vom 25. Januar stand gemäss Mitteilung der Taskforce Kultur im Zeichen der Revitalisierung der Kultur. Es brauche Rahmenbedingungen für einen verbindlich planbaren Neustart, fordert die Taskforce und betont: Konzepte für die Wiederaufnahme von kontrollierten und sicheren Kulturveranstaltungen existierten (z.B. «Basler Modell»). Zudem müssten der «Massnahmendschungel» gelichtet und Finanzierungslücken geschlossen werden.

Am ersten grossen Kulturgipfel am 16. November habe sich Bundesrat Alain Berset erstmals direkt an den Gesprächen beteiligt. Sehr offen und sehr gut informiert sei er gewesen, resümiert Breitenmoser. «Ein grosser Teil seines Herzens schlägt für die Kultur.» Viel Konkretes schaute allerdings nicht heraus. Ein nächster Kulturgipfel wurde auf den 25. Januar angesetzt.

Harzige Verhandlungen mit dem BAG

Ein erster bundespolitischer Erfolg der Taskforce Culture war die Aufstockung der Kredite für Ausfallentschädigungen im 2021 von 50 auf 100 Millionen durch das Bundesparlament in der Herbstsession. Macht mit den Beiträgen der Kantone insgesamt 200 Millionen. Die Taskforce spricht sich seit März wöchentlich ab. Ein grosses Projekt sei nun die Planung der Revitalisierung des Kultursektors. Zudem setzt sie sich für die Anliegen der Kultur- und Veranstaltungsbranche wie Kurzarbeitsentschädigung für befristet Angestellte oder die Härtefallregelung ein. Beides wurde im Rahmen der Verhandlungen des Covid-19-Gesetzes in der Dezembersession beraten.

Schwieriger gestalteten sich die Unterhandlungen mit dem Bundesamt für Gesundheit BAG. Anfang August hatten Breitenmoser und je ein Vertreter von Petzi und der Bar und Club Kommission gegenüber Vertretern des BAG, darunter der damalige Direktor Pascal Strupler, bei einem Treffen die Standpunkte der Veranstalter dargelegt. Am 27. August wurde die SMPA zusammen mit anderen Verbänden aus Kultur und Sport nochmals eingeladen.

In den Gesprächen sei viel Verständnis signalisiert worden, aber in den Anordnungen des Bundesrates, die kurz darauf folgten, zeigte sich, dass die Anliegen des Kultursektors komplett übergangen wurden. Das BAG hatte Regelungen wie beispielsweise die Sektorpflicht erlassen, die zwar gut gemeint, aber in grösseren Hallen nicht umsetzbar gewesen seien. «Anfang Dezember haben wir nochmals beim BAG interveniert und gefordert, dass man das Versprechen vom Sommer, uns besser und regelmässig in die Verhandlungen einzubeziehen, endlich wahr macht.»

Nun hofft Breitenmoser, dass sich die epidemiologische Situation möglichst bald entspannt und das Publikum wieder Vertrauen fassen kann. So oder so wird 2021 ein schwieriges Jahr. Es brauche mindestens ein halbes Jahr Anlaufzeit, bis die Branche wieder auf den Beinen stehe. Und Künstler, die reisen können.

Der hier leicht aktualisierte Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

 

 

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